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Kampf der Kommunen

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Vor allem die Citylagen kleinerer und mittel­großer Städte stehen unter Wettbewerbsdruck. Doch wer sind die mächtigsten Rivalen: Onlinehandel, Shoppingcenter, Standorte auf der grünen Wiese oder die umliegenden Orte?
Text: Boris Hedde, Geschäftsführer IFH Köln

Der Wettbewerb im innerstädtischen Einzelhandel fordert Händler, Städte und Kommunen, aber auch andere Stakeholder wie Bürger und Immobilienwirtschaft heraus. Bei genauer Betrachtung des Umfelds treten drei wesentliche Wettbewerbsarenen zutage:

1. Mit der wachsenden Bedeutung des Onlinekanals stellt sich die Frage, wie der innerstädtische Handel von diesem selbst, aber auch von digitalen Technologien im Stadtraum und in den Geschäften profitieren kann.
2. Zu prüfen ist zudem, inwieweit sich innerstädtischer Handel und Handel in Stadtrandlagen, Nebenzentren etc. kannibalisieren oder aber befruchten (können) und welche Maßnahmen sinnvoll sind, um ein Miteinander zu erreichen.
3. Neben Wettbewerbern im Internet und in der eigenen Stadt sehen sich innerstädtische Einzelhändler konkurrierenden Einzelhandelsangeboten in anderen Städten gegenübergestellt.

Anklicken zum Vergrößern. © IFH Köln

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Orientierungspunkte zur Einordnung dieser drei Wettbewerbsarenen liefert die Studie „Vitale Innenstädte 2016“. Städteübergreifend lassen sich aus der Untersuchung Erkenntnisse im Hinblick auf den sich verschärfenden Wettbewerb der Innenstädte ableiten. Folgende Erkenntnisse sind bei der Frage des Wettbewerbs hervorzuheben: Aus Sicht der Innenstadtbesucher bestehen deutliche Unterschiede bei der Innenstadtattraktivität – verhaltenswirksam werden diese vor allem bei hohem Kanal- und Standortwettbewerb. Die wahrgenommene Attraktivität der untersuchten Innenstädte streut insgesamt und auf Ebene der 29 untersuchten Einzeldimensionen (zum Beispiel Erreichbarkeit, Parkmöglichkeiten, Sauberkeit, Sicherheit, Einzelhandelsangebot in zwölf Kategorien) stark. Innenstadtbesuch­er nehmen Qualitäts- und Angebotsunterschiede also bewusst wahr. Nach Angaben der Innenstadtbesucher sind Hauptwettbewerber der besuchten Innenstädte konkurrierende Innenstädte, eingekauft wird aber auch online sowie in Shoppingcentern und Fachmarktzentren.

Wettbewerb der Standorte
Innenstadtbesucher kommen heute im Durchschnitt weniger häufig zum Einkaufen in die City: Rund jeder Fünfte (18,6 Prozent) kauft verstärkt online ein und besucht daher die jeweiligen Innenstädte zum Einkaufen seltener. Betrachtet man einzelne Branchen, zeigt sich ein anderes Bild: In fast jeder Branche machen die Befragten, die ihrer Innenstadt treu bleiben und in dortigen Geschäften einkaufen, den größten Anteil aus. Interessanterweise folgen bei den Innenstadtbesuchern auf Platz zwei nicht, wie erwartet, die Onlinekäufe, sondern die Geschäfte anderer Städte. Ausnahmen bilden Unterhaltungselektronik und Telekommunikation.

 

Über die Untersuchung  „Vitale Innenstädte 2016“
Für die Untersuchung „Vitale Innenstädte“ wurden in über 120 deutschen Städten aller Größen und Regionen zeitgleich Innenstadtbesucher zu ihren Einkaufsgewohnheiten und der Attraktivität der Innenstadt befragt. Die Datenerhebung erfolgte an zwei ausgewählten Tagen (Donnerstag und Samstag) im September 2016 anhand eines einheitlichen Fragebogens. Insgesamt sind so rund 58 000 Interviews zusammengekommen. Bei der Bewerbung der Umfrage aufseiten der Städte und Gemeinden haben die Bundesvereinigung City- und Stadtmarketing Deutschland, der Deutsche Industrie- und Handelskammertag, der Deutsche Städte- und Gemeindebund, der Handelsverband Deutschland sowie weitere lokale Partner unterstützt.
Eine Zusammenfassung der Studie „Vitale Innenstädte“ finden Sie hier.

