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Digitaler Feldversuch

© Karls Erlebnisdorf

Auf den ersten Blick scheint auf Karls Erlebnisdorf die Zeit stehen geblieben zu sein. Doch das täuscht. Die Digitalisierung hat längst Einzug gehalten – ohne jedoch den Charme des naturnahen Erlebnisses zu schmälern. Dank dieser gelungenen Kombination floriert nicht nur der Handel prächtig. Text: Silke Bohrenfeld

Der verlockende Duft frischer Erdbeeren empfängt den Besucher von Karls Erlebnisdorf in Rövershagen bei Rostock. Ein heimeliger Geruch, der an Kindheit erinnert, der Appetit macht. Es geht gar nicht anders: Man muss weiter, immer der Nase nach. Und bereits nach wenigen Schritten offenbart sich die Ursache der olfaktorischen Sensation: eine kleine Manufaktur zur Herstellung von Marmelade, in der betriebsame Frauen Erdbeeren verkochen, pürieren und die Marmelade in Gläser abfüllen. Frischer geht es nicht.

Die Marmeladenherstellung zählt zu den zehn offenen Manufakturbetrieben, die in den Rövershagener Bauernmarkt integriert sind. Hier, wie auch an fast jedem der vier anderen Standorte des Unternehmens, können die Besucher zusehen, wie Kaffee gerö-stet, Wurst, Seifen, Bonbons oder Schokoladen hergestellt sowie Kerzen gezogen und Glas geschmolzen wird. Die Eröffnung einer eigenen Brauerei in Rövershagen ist für 2018 geplant. In der Nähe von Berlin will Betreiber Robert Dahl im kommenden Jahr zudem eine Kartoffelchipmanufaktur eröffnen, um dort regionale Kartoffeln mit dem Ostseesalz aus der unternehmenseigenen Salzmanufaktur zu verarbeiten.

Reiner Erdbeerverkauf war einmal. Den von Opa Karl 1921 gegründeten landwirtschaftlichen Betrieb hat die Inhaberfamilie Dahl – Robert, seine Frau Stephanie und Schwester Ulrike – in dritter Generation längst in einen modernen Mischkonzern mit Freizeitpark, Bauernmarkt, gläserner Produktion, Erlebnisgastronomie und Hotellerie überführt. Der Fokus liegt auf Nachhaltigkeit, mit gezieltem Augenmerk auf Regionalität und Natürlichkeit. Den wirtschaftlichen Erfolg behält Robert Dahl dabei  immer im Blick. „Mit all diesen Vorhaben wollen wir die Auslistung von Produkten kompensieren, die nach unserer Anschauung nicht mehr in unser Sortiment passen. Zudem ist es mir wichtig, den gesamten Herstellungsprozess in der Hand zu behalten und uns unabhängiger von der Industrie zu machen.“

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Für die konsequente Neuausrichtung entschieden sich die Inhaber vor etwa sechs Jahren. Das war kein einfacher Weg, mussten sie sich doch trotz wirtschaftlichen Erfolgs aus ihrer Komfortzone bewegen, ohne zu wissen, ob die Neupositionierung gelingt. „Weiterzumachen wie bisher, kam aber nicht infrage. Wir konnten uns immer weniger mit dem Unternehmen identifizieren. Deshalb haben wir uns überlegt, wie wir uns aufstellen können, damit die Arbeit wieder Spaß macht – ohne dabei pleitezugehen“, berichtet Dahl. Um eine Leitlinie für die Neuausrichtung zu entwickeln, fassten die drei Unternehmer ihr Ideal in sechs Attributen zusammen: Authentisch, kreativ, liebevoll, augenzwinkernd, familiär und großzügig sollte Karls Erlebnisdorf sein.

Anhand dieser Maßgaben konzipierten sie das Geschäftsmodell neu und passten das Sortiment entsprechend an. „Wir haben unser Brot wieder authentisch gebacken und unsinniges Plastikspielzeug gegen umsatzstarke Produkte aus nachhaltigen, natürlichen Materialien getauscht“, erläutert Dahl. Damit seien Freude und Sinnhaftigkeit zurückgekehrt – und das Unternehmen bekam die Chance, zu wachsen.

Sucht der Einzelhandel im Zeitalter der Digitalisierung händeringend nach Orientierung, hat die Inhaberfamilie mittlerweile ihren Weg gefunden. Sie verfolgt ihn, um auch die nächste Generation mitzunehmen, ohne Scheu vor digitalen Anwendungen. „Aber nicht aus reinem Selbstzweck“, betont Dahl. Sinnstiftend müssten die Features sein und den Kunden Vorteile bringen. Mitarbeiter bilden sich in Karls Akademie über Webinare fort. Dahl treibt die Verknüpfung des Stationärgeschäfts mit dem Onlinehandel voran – allerdings mit viel Fingerspitzengefühl, um den bäuerlichen Charakter des Erlebnisdorfes zu erhalten.

Im Onlineshop sind rund 400 Artikel erhältlich, die Facebook-Seite des Unternehmens zählt bemerkenswerte 271.000 Freunde, und seit einigen Wochen steht die neue Homepage im Netz. Mit Beginn der Erdbeersaison soll eine App an den Start gehen, über die der Kunde bequem Erdbeeren bestellen kann. Auch für die neue Unternehmenssparte, die Hotellerie, hat Robert Dahl schon viele Ideen: Sein neuester Clou nämlich wird ein Freizeitpark in Elstal bei Wustermark sein, dessen Eröffnung für 2019 geplant ist. Investitionssumme: 100 Millionen Euro. Mit dem Großprojekt fügt Dahl seinen bestehenden vier Geschäftsfeldern ein fünftes hinzu.

