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Das Fenster als Bühne

© Daniel Hofer

Mit ihren Schaufenstergestaltungen für die Edelmarke Hermès hat Sarah Illenberger große Aufmerksamkeit erlangt. Im Interview spricht die Künstlerin über mutlose Dekorateure, Puppen in Kleidern und die Sehnsüchte des Flaneurs.
Interview: Mirko Hackmann

Das lichte Loft im ersten Stock eines Hinterhofgebäudes im Berliner Wedding mutet an wie eine chaotische Mischung aus Werkstatt, Kreativladen und Blumengeschäft. Sarah Illenberger scheint an Dutzenden Sachen gleichzeitig zu arbeiten und das Material für unzählige weitere Projekte in den hohen Regalen eingelagert zu haben. Die Wände des Ateliers hängen voll mit Skizzen und Werkzeugen, auf Tischen und Ablagen liegen zahllose Objekte aus Papier, Holz und allem Möglichem. Bevor sie bereit zum Gespräch ist, bittet Illenberger eine ihrer beiden Assistentinnen, Löcher in den Stein zu bohren, der gerade auf der Werkbank liegt: „So ungefähr 50. Ruhig recht tief, sodass die Akupunkturnadeln gut halten.“

Sarah Illenbergers Übersetzung des Hermès-Jahresthemas "Natur in vollem Galopp". Anklicken zum Vergrößern. © Hermès

Sarah Illenbergers Übersetzung des Hermès-Jahresthemas “Natur in vollem Galopp”. Anklicken zum Vergrößern. © Hermès

Frau Illenberger, was fasziniert Sie an Schaufenstern?
Ich liebe lebendige Städte, und Schaufenster interagieren mit dem Leben auf der Straße und den Leuten, die an ihnen vorbeiflanieren. Sie sind ein wesentlicher Grund, warum sich Menschen gern in Straßen aufhalten. Für mich persönlich bieten Schaufenster zudem eine wunderbare Plattform, um meine dreidimensionalen Arbeiten auszustellen. Insbesondere mag ich es, die Reaktionen der Passanten zu beobachten, wenn ich dabei bin, meine Objekte in den Fenstern zu installieren.

Kinder lieben Schaufenster und drücken sich bisweilen ihre Nasen daran platt. Haben Sie Erinnerungen an frühe Schaufenstererlebnisse?
Meine Mutter ist Juwelierin und verwandte seit jeher viel Zeit und Mühe darauf, ihr Schaufenster zu gestalten. Da ich selbst als Kind viel gebastelt habe, um mir meine eigenen Fantasiewelten zu erschaffen, war ich von den wechselnden Schaufensterarrangements natürlich sehr fasziniert. Spannend fand ich zudem den Perspektivwechsel: mal von außen nach innen, mal von innen nach außen durch sie hindurchzuschauen. Als Teenager begeisterten mich die Kaufhausschaufenster auf den riesigen Boulevards von Paris. Sie erschienen mir wie kleine, in sich geschlossene Welten, die mich zum Träumen verleiteten.

"Natur in vollem Galopp". Anklicken zum Vergrößern. © Jens Bösenberg

“Natur in vollem Galopp”. Anklicken zum Vergrößern. © Hermès/Jens Bösenberg

Früher unternahmen Familien gemeinsam Schaufensterbummel, heute stöbert jeder für sich im Internet. Ist Surfen die neue Art des Flanierens?
Vielleicht. Doch man verliert sich völlig bei diesem High-Speed-Flanieren, und zum Träumen bleibt kein Raum, weil alles nur einen Mausklick entfernt ist – und schon am nächsten Tag vor der Tür steht.

Eine Person wie Holly Golightly, die in „Frühstück bei Tiffany“ viel Zeit damit verbringt, die Auslagen des berühmten Juweliergeschäfts anzuschmachten, wäre also heute nicht mehr zeitgemäß?
Wenn potenziell alles sofort verfügbar ist, kann Sehnsucht nicht erwachsen. Letztlich ist das Flanieren aber auch eine Frage der Kultur. In Italien und Frankreich gehen Familien nach dem Wein durchaus noch gemeinsam bummeln; in Deutschland ist das eher selten der Fall. Eigentlich überraschend. Denn in einem Schaufenster überlagert sich bei günstigem Lichteinfall das Objekt der Begierde mit der Spiegelung der eigenen Person. Dieser Überlagerungseffekt ist womöglich der Grund, warum sich Menschen für Kunstwerke wie Olafur Eliassons „Weather Project“ begeistern: Sie verschmelzen mit der Kunst. Viel mehr narzisstisches Glück ist kaum denkbar.

