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Bedingt lieferbereit

© Getty Images/Miguel Navarro

Die Zustellung von online bestellter Ware an der Haustüre ist heute ein erprobter Standard. Stationäre Händler tun sich mit dem Lieferservice bislang schwer. Dabei birgt er, nicht zuletzt als Marketinginstrument, durchaus Profilierungspotenzial.
Text: Christine Mattauch

Es ist ein bisschen so wie früher und zugleich ganz anders. Im schwäbischen Rötenberg, einem Dorf mit rund 1.300 Einwohnern, hat Markus Preßhoff im Juli einen Laden aufgemacht. Neben einem Edeka-Sortiment gibt es regionale Spezialitäten: Honig vom örtlichen Imker und Würste aus der Metzgerei im Nachbarort. Und: einen Lieferservice, montags und freitags, sogar kostenlos, wenn Waren für mehr als 25 Euro bestellt werden. „Für ältere Leute ist das wichtig, besonders im Winter“, weiß Preßhoff, der seit 17 Jahren im Groß- und Einzelhandel tätig ist.

Lieferung bis an die Haustür, im Onlinehandel eine Selbstverständlichkeit, ist auch für stationäre Händler immer mehr ein Thema. Dabei gibt es heute eine Vielzahl von Varianten und Dienstleistern; auch einzelne Städte unterstützen Initiativen. Internet-Gigant Amazon bindet neuerdings über seine „Lieblingsläden“ regionale Spezialisten in die Lebensmittelzulieferung ein. Und auch die technische Entwicklung, von intelligenten Paketfächern über Zustellroboter bis hin zu Drohnen, verleiht dem Thema Auftrieb.

Kunden werden bequem
Als Geheimwaffe gegen Internetkonkurrenz taugt ein Hol- und Bringdienst wohl nur begrenzt, im Rahmen einer Gesamtstrategie jedoch kann auch ein kleinerer stationärer Händler mit ihm punkten. „Keiner kann so schnell zustellen wie er, wenn der Kunde ein paar Straßen weiter sitzt“, sagt Oliver Püthe, Logistikexperte bei GS1 Germany in Köln. „Das sollte er sich zunutze machen.“

So wie bei Preßhoff, der im Umkreis von zehn bis 15 Kilometern liefert. Genauer gesagt, seine Lebensgefährtin. „Ich komm ja nicht aus dem Laden raus“, sagt er. Sie bringt die Ware per Auto, in Kühlboxen verstaut, zwischen 17 und 20 Uhr. Vorher wird angerufen, um sicherzustellen, dass der Kunde auch zu Hause ist. Für Einkäufe unter 25 Euro berechnet Preßhoff eine Art Schutzgebühr von zwei Euro. Selbst wenn sich eine einzelne Fahrt mal nicht rechnet, zahlt sich, so glaubt er, das Angebot am Ende doch für ihn aus.

Denkbar einfaches Verfahren: Tiramizoo-Gründer Michael Löhr. Anklicken zum Vergrößern. © Tiramizoo

Denkbar einfaches Verfahren: Tiramizoo-Gründer Michael Löhr. Anklicken zum Vergrößern. © Tiramizoo

„Lieferservice ist ein Marketinginstrument“, sagt Michael Löhr, Gründer und Geschäftsführer des 2010 gegründeten Münchner Start-ups Tiramizoo. Ähnlich wie das 2014 gestartete Liefery in Berlin setzten die Gründer darauf, dass die Kunden bequem werden und sich gern auch offline gekaufte Kleider, Töpfe oder Nudeln zustellen lassen. Allerdings: Instant Delivery, also Direktfahrten von der Laden- bis an die Haustür, erwies sich in den meisten Fällen als Flop. Hauptgrund: mit rund 15 Euro zu teuer. Aber selbst Sammelfahrten in abendlichen Zeitfenstern, die knapp die Hälfte kosten, werden insbesondere von kleineren Händlern eher zögerlich abgerufen. „Dabei ist das Verfahren denkbar einfach; man braucht nicht einmal zusätzliche Software“, wirbt Liefery-Gründer Nils Fischer. Die Dienstleistung wird über ein Website-Log-In bestellt, Adressen von Stammkunden können gespeichert werden.

