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Die Vermessung der Stadt

© Getty Images/Marco Piunti

Der Onlinehandel, so heißt es häufig, vertreibe die Bürger aus den Innenstädten und diese sprächen allenfalls noch ältere, nicht digitalaffine Zielgruppen an. Ist dem wirklich so? Welche Gruppen von Konsumenten wie in die City gelangen und wie lange sie sich dort aufhalten, zeigt die Studie „Vitale Innenstädte“.
Text: Boris Hedde, Geschäftsführer IFH Köln

Ähnlich wie bei der Befragung zwei Jahre zuvor, trafen die Befrager über alle untersuchten Städte hinweg und in allen Ortsgrößenklassen Besucher jeder Altersgruppe an. Erwartungsgemäß sind in größeren Städten häufiger jüngere Konsumenten unterwegs als in kleineren Orten. Beispielsweise sind in Städten mit 100 000 bis 200 000 Einwohnern rund 30 Prozent der befragten Passanten 25 Jahre alt oder jünger. In Orten, die weniger als 25 000 Einwohner zählen, liegt der Anteil der bis 25-jährigen Innenstadtbesucher dagegen bei knapp 18 Prozent.

Anklicken zum Vergrößern. © IFH Köln

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Der eigenen City treu
Der Blick auf die Wohnorte der befragten Passanten zeigt: In der langfristigen Entwicklung seit 1976 liegt der Anteil derjenigen, die ihre eigene City besuchen, stets über dem der Innenstadtbesucher von außerhalb der jeweiligen Stadtgrenzen. Dieses Verhältnis bestätigt auch die aktuelle Untersuchung über alle Ortsgrößen hinweg. Mit 67 Prozent ist der Anteil der lokalen Innenstadtbesucher in Orten mit 25 000 bis 50 000 Einwohnern am höchsten. In Städten mit mehr als 500 000 Einwohnern stammen lediglich 59 Prozent der Passanten aus dem gleichen Ort.

Kleinstädter bevorzugen das Auto
Rund 45 Prozent aller befragten Passanten steuern die Innenstadt mit dem Auto an, jeder Fünfte nutzt öffentliche Verkehrsmittel. Allerdings zeigen sich auch in puncto Verkehrsmittelwahl deutliche Unterschiede zwischen den einzelnen Ortsgrößen. Wenig überraschend ist dabei, dass der Pkw mit sinkender Einwohnerzahl der Städte wichtiger wird. In Großstädten – die in der Regel über ein gutes ÖPNV-Netz verfügen und wo das Parken in Citylagen häufig schwierig oder teuer ist – sind Bus und Bahn klar die bevorzugten Transportmittel für den Innenstadtbesuch. So haben rund 57 Prozent der Befragten in Städten mit mehr als 500 000 Einwohnern die besuchte City mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreicht; in Kleinstädten mit weniger als 25 000 Einwohnern trifft dies hingegen nur auf jeden 13. Passanten zu.

Mehr Zeit für größere Städte
Ein Viertel aller Befragten besucht die jeweilige Innenstadt (voraussichtlich) mehr als zwei Stunden lang. Nahezu ebenso viele Passanten setzen eine Besuchsdauer von ein bis zwei Stunden an. Ausgehend vom größeren Angebot – sowohl an Geschäften als auch an anderen Freizeitaktivitäten –, das Großstädte ihren Besuchern im Vergleich zu kleineren Orten bieten können, überrascht es nicht, dass der Anteil derjenigen, die einen längeren Innenstadtaufenthalt planen, mit der Größe der Stadt steigt. So hält sich jeder zweite Befragte in einer Großstadt (mehr als 500 000 Einwohner) mehr als zwei Stunden in der City auf. In Kleinstädten (maximal 25 000 Einwohner) planen nur 22 Prozent der Passanten einen solch ausgedehnten Innenstadtbesuch.

Dieses Verhältnis spiegelt sich erwartungsgemäß in der Anzahl der besuchten Geschäfte wider. So planen 17 Prozent der Innenstadtbesucher in Städten mit mehr als 500 000 Einwohnern einen Shoppingbummel durch mindestens sechs Geschäfte. In Orten mit bis zu 25 000 Einwohnern trifft das nur auf etwas mehr als drei Prozent der Befragten zu. Trotz dieser klar abzulesenden Tendenzen hat sich gezeigt, dass eine schablonenhafte Sichtweise auf die Innenstädte selten bis nie ein adäquates Bild hervorbringt. Letztlich kann jede Stadt ihren Mehrwert finden, weshalb eine individuelle Bewertung unabdingbar ist. Auch die Funktion einer Kommune – Versorgungsstadt versus Freizeitstadt – ist nicht zuweisbar.

