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Auf allen Kanälen

© zonadearte/Getty Images

Die Anforderungen der neuen Handelswelt erscheinen vielen Ladenbetreibern als kaum zu überwindende Hürden. Mit unserer Serie „Shop der Zukunft“ wollen wir Händlern auf die Sprünge helfen. Diesmal geht’s ums Thema „Multichannel“.
Text: Christine Mattauch

„Die kenne ich ja schon von Facebook“, sagt der Neukunde, wenn er das Geschäft betritt. Immer häufiger kommt das vor. Für Anne de Vries ein Beweis, dass der Auftritt ihrer „Landleckereien“ in dem sozialen Netzwerk funktioniert. Rund 460 Fans hat der Laden mit regionalen Spezialitäten im ostfriesischen Leer bereits, einzelne Posts erreichen bis zu 1.000 Leser. „Erstaunlich viel“ für ihren Einfraubetrieb, findet de Vries.

Marketing und Vertrieb über verschiedene, auch digitale Kanäle – darin liegt die Zukunft des Einzelhandels. Experten sind sich in diesem Punkt einig. Am besten sollen diese Kanäle auch noch verschränkt sein, sodass Kunden bruchlos zwischen den Welten wechseln können (auch als Omnichannel- oder Seamless-Shopping bezeichnet). Viele kleine Händler erfüllt diese Vision allerdings mit einer Mischung aus Ehrfurcht und Hilflosigkeit – ihr digitales Engagement beschränkt sich vielfach auf eine Homepage mit den Öffnungszeiten. Smartphone-Apps, Onlinedisplays und digitale Warenkörbe auch im Laden, wie sie heute bereits einige große Ketten testen, stehen für sie schon aus Kostengründen außer Diskussion. Viele sind zu zaghaft. Die schöne neue Welt des Digitalen lässt sich schrittchenweise und sehr individuell erschließen und Lösungen müssen nicht einmal teuer sein. Im Gegenteil lassen sich so neue Einnahmequellen erschließen. Was zum Beispiel wirklich jeder kann: Stammkunden anbieten, sie per E-mail, SMS oder Whats-App über frische Ware, Sonderangebote oder Restposten zu informieren.

Buchbestellung über Whatsapp
„Man sollte sich die Frage stellen: ‚Welche Stärken, die meine Kunden offline schätzen, kann ich online als Service anbieten?‘“, rät Christoph Langenberg, Projektleiter E-Commerce beim Kölner EHI Retail Institute. Das kann eine Terminvereinbarung sein oder eine Videoberatung, immer dann, wenn im Laden gerade wenig los ist. Oder ein pfiffiger Abholservice für online georderte Ware.

Christoph Langenberg, Projektleiter E-Commerce beim Kölner EHI Retail Institute. © Intuitive Fotografie Köln

Christoph Langenberg, Projektleiter E-Commerce beim Kölner EHI Retail Institute. © Intuitive Fotografie Köln

Langenbergs Lieblingsbeispiel: Auf der Website des „Buchladens“, einer Buchhandlung im ausgehfreudigen Kölner Stadtteil Nippes, können Kunden – statt einen für den Händler zeitaufwendig zu betreibenden Onlineshop zu nutzen – einfach in ein Kontaktformular oder über Whats-App schreiben, welches Buch sie haben wollen.
Es lohnt sich, zu schauen, was Start-ups für die eigene Branche entwickeln: Unter www.myfoodmap.de etwa bieten vier Darmstädter Gründer eine Suchmaschine für Menschen mit Lebensmittelunverträglichkeiten an. Jeder Händler kann seine Produkte, speziell die für Allergiker, dort kostenlos listen.

Um eine jüngere Zielgruppe zu erreichen, empfiehlt sich vielleicht eine Kooperation mit einem YouTube-Star, der Produkte bei Live-Events oder auch online vermarktet. Diese „Influencer“ haben mitunter beachtliche Reichweiten: Den Youtube-Kanal der Food-Bloggerin Sally etwa, einer Badenerin, haben fast eine Million Menschen abonniert; ihr Onlineshop umfasst ein riesiges Sortiment von Lebensmittelfarben bis Küchenmaschinen. Wem das eine Nummer zu groß ist, geht vielleicht eine digitale Partnerschaft mit der Kleinstadtband ein.