Während Händler oft argumentieren, dass die Kunden den Service nicht benötigen, unterstellen andere, dass der Handel zu träge sei. In Karlsruhe läuft seit Ende 2015 die Lieferinitiative Kalix, gesponsert von der Stadt, die damit den innerstädtischen Einzelhandel stärken will. Die Lieferung kostet nur 2,99 Euro und der Kunde kann in bis zu fünf Geschäften einkaufen; abends wird alles zusammen gebracht. Rund 60 Händler beteiligen sich.

Zumindest auf dem Papier. „Der Service wird in den Geschäften so gut wie nicht beworben“, behauptet David Budwasch, Geschäftsführer von Radkurier, der als Projektpartner die Zustellung besorgt. In den meisten Monaten erhalte Radkurier maximal 20 Aufträge. „Für uns als Firma lohnt sich das nicht, aber wir sind trotzdem noch dabei, weil wir das Projekt gut finden.“

Kaufkraft in Kommunen halten
Es gibt in Karlsruhe aber auch Fans von Kalix. Jörg Schnaitmann zum Beispiel, Inhaber des Computerladens Notebookpartner, sagt: „Wir nutzen den Service ganz offensiv.“ Vor allem dann, wenn er Geräte nach Kundenwunsch konfiguriert. Früher mussten die Kunden zur Abholung einige Stunden später erneut in den Laden kommen, dank Kalix kommt der Laptop nach Hause. „Besser geht’s nicht“, findet Schnaitmann. Für ihn ist die Same-Day-Delivery der Trumpf gegenüber Riesen wie Amazon, die die Ware erst aus einem weit entfernten Zentrallager holen müssen. Und er glaubt, dass einige seiner Händlerkollegen etwas verpassen: „Mir wurde der Service noch nie woanders angeboten.“

Binnen 90 Minuten oder zur Wunschzeit: Franz-Joseph Miller, Nils Fischer und Jan Onnenberg (v.l.). sind das Gründerteam von Liefery. © Liefery

Binnen 90 Minuten oder zur Wunschzeit: Franz-Joseph Miller, Nils Fischer und Jan Onnenberg (v.l.). sind das Gründerteam von Liefery. © Liefery

Dass Angebot Nachfrage wecken, aber mangelnde Nachfrage auch zur Zurücknahme des Angebots führen kann – wer wüsste das besser als die Händler? Vielleicht braucht es schlicht noch mehr Zeit und Experimente, damit Kunden und Händler jeweils die Lösungen finden, die zu ihnen passen. „Der Service wird immer selbstverständlicher werden“, glaubt Liefery-Chef Fischer. Dazu tragen auch Plattformen wie Locafox, Gaxsys oder Atalanda bei, die lokalen Händlern Angebote machen, wie sie ihr Angebot online vermarkten können – und da gehört der Lieferservice nun mal dazu. Und auch das könnte zu einer größeren Akzeptanz beitragen: Die Organisation GS1 will erreichen, dass die Identifikationsnummern von Paketen standardisiert werden. Derzeit hat jeder Auslieferer ein eigenes System.

So viel ist sicher: Der Markt bleibt in Bewegung. Von November 2016 bis März dieses Jahres probte Mercedes-Benz Vans in Stuttgart den Lieferservice Mr. Brings: Kunden konnten ihre Einkäufe abgeben oder gleich im Laden lassen, Lieferung zwischen 19 und 22 Uhr, umweltfreundlich per Elektromobil. Das Ganze für sechs Euro. Allein die Tatsache, dass ein Schwergewicht wie Daimler mitmischt, zeigt, wie viel Potenzial in dem Thema steckt. Die Ergebnisse seien insgesamt positiv gewesen, auch wenn die Nachfrage vor Ort niedriger als gedacht ausgefallen sei, sagt Projektleiterin Stefanie Gammert. Demnächst wird Daimler daher einen zweiten Anlauf starten, diesmal in einer kleineren Kommune. „Wir sind überzeugt, dass der Bedarf dort höher ist als in einer Großstadt, und wir dazu beitragen, Kaufkraft in den Kommunen zu halten“, sagt Gammert.

 

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