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Smarter Klassiker

© Wanzl Metallwarenfabrik

Vor 80 Jahren startete der Einkaufswagen seinen Siegeszug um die Welt. Mehr als dreieinhalb Millionen der Gefährte werden pro Jahr produziert – gut die Hälfte davon beim deutschen Weltmarktführer Wanzl. Dank digitaler Technik wird der Klassiker nun sogar schlau.
Text: Christine Mattauch

Manche Dinge sind so vertraut, dass es nicht gleich ins Auge fällt, wenn sie ihrem Zweck entfremdet werden. Wer das Gelände der Firma Wanzl im schwäbischen Leipheim betritt, wundert sich über ein Dutzend Einkaufswagen, die um einen Teich gruppiert sind. Erst auf den zweiten Blick wird klar, dass es Stühle sind – nur eben in dem typischen Drahtdesign, das an den praktischen Klassiker aus dem Supermarkt erinnert.

Wanzl darf das, denn die aparten Sitzgelegenheiten stammen aus der eigenen Produktion – das Familienunternehmen ist Weltmarktführer beim Bau von Einkaufswagen, ein typischer Hidden Champion, den außerhalb der Branche kaum jemand kennt. Viele Kunden von Supermärkten freilich sind unbefugt kreativ – für die Händler, denen die Wagen entwendet werden, ein teures Ärgernis. Einkaufswagen werden zu Grills umfunktioniert, zu Pflanzkübeln, Zäunen oder kuriosen Fahrzeugen.

Mit Becherhalter oder Babyschale
Der so beliebte Klassiker feiert in diesem Jahr seinen 80. Geburtstag. Es ist ein denkwürdiges Datum, denn mit dem Einkaufswagen begann weltweit eine neue Ära: die Selbstbedienung. Das Grundprinzip – Korb auf Rollen – blieb über die Jahrzehnte unverändert. Und das gilt wohl auch für die Zukunft, selbst wenn das Gefährt im Zuge der Digitalisierung zusätzliche Funktionen erhält (siehe Interview unten).

Die Modellpalette freilich kann sich heute mit der der Autoindustrie messen. Großmärkte, Baumärkte, Drogerien – nahezu jedes Segment hat seinen eigenen Wagentyp, plattformorientiert oder kindgerecht, mit Ablagen für Sperriges oder für Kleinstartikel. Bei Wanzl können Händler die Varianten über einen Onlinekonfigurator zusammenstellen. Neben Draht gibt es Kunststoffwagen und für beide jede Menge Extras: von Lupen über Becherhalter bis zu Babyschalen. Ganz abgesehen vom individuellen Design: Das steigende Markenbewusstsein des Handels drückt sich auch via Einkaufswagen aus, in Sonderformen und poppigen Farben.

Kleine Einkaufswagenstatistik
Zwischen drei und dreieinhalb Millionen Einkaufswagen gibt es in Deutschland, schätzt das Unternehmen Wanzl. Je nachdem, wie intensiv sie genutzt werden, sind sie durchschnittlich zwischen sieben und zehn Jahre im Einsatz und fahren in dieser Zeit bis zu 12.000 Kilometer. Die Rollen müssen nach etwa 4.000 Kilometern ausgetauscht werden. Trotz Münzpfand kommen beachtliche Stückzahlen abhanden – jeder zwanzigste, nach einigen Quellen sogar jeder zehnte Einkaufswagen wird gestohlen. Für Händler ein spürbarer Verlust, denn die Kosten liegen je nach Modell zwischen 90 und 300 Euro.