Das steigert die Herausforderung für die Verantwortlichen in den Kommunen, im Stadtmarketing und auch im Handel. Es zeigt aber auch, dass es sinnvoll ist, sich mit den jeweiligen Chancen und Risiken individuell auseinanderzusetzen. Als IFH Köln sind wir deshalb sehr gespannt, welche Städte 2018 an der nächsten Untersuchung „Vitale Innenstädte“ teilnehmen werden.

Über die Untersuchung  „Vitale Innenstädte 2016“
Für die Untersuchung „Vitale Innenstädte“ wurden in über 120 deutschen Städten aller Größen und Regionen zeitgleich Innenstadtbesucher zu ihren Einkaufsgewohnheiten und zur Attraktivität der Innenstadt befragt. Die Datenerhebung erfolgte an zwei ausgewählten Tagen (Donnerstag und Samstag) im September 2016 anhand eines einheitlichen Fragebogens. Insgesamt sind so rund 58 000 Interviews zusammengekommen.
Bei der Bewerbung der Umfrage unter den Städten und Gemeinden haben die Bundesvereinigung City- und Stadtmarketing Deutschland, der Deutsche Industrie- und Handelskammertag, der Deutsche Städte- und Gemeindebund, der Handelsverband Deutschland sowie weitere lokale Partner das IFH unterstützt.
Eine Zusammenfassung der Studie „Vitale Innenstädte“ finden Sie hier.

Schulterschluss

Text: Michael Reink, HDE-Bereichsleiter Standort- und Verkehrspolitik

Junge Menschen kommen in die Innenstädte – gut so. Hinter diesem ­zunächst trivialen Gedanken steckt aber viel mehr. Denn angesichts der Begeisterung der Jugend für alles Digitale ist es sehr ermunternd, festzustellen, dass auch die jungen Bevölkerungsgruppen über ein „Gen fürs stationäre Einkaufen“ verfügen. Dieses von den Älteren gelernte Einkaufsverhalten kann demgemäß auch an die nachfolgenden Generationen weitergegeben werden. Ein Fakt, den man bei der Betrachtung der zukünftigen Handelsstruktur nicht hoch genug bewerten kann.

Das ist jedoch kein Naturgesetz, sondern bildet nur die Grundlage für einen erfolgreichen Wandlungsprozess des Handels und der Städte. Wir müssen verstehen, dass die Kunden in Zukunft viel deutlicher zwischen einer Stadt mit reiner Versorgungsfunktion und „Freizeitstädten“ unterscheiden werden.

Für die Städte und den Handel ist die Aufenthaltsdauer ein wichtiger Indikator dafür, wie der Kunde das Gesamtpaket aus Handelsangebot und Aufenthaltsqualität goutiert. Es ist ratsam, sich ehrlich mit den Perspektiven jedes Handelsstandorts auseinanderzusetzen. Denn nur so können die richtigen Weichenstellungen hin zum Versorgungs- oder Freizeitstandort vollzogen werden. Motto: Mache das, was du am besten kannst und wo du die meisten Erfolgschancen siehst.

Vor Ort setzt das ein gutes Miteinander unter den Händlern und eine gute Partnerschaft mit den Kommunen voraus. Ich weiß: Das ist einfacher gesagt als getan. Aber koordiniertes Handeln in der Gruppe ist meist erfolgreicher als das Wirken von Einzelkämpfern. Aus diesem Grund hat der HDE durch ein gemeinsames Positionspapier mit dem Deutschen Städtetag den Schulterschluss gegenüber der (Bundes-)Politik gesucht. Lassen Sie uns diesen Weg bis auf die kommunale Ebene weiterführen.

Download des Positionspapiers von HDE und Deutschem Städtetag hier.

Michael Reink, Bereichsleiter Standort- und Verkehrspolitik. © Die Hoffotografen GmbH Berlin

Michael Reink, Bereichsleiter Standort- und Verkehrspolitik. © Die Hoffotografen GmbH Berlin

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