Alle Informationen für den Handel

Markt

“Tendenz zur Skandalisierung”

© Getty Images/Westend61

Die Lebensmittelbranche wird hierzulande nicht nur von Behörden scharf beäugt. Im Interview spricht Klaus Mayer, Qualitätschef der Rewe Gruppe, über die Verhältnismäßigkeit von Kritik und den Stand der Lebensmittelsicherheit.
Interview: Ralf Kalscheur

„Killerkeime – droht Gefahr aus dem Tierstall?“ oder „Die dunkle Seite der Milch“: 2016 trug laut einer Studie jede dritte Fernsehsendung zum Thema Lebensmittel einen tendenziell kritischen Titel. Wie bewerten Sie die mediale Aufbereitung des Themas Lebensmittelsicherheit, Herr Mayer?
Nicht als völlig unangemessen. Allerdings spielen nicht wenige Medien mit den Ängsten der Menschen: Mittels populärer Formate erzeugen sie beim Konsumenten das Gefühl, er vergifte sich, sobald er Nahrung zu sich nimmt. So werden Analysefunde von vermeintlich gesundheitsbedenklichen Kleinstbestandteilen in den Medien von nicht wissenschaftlicher Seite oftmals mit einer deutlichen Tendenz zur Skandalisierung bewertet. Der Konsument kann aber das reale Gefährdungspotenzial nicht ermessen. Darum tragen die Medien die Verantwortung, dieses Thema nicht zur Steigerung ihrer Auflagen und Quoten auszuschlachten, sondern den Stand der Lebensmittelsicherheit realistisch darzustellen. Legt man die reinen Fakten zugrunde, ist festzuhalten: Die Lebensmittel waren in Deutschland noch nie so sicher wie heute.

© REWE Group

© REWE Group

Zur Person
Dr. Klaus Mayer ist Leiter des Bereichs Qualitätsmanagement der Rewe Gruppe. Er trat 2009 in das Kölner Unternehmen ein. Sein Aufgabenschwerpunkt umfasst dabei die Führung der operativen und strategischen Qualitätssicherung, national wie international. Nach dem Studium der Lebensmittelchemie an der TU München promovierte er an der TU München-Weihenstephan im Bereich Milchwissenschaften. Von 1989 bis 2008 war er bei führenden Lebensmittelherstellern im In- und Ausland tätig.

„Rewe-Eigenmarken enthalten gefährliche Mineralöle“ war so eine reißerische Überschrift. Dabei ging es um den Übergang von Mineralölen aus Verpackungen in Lebensmittel. Verbraucherschützer rüffelten Rewe dafür scharf …
Das ist ein typisches Beispiel. Die Diskussion um aromatische Mineralöle (MOAH) und gesättigte Mineralöle (MOSH) brandete erstmals 2009 auf. Damals wie heute gilt: Wenn Sie ein Produkt mit diesen Minirückständen von Mineralölbestandteilen in zwei verschiedene Labore geben, erhalten Sie unterschiedliche Ergebnisse. Allerdings hat sich mittlerweile die Beurteilung des tatsächlichen Gefährdungspotenzials von MOSH gewandelt, weshalb die Diskussion um die Grenzwerte bis vor drei Jahren weit kritischer geführt wurde. Letztlich geht es um die Verhältnismäßigkeit der Kritik. Schließlich greift auch niemand die Verlage an, weil Brötchen von Menschen, die beim Frühstück Zeitung lesen, messbar mit dem in der Druckerschwärze enthaltenen Mineralöl belastet sind. Die Komplexität des Themas Lebensmittelsicherheit eignet sich nicht für eine vereinfachende, polarisierende Darstellung. Stiftung Warentest und auch Ökotest sind wichtige gesellschaftliche Regulative, doch sollte ihre Arbeit nicht auf Skandalisierung abzielen, sondern auf die Aufklärung des Verbrauchers.

Welche Rolle spielen Eigenmarken für Rewe, um ein durchgängiges Qualitätsmanagement entlang der Wertschöpfungskette von der Herkunft der Lebensmittel bis zum Kühlschrank zu gewährleisten?
Dank unserer Sicherungsmechanismen und extrem zuverlässigen Lieferanten sind wir von Manipulationen weitestgehend nicht betroffen. Vor hochkrimineller Energie, wie etwa beim Pferdefleischskandal, gibt es jedoch kaum hundertprozentigen Schutz. Jeder unserer Eigenmarkenlieferanten muss sich jährlich von IFS-Auditoren zertifizieren lassen. Bei neuen Lieferanten schicken wir zusätzlich noch einen privaten Auditor, der den Betrieb gemäß unseren spezifischen Anforderungen checkt. Im Frischebereich überprüfen wir Lieferanten laufend auch selbst und in der Regel unangekündigt. Jeden Eigenmarkenartikel lassen wir in unabhängigen Laboren untersuchen. Das sind etwa 40.000 Analysen im Jahr – weit mehr als beispielsweise die Gesamtzahl der behördlichen Kontrollen im Bundesland Hessen.

