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Vier gewinnt

© Jan Zappner/imagetrust

Namhafte IT-Unternehmen werden in Deutschland kaum gegründet. Marco Börries ist aus dem Silicon Valley zurückgekehrt, um das zu ändern. Nach acht Jahren Entwicklungszeit bringt er sein viertes Unternehmen an den Start. Enfore will weltweit kleine Firmen ins digitale Zeitalter führen. Die Telekom und einige Investoren halten die ambitionierten Pläne nicht für leere Worte. Text: Ralf Kalscheur

Marco Börries besitzt noch ein paar Häuser in Kalifornien, niemals geht man so ganz. Er pflegt die alten Kontakte, mit dem Silicon Valley verbinde ihn eine „sehr tiefe Beziehung“. In Palo Alto entdeckte er als 15-jähriger Austauschschüler aus Lüneburg seine Liebe zum Programmieren und Unternehmen. Zur Jahrtausendwende kehrte der Mehrfachgründer und Multimillionär ins Tal zurück, nunmehr zumindest hierzulande bekannt als „deutscher Bill Gates“. Er legte sich sehr weiße Zähne zu, sogenannte American Teeth, und den Umlaut im Nachnamen ab.

Nicht nur die hiesige Gründerszene nahm es darum wunder, als sich Börries 2009 entschied, das Mekka der Hightechindustrie zu verlassen. Warum schmiss der amtierende Executive Vice President des zu dieser Zeit noch global bedeutenden Players Yahoo hin, um in Deutschland in der Versenkung zu verschwinden und fast acht Jahre an seinem neuen Start-up zu arbeiten?

„Wir wollten unsere drei Kinder in Europa aufziehen“, erklärt Börries den privaten Hintergrund seiner Rückkehr. „Zum anderen wusste ich, dass der Aufbau von Enfore einen längeren Zeitraum in Anspruch nehmen würde.“ Enfore ist seine vierte Unternehmensgründung, der Name der AG steht lautmalerisch für die Abkürzung von Number Four, N4. „Das Silicon Valley war früher ein Tal der Missionaries, heute ist es eines der Mercenaries“, rechnet Börries mit dem zunehmenden IT-Söldnertum ab. Talentierte Entwickler ziehen von Firma zu Firma, angelockt von immer höheren Gagen, statt einer Idee mit Herzblut bis zur Marktreife verhaftet zu sein. Er hätte sein langfristig aufgezogenes Start-up dort nicht entwickeln können, erzählt der 49-Jährige, schon aus Gründen der Geheimhaltung. Also startet er seine „digitale Revolution“ vom Berliner Hauptsitz und von einem Büro in Hamburg aus. Zu den insgesamt 65 Mitarbeitern an den beiden Standorten seines viel beachteten Projekts gehören etliche Entwickler, auf die der Entrepreneur schon bei seinen früheren Unternehmungen zählen konnte.

Zur Person
Marco Börries gründete 1985 als 16-Jähriger seine erste Firma Star Division, aus der später OpenOffice wurde. Mit seiner zweiten Firma Star Finanz entwickelte er Onlinebankingsoftware für den Sparkassenverband. Beide Firmen verkaufte er und gründete 2001 Verdisoft. Yahoo kaufte ihm die frühe Cloud-Technologie 2005 ab und ernannte Börries zum Vizepräsidenten. Er schied 2009 aus und startete Enfore.

Bei der Internationalen Funkausstellung sitzen wir in einem Besprechungsraum auf dem Stand der Deutschen Telekom. Börries ist der Mann der Stunde, Händeschütteln ohne Unterlass, doch er wirkt eher gelöst als gestresst. Seine Anreise war kurz. Der Hauptwohnsitz seiner Familie ist in Hamburg, doch der Unternehmer hält sich zwei Tage in der Woche in seiner Wohnung in Berlin-Mitte auf. So weit es seine hanseatische Zurückhaltung zulässt, erläutert er sein Business-System mit sichtbarer Begeisterung für die Sache und sehr ausführlich. Die Zeit bis zum Marktstart hat wahrlich lange genug gedauert.

Das größte Unternehmen der Welt
„Ich habe die letzten 25 Jahre über das Thema ‚kleine Unternehmen‘ nachgedacht. Davon gibt es 200 Millionen in allen Branchen weltweit. Die intellektuelle Herausforderung bestand darin, die Gesamtheit dieser Kleinunternehmen als ein Aggregat, als das größte Unternehmen der Welt abzubilden.“ Weltweit gebe es keinen IT-Anbieter, der auch nur annähernd zehn Prozent dieses Markts bediene, „weil alle den falschen Ansatz gewählt haben“, meint Börries. „Homepage-Builder lassen den Händler allein, sobald die Seite steht.“ Kassensysteme wie Orderbird, Bezahlplattformen wie iZettle oder Small-Business-Systeme wie eCabo decken keinen vergleichbaren Funktionsumfang ab. Künftig wolle sich Enfore zudem auch anderen Anbietern öffnen, so Börries. Per Open Source könnten so schnell neue Apps hinzukommen. Und ERP-Lösungen für den Mittelstand, etwa von Salesforce oder SAP, sind nicht billig und verbinden zudem die Kraft der vielen Kleinen nicht.

