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Spielend zahlen

© Scansation

Die Zeiten, da bekittelte Damen im Supermarkt selbstklebende Etiketten auf Joghurtdeckel pappten, sind lange vorbei. Heute eröffnen die allgegenwärtigen Barcodes mannigfaltige Self-Scanning-Lösungen. Mit welchen Zahlungssystemen auch kleine Händler punkten können.
Text: Christine Mattauch

Für eine Weltpremiere ist es ein eher unwahrscheinlicher Ort: der kleine Supermarkt mit dem schönen Namen „Isargärten“ im südlichen München, im gutbürgerlichen Stadtteil Thalkirchen. Am Eingang Blumenerde, Paprika, Wassermelonen. Und ein großes Roll-up, das wirbt: „Einkaufen wird entspannter – mit Scansation“. Scanwas?

An die Frage hat sich Robin Grosjean mittlerweile gewöhnt. Er leitet den Lebensmittelmarkt gemeinsam mit seiner Frau Katharina, der Inhaberin. Seit Ende Juli können sich ihre Kunden kostenlos eine App aufs Smartphone laden und damit Barcodes scannen, wenn sie die Waren aus dem Regal nehmen. Dafür entfällt an der Kasse das Aus- und Einräumen des Einkaufswagens – man zeigt einfach das Handy vor. Bezahlt wird ganz normal, und das findet Grosjean wichtig. „An anderen Self-Scanning-Lösungen hat mich gestört, dass die Kunden keinen Kontakt zum Personal mehr haben“, sagt er. „Das persönliche Gespräch ist doch der größte Vorteil, den wir gegenüber den Onlinehändlern haben.“

Entwickelt wurde Scansation von den Münchner Wirtschaftsmathematikern Andreas Klett und Leo von Klenze. Für sie ist die Beschleunigung des Kassenprozesses nur der Anfang, denn die App soll künftig auch Sortimentshinweise liefern und Kunden personalisierte Werbung aufs Smartphone spielen. „Wir wollen auch kleineren Händlern die Arbeit mit Daten ermöglichen“, sagt Klett.

Bargeldhaltung aufwendig und teuer
Schneller, komfortabler, datenintensiver – so verändert der digitale Wandel auch Kassen-, Preis- und Bezahlsysteme. Zu den Disruptoren zählt, wieder einmal, der amerikanische Gigant Amazon, der in einem 170 Quadratmeter großen Testladen in Seattle versucht, das Zahlen mithilfe von Sensoren, Kameras und selbstlernenden Algorithmen komplett zu automatisieren. Kein Grund zur Panik, beruhigt Cetin Acar, Projektleiter im Forschungsbereich IT des EHI Retail Institute in Köln: „Der Handel wird nicht von heute auf morgen auf bargeldlos umstellen.“ Allerdings sollten die Händler die Entwicklung sehr genau verfolgen: „Man muss schon darauf achten, dass man wichtige Trends nicht verpasst.“

Zu diesen Trends gehört, dass sich das Smartphone zum Zahlungsmedium entwickelt. „Noch sind die Nutzungsraten eher bescheiden, aber das wird sich ändern“, sagt Experte Acar. Und das, so findet er, hat durchaus Vorteile, gerade für den inhabergeführten Einzelhandel. „Bargeldhaltung wird zunehmend aufwendig und teuer.“ Apps der ersten Stunde wie Apple Pay oder Google Wallet, die sich hierzulande nicht recht durchsetzen konnten, werden durch Neuentwicklungen ergänzt. Vodafone etwa hat vor Kurzem seine Wallet-App mit Visa-Kreditkarten und Paypal-Konten verbunden. Damit sie im Laden funktioniert, muss die Kasse NFC-fähig sein. In Deutschland ist das nach Angaben des EHI bei 82 Prozent der großen und 22 Prozent der kleinen Handelsunternehmen der Fall.

Es geht auch simpler. Die Bezahl-App Payback Pay bucht die Beträge per Lastschrift vom Girokonto ab. Dabei wird ein QR-Code generiert, den der Kassierer per Scan einlesen kann. Auf diese Weise wird auch bei Scansation der digitale Warenkorb in die Kasse übertragen. Ebenfalls per Scan funktioniert das System Blue Code, das in Österreich bereits an über 18 000 Kassen im Einsatz ist und jetzt auf den deutschen Markt kommt. Auch Blue Code überweist den Zahlungsbetrag direkt vom Girokonto. Dazu wird eine einmalige TAN kreiert, die als Strichcode auf dem Handy erscheint. Die Daten sind geschützt, weil durch das TAN-Prinzip keine Rückschlüsse auf die Person möglich sind.

Händler, die ihr Kassensystem von analog auf digital umstellen müssen, können das heute mit vergleichsweise geringem Aufwand tun, zum Beispiel mit einem iPad, auf das eine Software geladen wird. Beliebte Anbieter wie Tillhub, mit dem der Handelsverband Bayern kooperiert, oder iZettle liefern dazu auch Zubehör wie Drucker, Kartenterminal und Handscanner. Als gute Lösungen gerade für kleinere Händler gelten zum Beispiel auch Locafox, Korona von Combase oder Factorplus. Was am besten passt, hängt von der Branche ab, vom konkreten Bedarf und von persönlichen Vorlieben.

Elektronische Preisschilder per Tablet anpassen
„Jeder Händler, der überleben will, muss sich überlegen, auf welche Weise er digital werden will“, sagt Michael Unmüßig, Geschäftsführer von SES-Imagotag Deutschland in Ettenheim bei Freiburg. Sein Unternehmen hat elektronische Preisschilder entwickelt, die der Händler per Laptop oder Tablet anpassen kann – je nach Uhrzeit, Wetterlage oder Preisgestaltung der Onlinekonkurrenz. Die dynamische Preisauszeichnung lohnt sich besonders bei Artikeln, die spontan gekauft werden. Starterpakete gibt es laut Unmüßig bereits ab 1.000 Euro. Aufwendiger wird es, wenn die Lösung mit dem Warenwirtschaftssystem verbunden werden soll.

Noch wenig verbreitet ist in Deutschland das sogenannte Crosschannel-Payment – eine Zusammenführung des Zahlungsverkehrs, unabhängig davon, ob der Kunde im Laden, im Onlineshop oder über eine mobile Plattform kauft. Bei den Poseidon-Terminals der Heidelberger Firma Talihu können die Kunden frei entscheiden, ob sie stationär oder online kaufen, konventionell an der Kasse zahlen oder sich den ganzen Vorgang aufs Handy ziehen wollen. Freilich setzt das eine entsprechende Flexibilität auf Händlerseite voraus – und eine digitale Produktdatenbank.

Vielleicht wird auch der Münchner Lebensmittelladen „Isargärten“ eines Tages mit solcher Technik experimentieren. Vorerst konzentrieren sich die Grosjeans jedoch auf Scansation. Wenn sich das Experiment gut anlässt, wollen sie die Neuheit auch in ihrem zweiten Laden einführen, den sie nächstes Jahr im Münchner Westen eröffnen werden. In den Büros der Umgebung dort arbeiten viele junge Leute. Robin Grosjean hofft: „Die werden Scansation als nette Spielerei ansehen.“

 

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