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“Nachhaltigkeit lässt sich nicht verordnen”

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Das Textilbündnis stellt sich der Kritik an seiner Arbeit und setzt darauf, durch verbesserte Strukturen seine Wirksamkeit zu optimieren. HDE-Hauptgeschäftsführer Stefan Genth ist Mitglied im Steuerungskreis des Zusammenschlusses. Im Interview spricht er über ambitionierte Roadmaps, gelungene Kooperationen und die Erkenntnisse aus seiner Afrikareise.
Interview: Mirko Hackmann

Herr Genth, von den zwischenzeitlich fast 200 Unternehmen, Verbänden und NGOs, die sich im Bündnis für nachhaltige Textilien zusammenfanden, sind noch 148 verblieben. Warum ist bei rund einem Viertel die anfängliche Bereitschaft zum Engagement verpufft?
Genth: Ziel des Bündnisses war von Beginn an, 75 Prozent des Textilhandelsumsatzes in Deutschland abzudecken. 51 Prozent hatten wir bereits erreicht – trotz der Austritte stehen wir immer noch bei 50 Prozent. Wir haben also nicht nennenswert an Marktabdeckung verloren, obwohl einige kleinere Unternehmen sowie drei größere entschieden haben, das Bündnis zu verlassen. Die Motive sind unterschiedlich: Einigen, besonders kleineren Unternehmen, ist wahrscheinlich der Aufwand zu hoch, andere wollen insbesondere aus Wettbewerbsgründen umfassenden Transparenzanforderungen mit der Offenlegung aller Lieferanten nicht entsprechen und einige warten sicher ab, wie sich das Bündnis entwickelt.

Hat es womöglich auch damit zu tun, dass nun erstmals konkrete Maßnahmen benannt werden mussten?
Die sogenannten Roadmaps, die jetzt erarbeitet wurden, stellen sehr hohe Anforderungen in den Bereichen Chemikalien und Umweltmanagement sowie Sozialstandards und existenzsichernde Löhne und zudem in Bezug auf nachhaltige Naturfasern. Das sind durchaus schwer zu nehmende Hürden. Gleichwohl ist der Großteil unserer Mitgliedsunternehmen im Bündnis verblieben. Die Wirtschaft steht also hinter diesem gemeinschaftlichen Engagement.

Stefan Genth, HDE-Hauptgeschäftsführer. Anklicken zum Vergrößern. © HDE

Stefan Genth, HDE-Hauptgeschäftsführer. Anklicken zum Vergrößern. © HDE

34 der im Bündnis aktiven Unternehmen, darunter Aldi, Tschibo und Kik, haben jüngst erstmals ihre Roadmap veröffentlicht und konkretisiert, welche Maßnahmen sie planen, um für mehr soziale Gerechtigkeit und Umweltschutz in den Lieferländern zu sorgen. Wie bewertet der HDE diese Quote?
Die Regelung im Bündnis besagt, dass im Jahr 2018 eine Veröffentlichungspflicht für die Roadmap besteht, 2017 hingegen noch nicht. Wir haben den Unternehmen jedoch die Veröffentlichung angeraten, und ich bin mir sicher, dass jetzt, da der Start gemacht ist, noch viele folgen werden. Die Zurückhaltung einiger Unternehmen mag ein Stück weit aus der Sorge geboren sein, wie Externe mit ihrer veröffentlichten Roadmap umgehen würden. Darum war das erste Jahr von Beginn an als Erprobungsphase konzipiert. Die Roadmaps haben unabhängige Dritte, zertifizierte Prüfer, auf ihre Plausibilität hin geprüft. Die meisten der eingereichten Maßnahmenpläne waren sofort plausibel. Nur ein kleiner Teil wird noch bearbeitet, was auch daran liegt, dass zahlreiche der aufgestellten Bündnisregeln in sich noch nicht stimmig waren. Hier müssen wir das System noch verbessern.

