Alle Informationen für den Handel

Unternehmen

Schöne neue Digitalwelt

© Online Software AG/Hagemeyer

Bildschirme, Scanner, Fotoautomaten: Die digitale Inszenierung am Point of Sale verbessert die Interaktion mit den Kunden und begeistert vor allem jüngere Zielgruppen. Händler, die in die neuen Technologien investieren, können auf zahlreiche kompetente Dienstleister zählen.
Text: Christine Mattauch

So sieht Kleiderkauf heute in Minden aus: Vor den Umkleidekabinen eine Bildschirminstallation à la Times Square: Über die Screens ziehen Modefilme, Produktangebote, Kundenselfies, der Inhalt eines Instagram-Accounts. Und das beim Traditionshaus Hagemeyer, 1879 gegründet, noch immer in Familienbesitz. „Für Minden sind wir etwas Besonderes“, sagt Jürgen Ahrens, geschäftsführender Gesellschafter von Hagemeyer.

Marketing am Point of Sale (PoS) – noch vor Kurzem verstand man darunter übersichtlich präsentierte ­Ware, Plakate, Aktionstafeln und gut geschulte Kundenberater. Das alles ist auch heute nicht falsch. Doch zunehmend schreibt die Digitalisierung auch hier die Regeln neu. Das traditionelle Arsenal von Deckenhängern, Roll-ups und Broschüren wird von Bildschirmen, Scannern und virtuellen Regalen abgelöst. Auch bei Hagemeyer in der Provinz.

„Man muss sich eben etwas einfallen lassen“, sagt Ahrens. Schon über dem Eingang des viergeschossigen Modehauses prangt ein zehn Quadratmeter großer LED-Bildschirm, auf dem Produkte beworben und hauseigene Modenschauen oder Verlosungen angekündigt werden. Drinnen können Kunden in einer GIF-Box, einer Art Fotoautomat, einen Minifilm von sich fertigen lassen und an die Bildschirmwand vor den Kabinen überspielen. Auch die Verkäufer dürfen die Displays bestücken, sie fotografieren Neuware oder Kombinationen, die ihnen besonders gut gefallen.

Serie: Shop der Zukunft

Multichannel
Entertainment
Werbemaßnahmen am PoS
IT am PoS
Kassensysteme/Pricing
Service
Lieferservice
Ladenbau
Logistik

Emotionalisieren und ein tieferes Produktverständnis schaffen – damit lässt sich im Laden punkten. Gerade jüngere Kunden erwarten Mehrwert, wenn sie, was alles andere als selbstverständlich ist, physisch einkaufen gehen. „Der stationäre Handel muss dem geänderten Informations- und Kaufverhalten der Konsumenten entgegenkommen“, heißt es in einem Leitfaden zur Implementierung digitaler Technologien am PoS, den die vom Bundeswirtschaftsministerium geförderte Mittelstand 4.0-Agentur Handel herausgegeben hat (siehe Kasten).

Vergleichsweise weit fortgeschritten ist der Einsatz digitaler Plakate, deren Inhalte alle paar Sekunden wechseln. „Die Wirkung ist frappierend. Menschen reagieren extrem aufmerksam auf kleine Bewegungen, das ist ein Instinkt“, erklärt Jürgen Berens von Rautenfeld, Vorstandsvorsitzender der Online Software AG in Weinheim. Besonders beliebt sind E-Plakate dort, wo Kunden schon mal warten müssen, etwa an Fleisch- und Käsetheken.

Terminals für den Brötchenkauf
Auch interaktive Technik ist im Kommen. Im Januar meldete ein Globus-Markt in Rüsselsheim die Einführung eines „Bäckereiterminals“, mit dem sich Kunden über Brotzutaten und Allergene informieren und das Ganze ausdrucken können. Zwei Monate später ließ sich ein Hit-Markt in Aachen mit Amazons Kommunikationssystem Alexa verbinden. Ebenfalls im Kommen sind virtuelle Produktregale: große Touchscreens mit einem digitalen Warenangebot wie im Internet. Zu den Nutzern gehört der Händlerverbund Electronic Partner. Zwar fehlt das haptische Erlebnis, dafür lässt sich das Sortiment weit über das eigene Lager hinaus erweitern.

Die intelligente Werbestele von Sensape erkennt Geschlecht, Alter und Laune des Shoppers. Anklicken zum Vergrößern. © Sensape

Die intelligente Werbestele von Sensape erkennt Geschlecht, Alter und Laune des Shoppers. Anklicken zum Vergrößern. © Sensape

Und das ist, immer noch, nur der Anfang. Das Leipziger Start-up Sensape hat eine intelligente Werbestele erfunden, die Geschlecht, Alter und Laune seines Gegenübers abschätzen und Produkte erkennen kann. Besonders beliebt ist bei Lebensmittelhändlern ein Programm, das individuelle Rezeptvorschläge macht, je nachdem, was der Sensor im Einkaufswagen erspäht. „Die Kunden fliegen darauf“, sagt Sensape-Gründer Justus Nagel. Der Absatz sei für einzelne Produkte um 120 bis 900 Prozent gestiegen.