Startschuss: Deutschland ist der erste Markt, auf dem Enfores Komplett­lösung über den Vertriebs- und Servicepartner Deutsche Telekom zu haben ist. Noch in diesem Jahr sollen weitere Länder folgen. Marco Börries denkt gerne groß: Enfore soll 60 Prozent Anteil am Weltmarkt erobern. Anklicken zum Vergrößern. © Enfore

Startschuss: Deutschland ist der erste Markt, auf dem Enfores Komplett­lösung über den Vertriebs- und Servicepartner Deutsche Telekom zu haben ist. Noch in diesem Jahr sollen weitere Länder folgen. Marco Börries denkt gerne groß: Enfore soll 60 Prozent Anteil am Weltmarkt erobern. Anklicken zum Vergrößern. © Enfore

Er selbst denkt gern größer und strebt mit Enfore einen Marktanteil von 60 Prozent an. Der Clou seines Cloudbetriebssystems: Kleinunternehmen nutzen häufig Einzelanwendungen etwa für die Buchhaltung, das Kundenmanagementsystem, die Warenwirtschaft oder die Kasse. Sie können sich keine eigene IT-Abteilung leisten, die die Daten zusammenführt. Also stellt Enfore ihnen vergleichsweise kostengünstig über die Cloud eine Plattform zur Verfügung, die alle Workflows abbildet. Darüber können Kleinunternehmer nicht nur ihre Kennzahlen kontrollieren, sondern auch ihre Website veröffentlichen und automatisch mit aktuellem Content befüllen. Wenn der Einzelhändler in dem integrierten „Point-of-Sale/Service-(POS-)System“ also etwa eine Rabattaktion kennzeichnet, kann er diese direkt auch auf der Website und in sozialen Medien veröffentlichen. Die Businessprozesse und die Online-Aktivitäten werden automatisch vernetzt oder „gleichgeschaltet“, wie Börries es nennt.

Connected Businesses – das ist der Kerngedanke der Komplettlösung, mit der Kleinstunternehmen Effizienz- und Skaleneffekte so nutzen können wie die größere Konkurrenz. Dazu müssen ihre Bestände und Dienstleistungen katalogisiert werden. Die Digitalisierung des Inventars macht es etwa Google, Facebook, Apple oder Amazon möglich, die Angebote zu vermarkten, also mit den Konsumenten zu verknüpfen, die diese Schnittstellen nutzen. Die Nutzer können auf der Plattform, die Börries als „Meta-Company“ beschreibt, mittels branchenspezifischer Softwaremodule und Tools ihre Absätze und Margen überprüfen und die Preise mit der Peergroup abgleichen. Die Auswertung der über einen längeren Zeitraum gesammelten Daten will Enfore seinen Kunden über Berater zugänglich machen: Marketing- oder Pricingexperten können sich via Kundenkonto schnell einen Überblick über die Situation des Einzelunternehmens verschaffen. Börries geht davon aus, dass dadurch die Honorare signifikant sinken werden.

„EnforeDasher“: Das tabletbasierte All-in-one-POS-Terminal mit integrierter Kasse verbindet Kundendisplay, Bondrucker und Scanner. Anklicken zum Vergrößern. © Enfore

„EnforeDasher“: Das tabletbasierte All-in-one-POS-Terminal mit integrierter Kasse verbindet Kundendisplay, Bondrucker und Scanner. Anklicken zum Vergrößern. © Enfore

Zunächst als Business-Software geplant, kam Börries 2013 auf die Idee, auch Hardware anzubieten. „Das gehört einfach zu einer Komplettlösung.“ iPads und iPhones sind nicht für den Handel entwickelt worden, seine in Deutschland designten und in China hergestellten Gerätschaften aber schon. Punkte wie eine robuste Verarbeitung, entspiegelte Bildschirme und eine intuitive Bedienung, die auch Aushilfskräfte rasch verstehen, standen bei der Entwicklung im Vordergrund. Börries: „Wir wollen das iPhone für ­kleine Unternehmen werden.“ Von Apple hat sich der rastlose Digitalunternehmer auch das Geschäftsmodell abgeschaut: Wer die Hardware – das POS-Terminal „EnforeDasher“ und das Kartenbezahlterminal „PayPad“ kosten zusammen kaum 1.000 Euro – erwirbt, erhält die Business-Software gratis mit dazu. Und die läuft auch auf Windows 10, macOS und iOS. Im Gegensatz zu Apple will Enfore also mit Kampfpreisen überzeugen (siehe Aufstellung unten).