Und das ist noch nicht das Ende. Das Deutsche Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz experimentiert mit Bremssystemen und Wegfahrsperren. Wanzl vernetzt erste Modelle mit Smartphone und RFID-Chips. Sie werden bereits in einem Markt in England und in Deutschland bei Edeka Gebauer getestet. Und dann gibt es noch Start-ups wie Follow Inspiration, die Roboter zu Einkaufshelfern machen möchten. WiiGo heißt der Prototyp, der sich das Gesicht des Kunden merkt, ihm durch den Supermarkt folgt und seine Ware trägt. Die Idee hatte der Portugiese Luís de Matos, der im Rollstuhl sitzt, seit er 14 ist, und sich lange darüber ärgerte, wie schwer das Einkaufen für ihn ist. Auf Messen sorgt der WiiGo regelmäßig für Furore, technisch ausgereift ist er jedoch noch nicht, geschweige denn wetterfest. Trotzdem könnte der Roboter besonders für Gebrechliche und Behinderte eine Hilfe sein. Weshalb auch Wanzl mit den Portugiesen kooperiert.

Erfunden wurde der Einkaufswagen im amerikanischen Oklahoma City. Dort kam Drugstorebesitzer Sylvan Goldman auf die Idee, Einkaufskörbe auf Stühle mit Rollen zu montieren. Sein Kalkül: Wenn seinen Kunden die Arme nicht schwer werden, könnten sie mehr kaufen. Andere Händler schauten sich das Prinzip ab – und als 1947 die deutsche Tochter des amerikanischen Kassenherstellers NCR jemanden suchte, der einen Korb als Aufsatz für einen Einkaufswagen herstellen konnte, fiel die Wahl auf Rudolf Wanzl, der eine Metallwerkstatt betrieb. Eines dieser frühen Modelle ist heute der Star im Showroom  des Unternehmens: ein Drahtkorb, der Boden kaum größer als ein DIN-A4-Blatt, mit handgenähtem Ledergriff und einer Kleinartikelschale aus Blech.

Roboter als Einkaufshilfe: Der Prototyp WiiGo merkt sich das Gesicht des Kunden, folgt ihm durch den Supermarkt und trägt die Ware. Anklicken zum Vergrößern. © Messe Düsseldorf/ctillmann

Roboter als Einkaufshilfe: Der Prototyp WiiGo merkt sich das Gesicht des Kunden, folgt ihm durch den Supermarkt und trägt die Ware. Anklicken zum Vergrößern. © Messe Düsseldorf/ctillmann

Was heute so selbstverständlich erscheint, war damals eine Sensation – davon zeugen alte Fotos, auf denen Einkäufer mit großen Augen eine Einkaufswagenvorführung verfolgen. Der Sohn des Werkstattbetreibers, Rudolf Wanzl junior, war von der Innovation so fasziniert, dass er zu dem pfiffigen Ladenbesitzer Goldman in die USA flog. Die Dinge nahmen ihren Lauf, und so wurde aus dem Familienunternehmen im verschlafenen Leipheim der Weltmarktführer der Einkaufswagenproduktion.

Onlinehandel senkt den Bedarf
Wanzl beschäftigt heute 5.000 Mitarbeiter und setzt jährlich 700 Millionen Euro um. Allerdings: Einkaufswagen machen nur noch 40 Prozent vom Umsatz aus. Längst hat das Unternehmen weitere Standbeine wie Ladenbau, Warenpräsentation und Gepäckwagen. Dabei ist es noch immer in Familienbesitz. Vorsitzender des Aufsichtsrats ist der Enkel des Firmengründers, Gottfried Wanzl.

Weltweit werden heute jährlich dreieinhalb bis vier Millionen Einkaufswagen produziert, davon kommen mehr als die Hälfte von Wanzl. Ein krisenfestes Geschäft, so schien es jahrzehntelang. Jetzt, da sich der Lebensmittelhandel anschickt, digital zu werden, da Traditionsmärkte und neue Spieler wie Amazon Lieferservices anbieten, scheinen die Perspektiven nicht mehr so günstig. Der Immobiliendienstleister Savills schätzt, dass bis 2025 etwa 1.700 von derzeit rund 35.000 Filialen in Deutschland überflüssig werden – womit sich der rückläufige Trend der letzten Jahre allerdings verlangsamen würde. Gottfried Wanzl glaubt, dass viele Verbraucher Lebensmittel weiterhin sehen wollen, bevor sie sie auswählen: „Den stationären Handel wird es immer geben.“