Was unternimmt das Bündnis darüber hinaus, um seine Wirksamkeit zu stärken?
Wir haben gesehen, dass einige Prozesse noch nicht optimal laufen, und uns mithilfe eines Beratungsunternehmens einer Überprüfung unterzogen. Über die Maßnahmenvorschläge werden wir in der nächsten Sitzung abstimmen. Uns geht es darum, die Prozesse zu vereinfachen und insgesamt praktikabler zu gestalten. Entscheidend ist, dass wir nicht unsere Ziele abgeschwächt haben, sondern lediglich effizientere Wege zu ihrer Erreichung nutzen.

Gerd Müller, Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung sowie Initiator des Textilbündnisses, äußerte ebenso wie mehrere NGOs öffentlich seine Unzufriedenheit mit der Arbeit des Bündnisses. Er drohte mit einem Gesetz, das zur unternehmerischen Sorgfaltspflicht verpflichtet …
Sein Ministerium sitzt natürlich ebenso wie die Ministerien für Umwelt sowie Arbeit und Soziales mit am Tisch, wenn das Bündnis tagt. Unisono haben in der jüngsten Sitzung alle ganz klar die Auffassung vertreten, dass wir in den vergangenen zwei Jahren gemeinsam viel erreicht haben, auch wenn einige Dinge nicht von heute auf morgen zu bewerkstelligen sind. Bestimmte Themen, wie die Garantie von existenzsichernden Löhnen beispielsweise, sind komplex und benötigen entsprechend viel Zeit. Insofern ist es schade und für uns auch nicht nachvollziehbar, dass der Minister trotz der bereits von der Wirtschaft erzielten Ergebnisse ein Gesetz androht.

Gesprächsbedarf: Tansanische Bauern diskutieren mit Riyaz Haider von BioSustain über staatlich festgelegte Baumwollpreise. Anklicken zum Vergrößern. © HDE

Gesprächsbedarf: Tansanische Bauern diskutieren mit Riyaz Haider von BioSustain über staatlich festgelegte Baumwollpreise. Anklicken zum Vergrößern. © HDE

Was verspricht sich Minister Müller von einem solchen Gesetz?
Ich halte diesen Weg für fragwürdig, da wir mit einer nationalen Gesetzgebung nicht die Probleme internationaler Märkte lösen können. Das Gesetz muss global durchsetzbar, europarechtskonform und wirkungsvoll sein. Viel effektiver, als der Wirtschaft in der Praxis kaum einzuhaltende Vorschriften zu machen, ist es jedoch, wenn sich Politik, Wirtschaft und NGOs gemeinsam zu Initiativen verpflichten. Im Juli habe ich mir mit anderen Wirtschaftsvertretern des Bündnisses den Textilsektor in Äthiopien und Tansania angesehen. Eine entscheidende Erkenntnis dieser Reise war, dass wir unsere Ziele nur konkret, durch kooperative Zusammenarbeit mit den Menschen und Unternehmen in den betreffenden Ländern umsetzen können. Es ist völlig naiv, zu glauben, wir könnten im Deutschen Bundestag mal eben ein Gesetz verabschieden und so die Welt verändern. Dies haben wir auch dem Minister vermittelt und stehen mit ihm im Austausch.

Was war das Ziel dieser Afrikareise?
Das Ziel war, besser zu verstehen, wie Hilfe konkret aussehen muss. Wir konnten uns nicht nur einen persönlichen Eindruck von den Arbeitsbedingungen sowohl in der Biobaumwollproduktion als auch in den Textilfabriken machen, sondern ebenso Gespräche mit hochrangigen Regierungsvertretern, Industrievertretern und Baumwollbauern führen. Auch wenn die Regierungen in Addis Abeba und Dodoma in vielerlei Belangen unseren Demokratieidealen nicht entsprechen, ist das Bemühen spürbar, sich westlichen Nachhaltigkeitsstandards anzunähern.