Warum wirkt die Schaufenstergestaltung in Deutschland häufig eher uninspiriert?
Über viele Jahre war das definitiv so. In jüngerer Zeit lässt sich aber zumindest bei Teilen der Händlerschaft ein Umdenken ausmachen. Womöglich hat es mit der Konkurrenz durch den E-Commerce zu tun, dass eine Art Rückbesinnung stattfindet. Zugleich haben viele Händler entdeckt, dass Passanten als Multiplikatoren wirken, weil sie gelungene Schaufensterdekorationen über Blogs und soziale Medien teilen. Insofern leiden die Händler unter der Digitalisierung, weil die Frequenzen sinken, profitierten aber zugleich von der einfachen und kostenlosen medialen Verbreitung ihrer Wareninszenierungen. Dem sollte die Dekorateursausbildung stärker Rechnung tragen: Es reicht heute nicht mehr aus, Puppen in Kleider zu stecken.

© Hermès/Kilian Bishop

Sarah Illenbergers Übersetzung des Hermès-Jahresthemas “Flaneur”. Anklicken zum Vergrößern. © Hermès/Kilian Bishop

Wie gehen Sie vor, wenn Sie, wie in den vergangenen drei Jahren, die Schaufenster für die Flagshipstores der französischen Edelmarke Hermès gestalten?
Experimenteller! Einzige Vorgabe sind die jeweiligen Jahresthemen von Hermès: „Flaneur“ war das erste, es folgte „Natur in vollem Galopp“, in diesem Jahr lautete es „Sinn der Objekte“. Mir geht es im Wesentlichen darum, Geschichten zu erzählen, in denen sich der Betrachter verlieren kann. Bisweilen verwende ich kleine Motoren, um Bewegungen zu erzeugen. Das zieht die Menschen auf ähnliche Weise an wie ein funkelndes Kaminfeuer. Ich möchte die Fantasie der Betrachter anregen und Begehrlichkeiten wecken. Das eigentliche Produkt steht gar nicht so sehr im Fokus. Vielmehr ergänzen sich die Geschichten aus den einzelnen Fenstern zu einem Buch mit mehreren Kapiteln, also zu einer Erzählung.

Anklicken zum Vergrößern. © Hermès/Kilian Bishop

Sarah Illenbergers Übersetzung des Hermès-Jahresthemas “Flaneur”. Anklicken zum Vergrößern. © Hermès/Kilian Bishop

Als Material verwenden Sie in der Regel Alltagsgegenstände und setzen sie in einen neuen Kontext …
Ich sehe das als eine humorvolle Art, den Blick des Betrachters zu manipulieren. Dinge aus der gewohnten Alltagswelt verwandeln sich in etwas vollkommen Neues, wenn ich sie in ein anderes Umfeld stelle. Das ist ein sehr spielerischer Prozess. Diese Neukontextualisierung ist meine Form des künstlerischen Ausdrucks, meine eigene Art der Sprache sozusagen.

 

Sarah Illenberger in ihrem Atelier. Anklicken zum Vergrößern. © Daniel Hofer

Sarah Illenberger in ihrem Atelier. Anklicken zum Vergrößern. © Daniel Hofer

 

Sarah Illenberger,
1976 in München geboren, ist eine in Berlin ansässige Künstlerin, Illustratorin und Designerin. Nach ihrem Studium am Central Saint Martins College of Art and Design gründete sie zunächst ein Schmuck­label und arbeitete fünf Jahre lang als Grafikdesignerin für das Magazin Neon. Seit 2007 unterhält sie ein Atelier in Berlin. Aus unterschiedlichen Materialien und mittels verschiedener Techniken kreiert sie Installationen, die sie später abfotografiert oder an öffentlichen Orten ausstellt. Ihre Arbeiten erscheinen in Büchern, Magazinen, Digitalmedien und Schaufenstern. Zudem produziert Illenberger Designobjekte in limitierten Auflagen.

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