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Das Glück liegt in den Wäldern

© Sami Tikkonen

Roberts Berrie ist ein finnischer Onlinehändler, der wilde Beeren in die ganze Welt verschickt. Klingt verrückt? Ist es auch. Aber das kleine Unternehmen zeigt, wie pfiffiger, moderner Onlinevertrieb aussehen kann. Text: Christine Weißenborn

Die Tage in Finnland sind im Sommer lang und lau, im Winter kurz und frostig. Das Landschaftsbild prägen Berge und Seen. Vor allem aber besticht die Optik durch dichten Wald, der etwa 65 Prozent der finnischen Fläche bedeckt. „Unser Land bietet wilden Beeren optimale Wachstumsbedingungen“, schwärmt Mikko Roberts, Chef des Beerenherstellers „Roberts Berrie“. Das Beste an diesen Beeren aber ist: Jeder darf sie pflücken. In Finnland gilt das Jedermannsrecht. Es gestattet, die Natur und ihre Erträge ohne Genehmigung eines Grundeigentümers zu genießen.

Mikko führt sein Beerenunternehmen in fünfter Generation. Er kennt sich aus mit der Wildfrucht und erklärt, dass die wenigen Wochen intensiver Sonne in der Mitte des Jahres mehr Schubkraft für das Waldobst brächten als irgendwo sonst auf der Welt. Die rauen Bedingungen den Rest des Jahres über würden wiederum sämtliche Keime im Boden abtöten. Das zusammen ergebe den besonderen Genussgehalt des Produktes – das sich wirklich auch nur dort finden lässt, wo das Rentier dem Braunbären einen Gutenachtgruß zugrunzt.

Clean Eating im Trend
Roberts glaubt allerdings nicht nur an die Kraft der wilden Wundergabe aus heimischen Wäldern, sondern auch an die des internationalen Online-Lebensmittelhandels. Deshalb hat er angefangen, seine Beeren in die ganze Welt zu verfrachten. Allein in Deutschland werde der Onlineumsatz im reinen Lebensmittelhandel von knapp 1,1 Milliarden Euro im Jahr 2014 innerhalb der nächsten zehn Jahre auf mehr als sieben Milliarden Euro jährlich klettern, heißt es etwa in einer Studie des Marktforschungsunternehmens GfK. Hinzu kommt ein gesteigertes Bewusstsein für Qualität und Bekömmliches. „Weltweit herrschen vier Megatrends: guter Geschmack, eine gesunde Lebensweise, eine einfache Handhabung und Natürlichkeit“, erklärt Obsthändler Roberts. Das sogenannte „Clean Eating“, also der Genuß von Lebensmitteln ohne Zusatzstoffe oder Zucker, spielt dabei eine entscheidende Rolle, vor allem für Verbraucher mit Lebensmittelunverträglichkeiten.

Im Zuge dieser Entwicklung kommen immer mehr Leute auch auf den Geschmack von Beeren. „In Deutschland sind wir derzeit unter anderem mit unserem Beerensortiment erfolgreich“, sagte etwa Esa Wrang, Leiter des finnischen Exportprogramms Food from Finland, kürzlich der Lebensmittel-Zeitung. Vor allem die wild wachsenden Früchte aus dem hohen Norden haben gegenüber kultivierten Produkten einen höheren Gehalt an Vitaminen und anderen gesundheitsfördernden Pflanzeninhaltsstoffen.

Die Finnen wissen von diesem Zusatznutzen längst. Nun soll mithilfe von Beerenhändler Roberts auch der Rest der Welt davon erfahren. Die gehaltvollen Zutaten für seine Mission kauft er tonnenweise und gefroren von einem Zulieferbetrieb, der sie wiederum in den Tiefen der heimischen Wälder erntet. Laut der Artic Flavours Association mit Sitz in der finnischen Ortschaft Suomussalmi gedeihen dort 37 essbare Beerensorten. Jährlich werden rund 500 Millionen Kilogramm Früchte, darunter Preiselbeeren, Johannisbeeren und Heidelbeeren, gepflückt und vermarktet. Die Beeren mitsamt ihren faserreichen Schalen, ihren Samen und Proteinen sind „echte Vitaminbomben“, sagt Roberts.