An westlichen Standards orientiert: Näherinnen im Industriepark bei Addis Abeba, Äthiopien. Anklicken zum Vergrößern. © HDE

An westlichen Standards orientiert: Näherinnen im Industriepark bei Addis Abeba, Äthiopien. Anklicken zum Vergrößern. © HDE

Wie schätzen Sie die Situation in den von Ihnen besuchten Textilfabriken hinsichtlich der Sicherheit sowie des Niveaus von Arbeits- und Umweltschutzmaßnahmen ein?
Wir haben in Äthiopien Fabriken angeschaut, die absolut westlichen Umwelt- und Sozialstandards entsprechen. Es ist deutlich spürbar, dass die Regierung das unterstützt. Indem sie sogenannte Industrieparks fördert, sorgt sie für Arbeit und Beschäftigung und damit auch für wachsenden Wohlstand. Der äthiopische Staat wirbt intensiv um westliche Investitionen. Den Verantwortlichen ist die Erwartungshaltung des Marktes klar: Ein Textilsektor, der sich nicht an Nachhaltigkeitsstandards orientiert, wird auf dem Markt nicht bestehen.

Welchen Eindruck hatten Sie von der Baumwollproduktion in Tansania?
Die große Herausforderung ist, dass der Biobaumwollanbau in kleinbäuerlichen Strukturen stattfindet. Deshalb kann kein Konzern aus Deutschland einen Kontrakt mit einem großen Produzenten über die Einhaltung von Standards schließen und damit das Thema verbindlich regeln. Solche Verträge müssen mit jedem Kleinbauern einzeln abgeschlossen und ihre Einhaltung muss entsprechend kleinteilig überprüft werden. Dazu braucht die Industrie Partner, die ihnen helfen, die gewünschten Standards in den Kooperativen vor Ort zu implementieren. Beratung und Schulung in den örtlichen Trainingscentern spielen dabei eine entscheidende Rolle: Da geht es um Themen wie Fruchtfolge, Düngung, Saatgutgewinnung und ressourcenschonenden Wassereinsatz. In der von uns besuchten Kooperative führt jeder Bauer handschriftlich Buch über seine Arbeit. Denn um beispielsweise ein Biozertifikat zu erhalten, muss über Jahre exakt dokumentiert sein, welche Dünger, Pflanzenschutzmittel und sonstige Materialien zum Einsatz kamen. Die beteiligten Bauern  können sich und ihre Familien gut ernähren, einige haben sogar Solarpanels angeschafft. All dies lässt sich aber nicht per Gesetz verordnen. Das funktioniert allein über lokale Initiativen.

Von vielen der Dinge, die Sie in Ostafrika gesehen haben, waren Sie offenbar positiv überrascht. Wo aber sehen Sie Verbesserungsbedarf und welchen Beitrag kann das Textilbündnis dazu leisten?
Ein zentrales Problem bleibt weiterhin, dass in den meisten afrikanischen Ländern keine umfassende Weiterverarbeitung von Rohstoffen zu Produkten stattfindet. Es ist noch ein weiter Weg, entsprechende Industrien aufzubauen. Die Industrieparks in Äthiopien zeigen, dass es gelingen kann. Verbesserungswürdig sind sicher die staatlichen Rahmenbedingungen. Im Alltag wie im Wirtschaftsleben läuft vieles sehr ungeregelt, und Korruption spielt nach wie vor eine große Rolle. Da sind die Bundesregierung und die internationale Staatengemeinschaft gefordert, indem sie Entwicklungshilfe an die Veränderung von Strukturen knüpfen. Das Textilbündnis bietet uns die Chance, gemeinsam mit den NGOs zu schauen, welche Projekte sich in einem Land sinnvoll durchführen lassen, wie beispielsweise die Einführung existenzsichernder Löhne. Dazu muss man vor Ort Gewerkschafts- und Arbeitgeberstrukturen aufbauen und unter Begleitung des Staates über freiwillige Tarifverhandlungen einen existenzsichernden Lohn festlegen.

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