„Ich kann mir vorstellen, den gesamten Dienstleistungsprozess – von der Buchung über die Bezahlung bis zur Weiterleitung des Schlüsselcodes via WhatsApp auf das Handy des Kunden – zu digitalisieren.“ Zusätzlich könnte der Besucher vor Anreise per App diverse Dienstleistungen buchen, wie frische Brötchen oder regionales Obst fürs Zimmer, Freizeitangebote oder einen Tisch im Restaurant. Dahl: „Dank unserer  verschiedenen Standbeine verteilen wir das betriebswirtschaftliche Risiko so, dass unser Unternehmen in seiner Gesamtheit komfortabel in die digitale Zukunft finden wird.“

Robert Dahl, Inhaber von Karls Erlebnisdorf.

Robert Dahl, Inhaber von Karls Erlebnisdorf.

„Digitalisierung ist cool“

Karls Erlebnisdorf wagt den Spagat zwischen bäuerlicher Anmutung und konsequenter Digitalisierung. Seine nachhaltige Wachstumsstrategie erklärt Inhaber Robert Dahl im Interview.

Herr Dahl, wie rüsten Sie Ihre Dörfer für die Zukunft?
Auch wenn das ländliche Ambiente unserer Dörfer nicht unbedingt digital anmutet, ist unser Unternehmen hinter den Kulissen durch und durch digitalisiert. Das betrifft sowohl das Back-Office als auch die Vermarktung, mit der wir auf sämtlichen Social-Media-Kanälen präsent sind. Die 18 Häuser unserer neuen Ferienhaussiedlung in Rövershagen wie auch das Eishotel vermarkten wir ausschließlich über unsere Facebook-Seite. Der Geschäftsbereich Hotellerie läuft von der Werbung über die Buchung und den Zahlungsprozess bis hin zur Schlüsselübergabe vollständig digital. Und im Bereich Events können zum Beispiel Brautleute das Arrangement in unserer Festscheune inklusive Deko, Musik und Buffetauswahl online zusammenstellen, buchen und bezahlen.

Was unternehmen Sie im Bereich Handel, um on- und offline zu verbinden?
An der Verknüpfung von on- und offline arbeiten wir noch, vermochten aber bereits einiges umzusetzen. Beispielsweise können unsere Kunden seit einem Jahr ihren Einkaufskorb bei uns stehen lassen, online bezahlen und sich den Einkauf von uns nach Hause bringen lassen. Dann verfolgen wir die Idee, über Radiowellen standortgebundene Produktinformationen auf die Handys unserer Kunden zu senden. Diese Technologie, an der die Universität Rostock arbeitet, funktioniert großflächiger und für den Händler bedienungsfreundlicher als Beacons. Deshalb engagieren wir uns für dieses Thema. Grundsätzlich zählt für uns, dass digitale Anwendungen sinnvoll sind und den Kunden den Einkauf erleichtern.

Was heißt das konkret?
Ein gutes Beispiel ist unser Erdbeertaxi: ein Projekt, mit dem wir bereits vor fünf Jahren gestartet sind und das wir zu Beginn der Erdbeersaison wieder ins Leben rufen wollen. Wie funktioniert es? In verschiedenen Berliner Stadtteilen können sich Kunden über eine mobile App oder über eine Homepage Erdbeeren bestellen, die innerhalb von 90 Minuten geliefert werden.

Wie läuft Ihr Onlineshop?
Mit unserem ersten Onlineshop sind wir bereits 1996 ins Netz gegangen. Das lief natürlich überhaupt nicht, weil damals niemand Internet hatte. Nach zwei Jahren haben wir das Handtuch geworfen, weil keiner bestellt hat. Heute gehen in unserem reaktivierten Onlineshop an einem Sonntag schon mal um die 1  000 Bestellungen ein, die wir dann montags verschicken. Unsere Kunden können online aus einen Sortiment von 400 Artikeln wählen. Wir generieren innerhalb des Geschäftsfeldes Handel mit unserem Onlineshop etwa vier Prozent unseres Umsatzes.

Was steht als Nächstes an?
Wir wollen uns bei dem Thema Digitalisierung keine Grenzen auferlegen. Dazu sind viele Anwendungen einfach zu cool. Zudem wollen wir auch die nächste Kundengeneration mitnehmen. Um dies leisten zu können, erweitern wir gerade unsere IT-Abteilung, die zurzeit aus zwei Informatikern besteht. Unsere neue Homepage, die seit einigen Wochen im Netz ist, wurde von dieser Abteilung innerhalb von sechs Monaten gebaut. Das ist unser erstes in Eigenregie realisiertes Projekt in diesem Sektor – weitere werden folgen.

In welche Richtung wird sich der Lebensmitteleinzelhandel entwickeln?
Ich glaube, die Themen Lebensmittel und Digitalisierung werden sich weiter annähern. Die Lieferdienste für Lebensmittel boomen. Gerade in einem Flächenland wie Mecklenburg-Vorpommern können die Menschen von dieser Entwicklung profitieren – und wir wollen ganz vorn mit dabei sein.

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