Oder das Dialogsystem Perch, das der Bremer Marketer Frank Brunnée vertreibt. Allein das Berühren oder Anheben von Produkten löst eine Informationskaskade aus – Texte, Fotos, Videos. Das Geheimnis liegt in einer Kombination von Beamer- und Lasertechnik. Brunnée empfiehlt das Tool vorzugsweise für erklärungsbedürftige Premiumprodukte mit hohen Margen. Derzeit probt Edelschuhhersteller Lloyd aus dem niedersächsischen Sulingen die Technik, zusammen mit Vertriebspartner Dodenhofen.

Auf Berührung löst das Dialogsystem Perch eine Kaskade von Bildern und Informationen aus. Anklicken zum Vergrößern. © Lloyd

Auf Berührung löst das Dialogsystem Perch eine Kaskade von Bildern und Informationen aus. Anklicken zum Vergrößern. © Lloyd

Ein Problem sind, zumal für kleinere Händler, die Kosten digitaler Technik. „Erst einmal klein starten und ein Medium testen, um damit Erfahrungen zu sammeln“, empfiehlt Eva Stüber von der Mittelstand 4.0 Agentur Handel. Und: sich vorher gut überlegen, wofür und wie eine Technik genutzt werden soll. Bei digitalen Plakaten etwa liegt die Herausforderung oft weniger in der Investition für die Hardware als in den Inhalten, die immer wieder neu erstellt werden müssen.

Avantgardeprodukte wie smarte Stelen lassen sich auch mieten. Selbst dann addieren sich die Kosten für Hardware, Installation und individuelle Inhalte allerdings schnell auf einige Tausend Euro. Für viele kleinere Händler ist das wohl nur in Kooperation mit Herstellern machbar.

Selfies mit virtueller Figur
Von denen wird wohl auch abhängen, wie sich Virtual-Reality- und Augmented-Reality-Anwendungen behaupten. Als erstes deutsches Unternehmen setzte im vergangenen Jahr Keksfabrikant Bahlsen Augmented Reality am PoS ein: Zur Einführung des Kleingebäcks „Pick Up Minis“ konnten Kunden Selfies mit einer virtuellen Figur machen.

Nicht vergessen: Innovation fasziniert, aber der Neuheitseffekt nutzt sich schnell ab. Vor Jahren war Modehaus Hagemeyer in Minden schon einmal Vorreiter, mit einem Tweetspiegel, der Kundenselfies verschickte. „Aber das“, sagt Geschäftsführer Ahrens, „hat sich totgelaufen, seit jeder ein Smartphone hat.“ Die einstige Novität ist längst wieder abmontiert.

Die Mittelstand 4.0-Agentur Handel ist Experte für die Digitalisierung des Handels. Ihr Informationsangebot richtet sich insbesondere an Multiplikatoren, wie Kammern und Berufsverbände, sowie an die Kompetenzzentren der Initiative Mittelstand 4.0, mit der das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie gezielt kleine und mittlere Unternehmen bei der Digitalisierung ihrer Prozesse unterstützt. Die Mittelstand 4.0-Agentur Handel vermittelt Praxiswissen zum Handel im digitalen Zeitalter unter anderem anhand von kostenfreien Publikationen, praxisorientierten Weiterbildungsformaten und Veranstaltungen. Weitere Informationen finden Sie hier.

Lesen Sie weiter


Unternehmen

Die Wüste lebt

Das apodiktische Urteil über die Kundenfreundlichkeit hierzulande lautete über lange Jahre: Servicewüste Deutschland. Weil digitale Anbieter erfolgreich auf cleveren Service setzen, besinnt sich nun der Stationärhandel auf alte Tugenden: das Persönliche, das Gespräch und das Erleben. mehr...

Wir freuen uns über Diskussionen und Ihre Kommentare.
Wie in jeder Gemeinschaft ist es notwendig, dass sich alle Teilnehmer an die Netiquette halten. Durch Ihre Kommentare sollen interessante, gewinnbringende Debatten entstehen, an denen sich andere Nutzer gerne beteiligen. Beleidigungen und Schmähreden sind deshalb ebenso tabu wie Diskriminierungen und die unerlaubte Veröffentlichung persönlicher Daten. Bitte verstecken Sie sich auch nicht hinter Pseudonymen, sondern benutzen Sie Klarnamen.

Kommentar absenden

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *


*

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>