Präsenz auf Facebook lohnt sich
Gegen Facebook gibt es viele Vorbehalte. Auch Anne de Vries war zunächst eher misstrauisch gegenüber Zuckerbergs Reich. Heute sagt sie: „Die Präsenz lohnt sich, zumal sie mich nichts kostet“ – außer Zeit. Die nimmt sich die 54-Jährige an frequenzarmen Vormittagen – sie postet aktuelle Angebote, Foodinfos und Rezepte, deren Zutaten sich im Laden finden. Es gibt auch einen Bestellbutton, der direkt zu ihrem Onlineshop führt.

An E-Commerce führt kein Weg mehr vorbei, meinen Branchenkenner wie Gerrit Kahl, Leiter des Innovative Retail Laboratory in Saarbrücken: „Am besten ist eine Lösung, die auch mobil gut funktioniert“, rät er. Wer fürchtet, dass der Versand zu viel Zeit kostet, kann sich auf „Click and Reserve“ beschränken – Kunden wählen online aus und holen die Ware im Geschäft ab. Oder er startet mit einem Teilsortiment. De Vries bietet im Internet rund 40 Produkte an, „ich will ja keinen Onlinehandel aufziehen wie Amazon“. Möglich ist auch eine Spezialisierung, wie sie das Schödlbauer Textilkaufhaus aus der bayerischen Kleinstadt Bad Kötzting vormacht: Da dort Hemden zur Kernkompetenz zählen, sicherte sich Schödlbauer die Domain „hemden-meister.de“.

Weil ein einzelner Webshop bei Google schnell untergeht, können lokale Plattformen sinnvoll sein – wie die „Digitale Innenstadt“ in Diepholz, ein vom HDE unterstütztes Pilotprojekt, bei dem sich rund 30 Händler unter dem Dach der Stadtmarke präsentieren. Ähnlich funktionieren die „Online-Citys“ etwa in Heilbronn, Wolfenbüttel und Wuppertal. Und wenn es das in der eigenen Stadt nicht gibt? Onlineshops bei Ebay und Amazon können eine Alternative sein. Dort lässt sich auch modulweise Logistik zukaufen. Das ist komfortabel und einfach, die Gebühren allerdings sind vergleichsweise hoch. „Man kann dort erste Erfahrungen sammeln und dann entscheiden, wie man weiter vorgeht“, empfiehlt Kahl.

Standardsoftware für eigenen Onlineshop
Nahezu unverzichtbar im Onlinevertrieb ist zudem eine eindeutige Produktidentifikation auf Basis der Global Trade Item Number (GTIN) von GS1. Denn wer Produkte ohne weltweit gültige Artikelnummer beispielsweise bei Amazon anbietet, riskiert, ausgelistet zu werden. Der Standard ermöglicht nicht nur, dass ein Produkt eindeutig identifiziert werden kann, sondern ist für Konsumenten auch der Schlüssel, um Preise zu vergleichen oder Produkte schnell und gezielt zu finden. In Kombination mit GS1 Smart Search, das Produkt- und Standortinformationen im Quellcode von Websites für Suchmaschinen leichter interpretierbar macht, und dem GTIN Manager, einer webbasierten Datenbank, die Produktinformationen strukturiert aufbereitet, lässt sich die Sichtbarkeit weiter optimieren. Ein Basispaket GTIN für kleinere Unternehmen mit 1 000 Artikelnummern ist bereits für 230 Euro erhältlich, bei einem Jahresumsatz von bis zu fünf Millionen Euro beträgt der jährliche Nutzungspreis für den GTIN Manager 50 Euro.

Wer es ohne die großen Plattformen mit einem eigenen Onlineshop versuchen will, kann günstige Standard-Shopsoftware als Basis nehmen. Der Anbieter Gambio etwa, dessen Produkte nach Firmenangaben mehr als 20 000 Händler nutzen, verkauft sein GX3-Paket für 149 Euro. Andere wie xt:commerce verlangen monatliche Gebühren zwischen 39 und 179 Euro. Auch das iPad-Kassensystem Inventorum bietet in der Premiumversion einen integrierten Onlineshop.

Welches System passt, hängt von IT- Voraussetzungen und Vorlieben ab. Testversionen sind in der Regel kostenlos. Oft wird ausdrücklich versichert, dass auch Anfänger die Software bedienen können. „Kann schon sein“, meint de Vries. „Aber es dauert länger als man denkt. Immer.“

Serie: Shop der Zukunft

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