Es ist ferner festzustellen, dass der Wettbewerb mit der Stadtrandlage entgegen der landläufig vielfach formulierten Meinung vergleichsweise weniger stark ins Gewicht fällt. Stattdessen offenbart sich mit den Studienergebnissen vielmehr, dass neben dem Kanalwettbewerb spätestens jetzt der Wettbewerb der Standorte in vollem Gange ist. Das ist eine Tatsache, der sich vor allem kleine und mittelgroße Städte stellen müssen, da die Tendenz, in anderen Städten einzukaufen, mit zunehmender Ortsgröße kleiner wird. Hier vollzieht sich ein Paradigmenwechsel: Galt der Blick bisher vor allem dem Onlinehandel, so ist nunmehr unter Wettbewerbsgesichtspunkten die Nachbarstadt genau zu bewerten.

Kooperation als Schlüssel
Städte und Kommunen sind aufgerufen, Anspruchsgruppen an einem Tisch zu vereinen und, bezogen auf die jeweilige Stadt, unter Berücksichtigung der Struktur, Entwicklung und Bedarfe der Bevölkerung im Einzugsgebiet sowie der Angebots- und Wettbewerbssituation zukunftsfähige, individuelle Zielgruppen- und Einzelhandelskonzepte zu entwickeln. Dabei sollten auch Themen wie die Verdichtung beziehungsweise das Schrumpfen innerstädtischer Einzelhandelsbereiche nicht tabu sein.

Vielleicht liegt eine Erfolg versprechende Chance in der inter- und intrakommunalen Kooperation. Wenn sich Städte abstimmen und kooperieren oder wenn sich in einer Stadt Handel, Kommune und Bürgerschaft zusammentun, lassen sich Hebel identifizieren und ergeben sich potenziell Ansätze für ein Fortbestehen.

 

Mittelstädte am Scheideweg

Text: Michael Reink, HDE-Bereichsleiter Standort- und Verkehrspolitik

Alles Digitalisierung, oder was? Auch wenn sich in allen Städtegrößenklassen das Einkaufsverhalten in Hinblick auf den Onlinehandel verändert hat, wirken weiterhin die stationären Standortkonkurrenzen zwischen den Städten und den Handelsorten innerhalb einer Stadt.

Neu ist das nicht, aber trotzdem vor dem Hintergrund der medialen Aufmerksamkeit für den Onlinehandel bemerkenswert. Daher gilt es nach wie vor, darauf zu achten, wo und in welcher Größenordnung neue Standorte entwickelt werden respektive an welchen Stellen zukünftig Standorte auch aufgegeben werden müssen. Dies ist ein schwieriger planerischer Akt, der nicht geräuschlos und nur in Abstimmung mit dem Handel vollzogen werden kann. Viele Innenstädte in den Großstädten werden diese Gesundschrumpfung nicht bewältigen müssen, da die Kundenorientierung in diese „Freizeitstädte“ unverändert hoch bleiben wird.

Auch Kleinstädte als „Nahversorgungsstädte“ werden ihre Funktion weitestgehend behalten. Hingegen müssen Mittelstädte ihre Rolle als „Freizeitstadt“ oder „Nahversorgungsstadt“ teilweise neu definieren. Insbesondere Mittelstädte im nahen Einzugsbereich der Großstädte müssen ihre Hausaufgaben machen, um nicht an Kundenrelevanz zu verlieren. Dabei ist der Onlinehandel viel weniger Trendauslöser, als der demografische Wandel und die Bevölkerungswanderungen innerhalb Deutschlands sind.

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