Die Zuständigkeit für die amtliche Lebensmittelüberwachung liegt in Deutschland bei den Bundesländern. Führt die Erhebung von Gebühren für behördliche Kontrollen, wie in Niedersachsen und in NRW praktiziert, zu mehr Lebensmittelsicherheit?
Die Lebensmittelsicherheit in Deutschland ist auf einem extrem hohen Niveau. Die Handelshäuser unterhalten komplexe Sicherungssysteme, die gut sind und immer besser werden. Uns auch noch die Kosten der zusätzlichen amtlichen Lebensmittelüberwachung aufzutragen, ist darum nicht richtig. Dagegen liegen bereits Hunderte Beschwerden aus dem Lebensmitteleinzelhandel vor. Behördliche Kontrollen müssen öffentlich finanziert werden. Ich würde mir aber eine zentralistische Steuerung der Lebensmittelüberwachung wünschen. Das wäre für uns als deutschlandweit operierendes Unternehmen deutlich sinnvoller als die dem Föderalismus geschuldete Auseinandersetzung mit 16 bundesländerspezifischen Regelungen.

 

Systematische Sicherheit: IFS setzt Standards

Nach Angaben des Bundesamtes für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) finden insgesamt pro Jahr nahezu eine Million ­Betriebskontrollen auf allen Stufen der Erzeugerkette statt und etwa 400 000 Lebensmittelproben werden in den Laboratorien der Bundesländer untersucht.

Die Bundesregierung will darüber hinaus den Kampf gegen den Etikettenschwindel intensivieren. Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) hat beschlossen, ein Zentrum für die „Echtheit und Integrität der Lebensmittelkette“ zu ­eröffnen. An dem Institut sollen Forschungsmethoden weiterentwickelt werden, um Inhaltsangaben und Herkunftsbezeichnungen besser überprüfen zu können.

Die amtliche Lebensmittelüberwachung ist eine ergänzende „Kontrolle der Kontrolle“. Durch betriebliche Eigenkontrollen und ein entsprechendes Qualitätsmanagement müssen die Lebensmittelunternehmen sicher­stellen, dass die gesetzlichen Anforderungen, etwa an die Rückverfolgbarkeit in der Produktionskette, die Herkunftsabsicherung von Roh­stoffen und die Hygienevorschriften, eingehalten werden. Überdies unterstellen sich die Unternehmen externen Kontrollen, etwa durch beauftragte unabhängige Auditoren und Labore sowie durch privatwirtschaftliche Qualitäts- und Markenprogramme. Dazu gehören die International Featured Standards IFS.

Der IFS-Standard Food wurde 2003 vom Handelsverband Deutschland (HDE) eingeführt, ein Jahr später erfolgte die Einbindung des französischen Einzelhandelsverbands (FCD). Über die Jahre wurden Handelsunternehmen aus europäischen Nachbarländern an der Entwicklung der Standards beteiligt, die inzwischen neben der Herstellung von Lebensmitteln auch die Bereiche Logistik, Zwischenhändler, Verpackungen und den Non-Food-Bereich umfassen.

IFS Food kommt dort zum Einsatz, wo Produkte verarbeitet werden oder wo bei der Erstverpackung die Gefahr einer Kontamination der Ware besteht. IFS erarbeitet in Arbeitsgruppen mit dem Handel, Zertifizierungsstellen und Herstellern Anforderungen an die Prozesssicherheit. Diese Anforderungen werden regelmäßig durch Audits überprüft. Spezialisierte Auditoren, die von Zertifizierungsstellen wie dem SGS Institut Fresenius gestellt werden, werden vom IFS geprüft und zugelassen.

IFS-Zertifikate sind für Hersteller von Handelsmarken unerlässlich geworden. Sie belegen, dass die standardisierten Einkaufsspezifikationen eines Handelsunternehmens erfüllt werden. Auch Hersteller, die keine Handelsmarken produzieren, orientieren sich am IFS, um systematische Lebensmittelsicherheit zu betreiben. Im IFS-Netzwerk arbeiten 1.150 Auditoren in 100 Ländern, die jährlich 20.000 Zertifikate ausstellen.

Lesen Sie weiter


Unternehmen

“Aus eins und eins wird drei”

Beim ECR Tag 2017 werden Jean-Jacques van Oosten, Chief ­Digital Officer von Rewe, und Fridolin Frost, Geschäftsführer von Mondelēz International in Deutschland, zu den Themen ­Kooperation und Digitalisierung referieren. Im Vorfeld sprechen sie über Kundenzentrierung und ihren gemeinsamen Omnichannel-Ansatz. mehr...

Wir freuen uns über Diskussionen und Ihre Kommentare.
Wie in jeder Gemeinschaft ist es notwendig, dass sich alle Teilnehmer an die Netiquette halten. Durch Ihre Kommentare sollen interessante, gewinnbringende Debatten entstehen, an denen sich andere Nutzer gerne beteiligen. Beleidigungen und Schmähreden sind deshalb ebenso tabu wie Diskriminierungen und die unerlaubte Veröffentlichung persönlicher Daten. Bitte verstecken Sie sich auch nicht hinter Pseudonymen, sondern benutzen Sie Klarnamen.

Kommentar absenden

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *


*

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>