Als trinkfertige Berrie-Produkte halten sie sich bei Zimmertemperatur acht Monate. Wegen des hohen Fruchtgehalts kommen sie zudem ohne Zucker aus. Ein Blaubeerpack im Dutzend kostet im Onlineshop 19,70 Euro. Hinzu kommen, etwa nach Deutschland, 17,50 Euro Versandkosten für eine Ladung Beeren bis zu 34 Kilo. In drei bis fünf  Tagen, verspricht Roberts, ist das Produkt da. Frisch aus dem Wald auf den Tisch sozusagen. Geeignet für gestresste Großstädter, Mütter und Kosmopoliten.

Natürlich bleibt das Geschäft mit der Frische per Globalpost herausfordernd. Die Versorgung ist mit enormen lebensmittelrechtlichen Herausforderungen verbunden. Die Versandkosten sind besonders dann noch sehr hoch, wenn außerhalb des Euroraums zusätzlich Zölle anfallen. Das Transportnetzwerk muss außerdem den länderspezifischen Anforderungen der Endkunden gerecht werden. Allerdings glauben Experten, dass diese Startschwierigkeiten in den nächsten Jahren durch zahlreiche Innovationen abgemildert werden. „Der Online-Lebensmittelmarkt wächst immer stärker aus der Nische heraus“, glaubt Olaf Roik, Bereichsleiter Wirtschaftspolitik beim Handelsverband Deutschland (HDE). Und daraus ergeben sich „zahlreiche Chancen für Anbieter in speziellen Martktsegmenten“, erklärt Roik.

Einfach nur Billig zieht nicht mehr
Das zeigt das Unternehmen Roberts Berrie, das 1910 in Schweden gegründet wurde. Lange Jahre tummelte es sich vor allem im B2B-Bereich, verkaufte Gewürze und geschmackliche Grundzutaten für Bäckereien, Hotels und Caterer. Irgendwann kamen Marmeladen, dann Smoothies und schlussendlich die wilden Beeren dazu. In den 70er-Jahren trennte sich das heutige Unternehmen Roberts Berrie vom schwedischen Familienzweig und produziert und vertreibt seither in finnischer Eigenregie. 25 Mitarbeiter arbeiten für Mikko Roberts am Standort Turku an der Südwestküste des Landes. Der Umsatz im Jahr 2015 betrug rund zehn Millionen Euro. Der Fokus liegt mit drei Millionen verkauften Kilos nach wie vor auf der Herstellung von Marmeladen und Füllungen jeglicher Art. Doch langfristig soll das Geschäft mit der Beere den Umsatz bringen.

Auf den Vertrieb durch Supermärkte setzt Roberts dabei zwar auch, allerdings verhalten. Viele der großen Ketten hätten nichts weiter im Sinn, als Marge zu machen, sagt er. Stattdessen sucht er sich auf der ganzen Welt „passionierte Händler, die Lust auf ein innovatives Wohlfühlprodukt haben, das wir in unserem Onlineshop vertreiben“, so Roberts. Seinen Auftritt befeuert der Beerenhändler durch Kanäle wie Facebook, Pinterest, Instagram, YouTube und verschiedene Messeauftritte rund um den Globus. Das sei zwar mühsam, muss Roberts zugeben. Er habe viel lernen und ausprobieren müssen in den letzten Jahren. Um die Marke bekannt zu machen, musste er sich intensiver um den einzelnen Verbraucher bemühen, kommunizieren, zuhören. Es sei zudem schwierig, Leute von einem Produkt zu überzeugen, das sie gar nicht kennen, sagt Roberts. Aber die Welt ändere sich mit rasender Geschwindigkeit. „In der Vergangenheit ist man kaum vorwärtsgekommen; in den Absatzkanälen hat man seine Interessen geschützt. Heute ist es vollkommen unwichtig, ob ein Kunde Privatverbraucher oder Unternehmer ist“, glaubt der Beerenhändler. „Einfach nur billig zu verkaufen, zieht nicht mehr.“

Roberts‘ Ziel ist es deshalb, der Welt Zugang zu einem guten Produkt samt gutem Gefühl zu geben. Gerne würde er auch den deutschen Markt erobern. Normalerweise würde das für einen ausländischen Hersteller auf die herkömmliche Art und Weise passieren: per Importeur, der kauft und zu seinen eigenen Preisen weiterverkauft. Roberts will lieber direkt an den Konsumenten heran. Einer seiner größten Beerenabnehmer kommt aus Texas, USA. Es ist ein Lebensmittelhändler, der ausschließlich auf beste Produkte aus aller Welt setzt und damit genau das im Sinn hat, was auch Roberts vorschwebt: global einkaufen, lokal genießen.

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