Unser Gespräch findet im Anschluss an die Pressekonferenz statt, auf der Börries mit Hagen Rickmann, Geschäftsführer der Sparte Geschäftskunden bei der Telekom, die Partnerschaft zwischen den Unternehmen unterzeichnet hat. „Extrem stolz“ mache ihn die Zusammenarbeit mit Enfore, sagte Rickmann dort: „Das hier ist wichtig für die Telekom und für Deutschland.“ Die Telekom hat früh auf Börries gesetzt und schon 2013 in sein Start-up investiert. Auch andere Geldgeber ließen sich von der langen Entwicklungszeit nicht abschrecken und glaubten an Börries’ erwiesene Fähigkeit, nicht nur eine digitale Innovation zu entwickeln, sondern damit auch ein tragfähiges Geschäftsmodell umzusetzen. Die  Venture-Capital-Firma Index Ventures, die Investmentbank Allen & Company, Xing-Gründer Lars Hinrichs und Weggefährten wie Yahoo-Mitgründer Jerry Yang, Andreas von Bechtolsheim, Mitgründer von Sun Microsystems, und Business-Angel Klaus Hommels sowie sein Fonds Lakestar gaben Börries fast 40 Millionen US-Dollar Risikokapital zum Start. Nun kommt die Lösung, die zumindest die Beteiligten schon als neues Kapitel in der digitalen Wirtschaftsgeschichte beschreiben, auf den Markt. „Über die Speedrampe Telekom“, sagt Rickmann.

Börries muss sich kurz entschuldigen, auf dem dicht bevölkerten Telekom-Stand wird nach ihm verlangt. Den gewinnenden Umgang mit Geschäftspartnern hat der Hochgewachsene schon als Teenager gelernt. Als 16-Jähriger, gerade zurück vom Schüleraustausch im Silicon Valley, gründete er 1985 mit 2.000 Mark Konfirmationsgeld seine erste Firma Star Division. Mit 17 brach er die Schule ab und veröffentlichte die Software StarWriter, aus der später StarOffice und dann OpenOffice.org wurde. Die Alternative zu Microsoft Office verkaufte sich bestens: Im Alter von 21 Jahren machte Börries schon 8,5 Millionen Mark Umsatz. 1999 verkaufte er Star Division für 70 Millionen Dollar an den US-Konzern Sun Microsystems. Zwei Jahre zuvor hatte Börries überdies zusammen mit der Deutschen Sparkassen Organisation seine zweite Firma Star Finanz gegründet, die erfolgreich die Homebanking-Software Starmoney vertrieb. 2001 verkaufte er das Unternehmen und gründete im selben Jahr in Palo Alto sein Unternehmen Nummer drei, Verdisoft, das eine Synchronisationssoftware für Mobilgeräte und Tischrechner entwickelte. Yahoo kaufte Verdisoft im Jahr 2005 für angeblich 60 Millionen US-Dollar und machte Börries zum Topmanager.

Mit Unternehmen „Number Four“, das Börries erst im März dieses Jahres in Enfore umbenennen ließ, will der deutsche Digitalunternehmer Nummer eins an die vergangenen Erfolge anknüpfen. Sein siegesgewisses Lächeln mag bedeuten, dass es für Enfore vor allem um das Ausmaß der internationalen Marktdurchdringung unter dem Faktor Zeit geht. „Ich habe Angebote, aber ich habe mich noch nicht entschieden“, antwortet Börries auf die Frage, wie er die ambitionierte Expansionsstrategie finanzieren will. Nach dem Vertriebsstart in Deutschland sollen noch in diesem Jahr weitere Länder folgen. Börries sammelt Wein und segelt gern, erzählt er. „Wenn Zeit ist.“ Seine Leidenschaft aber gehört dem Unternehmertum: „Technik ist für mich nur ein Mittel zum Zweck.“

 

Betriebssystem zum Kampfpreis
„EnforeDasher“, ein tabletbasiertes POS-Terminal mit integrierter Kasse, 14-Zoll-HD-Touchscreen, 5-Zoll-Kundendisplay, Bondrucker und 3-D-Barcode-Scanner kostet 799 Euro netto. Das PayPad, ein WLAN-fähiges Kartenbezahlterminal, kostet einmalig 199 Euro. Die Transaktionsgebühren, also die Kosten, die ein Unternehmer für die bargeldlose Zahlung per Kredit- oder EC-Karte an einen Payment-Service-Provider bezahlt, liegen bei Enfore im Rahmen seiner Business-Payment-Services bei 0,79 Prozent für EC- und 1,19 Prozent für Kreditkartenzahlung.

Seit dem 22. September bietet Enfore seine Komplettlösung über die eigene Webseite an. Gleichzeitig startete die Telekom als erster Vertriebspartner den Verkauf des Produkts unter dem Namen „MagentaBusiness POS“ in ausgewählten Läden. Das Geschäftskundenpaket besteht aus ­enforeDasher, enforePayPad und enforePOS-Software und beinhaltet zusätzlich das Netz der Deutschen Telekom sowie den Service und Support durch von der Telekom eigens geschulte POS-Spezialisten. Zusätzlich fallen monatlich 79,90 Euro für Festnetz, Internetzugang sowie den Support an. Geschäftskunden, die bereits einen Internetzugang von der Telekom haben, zahlen 44,95 Euro monatlich.

 

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