 

Gottfried Wanzl. Anklicken zum Vergrößern. © Wanzl Metallwarenfabrik

Gottfried Wanzl. Anklicken zum Vergrößern. © Wanzl Metallwarenfabrik

 

„Die Möglichkeiten sind unendlich“

Gottfried Wanzl, Vorsitzender des Aufsichtsrats der Wanzl GmbH & Co. Holding KG, über den Einkaufswagen der Zukunft

Wird der Einkaufswagen durch den Onlinehandel zum Auslaufmodell?
Sicher treiben Herausforderungen wie Amazon Fresh dem einen oder anderen Händler Sorgenfalten auf die Stirn. Aber der Onlinehandel wird bei Lebensmitteln langsamer vorankommen als in Produktbereichen wie Musik oder weiße Ware. Selbst Amazon gibt dem stationären Handel eine Zukunft, was man daran sieht, dass der Konzern die amerikanische Supermarktkette Whole Foods übernommen hat.

Wanzl will dem stationären Handel helfen, sich gegenüber der Onlinekonkurrenz zu behaupten. Wie?
Unter dem Oberbegriff Wanzl Connect machen wir den Einkaufswagen sozusagen verfolgungsfähig. Das gibt den Händlern Hinweise, wie sie ihre Läden gestalten und ihre Kunden besser bedienen können. Kommt es an der Kasse zu Warteschlangen, sind genügend Einkaufswagen in der Parkbox? Man kann die Wagen mit Sendern ausstatten, die ein auffälliges Kundenverhalten melden, das auf Diebstahl oder Beratungsbedarf hinweist. Vielleicht ist auch individuelles One-to-one-Marketing möglich, wie es die Online-Anbieter machen. Daran arbeiten wir. Wir denken auch darüber nach, das Pfandsystem mit Münze durch eine bargeldlose Diebstahlsverhinderung zu ersetzen.

Wann wird das in der Praxis eingesetzt werden?
Das hängt vom Handel ab. Dass man einen Chip oder eine Identifikation an einem Einkaufswagen anbringen kann, das funktioniert heute schon. Wir liefern die Infrastruktur, um mehr mit diesen Daten anzufangen. Die Möglichkeiten sind unendlich. Der Handel muss wissen und für sich entscheiden, was er braucht und umsetzen möchte.

In Umfragen wünschen sich Kunden häufig Hilfe bei der Navigation.
Technisch möglich ist das, aber ich glaube, dass die meisten Kunden ihre Märkte gut kennen und wissen, wo sie was finden. Wenn Navigation erforderlich ist, wird sie eher über das Handy laufen. Das gilt auch für Funktionen wie Bezahlen oder den elektronischen Einkaufszettel.

Bleiben derart aufgerüstete Einkaufswagen bezahlbar?
Vielleicht muss nicht jeder Laden damit ausgestattet sein. Wenn ein Lidl oder Aldi Tausende Filialen hat, reichen einige wenige, um Trends und Änderungen im Konsumverhalten oder Reaktionen auf Sonderangebote zu erkennen. Diese Innovation wird sich nicht in unendlichen Umsätzen niederschlagen, aber es lassen sich Anhaltspunkte dafür gewinnen, wie man sich verbessern kann.

Also Marktforschung mittels smarten Einkaufswagen.
Die RFID-Technik eröffnet Möglichkeiten, die weit über den Grundnutzen des Wagens hinausgehen. Er wird zum Informationsgewinnungsmittel. Trotzdem werden Einkaufswagen auch künftig vier Räder haben und keine fahrbaren Computer sein. Es ist schwer genug, Einkaufswagen zu elektrifizieren und wetterbeständig zu machen. Aber wenn er verloren geht und es ist viel IT drin, dann ist das schnell richtig teuer.

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