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Geiz war gestern

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Der Konsum war im abgelaufenen Jahr wieder das wichtigste Standbein der deutschen Konjunktur. Das dürfte dieses Jahr so bleiben. Angesichts der hohen Relevanz dieser Nachfragekomponente hat das Handelsblatt Research Institute für den HDE ein neues Konsumbarometer entwickelt.

Text:  Bert Rürup, Chefökonom des Handelsblatts sowie Präsident des Handelsblatt Research Institute, und Axel Schrinner, Konjunkturexperte des Handelsblatt Research Institute

Geiz ist geil – mit diesem Slogan warb nicht nur eine deutsche Elektronikhandelskette für Fernseher, Mikrowellen und CD-Player. Zu Beginn der Nullerjahre traf dieser Slogan den Nerv der deutschen Konsumenten, die von steigender Arbeitslosigkeit, in vielen Branchen sinkenden Reallöhnen, riesigen Löchern in der Staatskasse und stagnierender Wirtschaft verunsichert waren, ja teilweise gar resigniert hatten. Die Anfang 2003 einsetzende Diskussion um die vom damaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder angestoßenen Arbeitsmarkt- und Sozialreformen, die Agenda 2010, schürten in Teilen der Mittelschicht neue Abstiegsängste. Im Februar 2005 erreichte die Arbeitslosigkeit – auch infolge einer Statistikumstellung – mit 5,3 Millionen den höchsten Stand der deutschen Nachkriegsgeschichte. All dies lastete auf dem privaten Konsum und lag damit wie Mehltau auf dem deutschen Einzelhandel.

Anklicken zum Vergrößern. Quelle: HRI

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Die Kaufzurückhaltung der Verbraucher veranlasste Teile des Handels zu aggressivem Marktverhalten und wahren Rabattschlachten. Der Preis wurde zum entscheidenden Merkmal eines Produktes; Eigenschaften wie Qualität oder Service wurden nebensächlich. Schließlich kostete „20 Prozent auf alles“ eine Baumarktkette die Existenz. Nicht zuletzt infolge der Agenda-Reformen, eines kooperativen Miteinanders von Gewerkschaften und Unternehmen sowie einer anziehenden Weltkonjunktur erholte sich die deutsche Wirtschaft prächtig. Sie profitierte wie kaum eine andere Volkswirtschaft von der Globalisierung und entwickelte sich zum ökonomischen Kraftzentrum Europas. Doch seit einigen Jahren stockt die Globalisierung, der Welthandel schwächelt, und in vielen Ländern gewinnen protektionistische Stimmen die Oberhand. Das bislang erfolgreiche exportorientierte Geschäftsmodell der deutschen Wirtschaft gerät in Gefahr.

Konjunkturstütze privater Konsum
Somit rückt der private Konsum, der mehr als die Hälfte zum Bruttoinlandsprodukt beisteuert, nicht nur bei keynesianisch orientierten Ökonomen als Stütze des Wachstums immer stärker in den Fokus. Im abgelaufenen Jahr 2016 konsumierten die deutschen Verbraucher Waren im Wert von 1.679 Milliarden Euro – gut 20.000 Euro pro Kopf. Die Verbraucher steuerten damit 1,1 Punkte zum Wirtschaftswachstum von 1,9 Prozent bei. Angesichts von Minizinsen auf Tagesgeld- und Sparkonten scheint vielen Verbrauchern der Kauf eines neuen Autos oder Möbelstücks eine verlockende Alternative zu sein. Zur Erinnerung: Im ersten Geiz-ist-geil-Jahr 2002 drückte der private Konsum das Wachstum noch um 0,4 Prozent, und in den folgenden drei Jahren waren dessen Wachstumsbeiträge mit 0,1 bis 0,4 Prozentpunkten ebenfalls recht bescheiden.

Im laufenden Jahr dürfte in einem Umfeld niedriger Zinsen und moderater Ölpreise, kontinuierlichen Beschäftigungsaufbaus sowie ordentlicher Gehalts- und Rentensteigerungen der private Konsum die wichtigste Konjunkturstütze bleiben. Hinzu kommt, dass Deutschland nicht nur Flüchtlinge, sondern auch qualifizierte Arbeitskräfte aus anderen EU-Staaten anzieht. Eine neue Umfrage unter europäischen Arbeitnehmern ergab, dass Deutschland bei 21 Prozent der Befragten das Land war, in dem sie am ehesten arbeiten würden. Am populärsten ist Deutschland dabei bei Spaniern, Polen und Italienern. Bereits 2016 war die Bevölkerung in Deutschland auf einen neuen Höchststand von 82,8 Millionen gestiegen – und mehr Einwohner bedeuten eben auch mehr Konsum. Sollte die nächste Bundesregierung nach der Wahl im Herbst tatsächlich die Steuern senken oder Sozialleistungen erhöhen, würde dies dem Konsum noch einen weiteren Schub versetzen.

Um der großen Bedeutung des privaten Konsums gerecht zu werden, hat das Handelsblatt Research Institute (HRI) im Auftrag des Handelsverband Deutschland (HDE) ein neues Konsumbarometer entwickelt, das auf einer repräsentativen monatlichen Haushaltsbefragung basiert. Das Barometer stützt sich auf sechs Fragen, deren Antworten die Erwartungen hinsichtlich der Entwicklung der Konsum- und Sparneigung, der Einkommens- und Konjunkturentwicklung sowie des Zins- und Preisniveaus widerspiegeln. Bei der Berechnung des Barometers gehen die Antworten mit unterschiedlichen Gewichten ein, die deren jeweiligem Einfluss auf den Konsum Rechnung tragen. Der Wert für Januar 2017 wurde auf 100 normiert.

Nachdem der Index im Februar um einen Punkt zulegen konnte, fiel er im März wieder auf den Januarwert zurück. Womöglich dämpft die erratische Politik des neuen US-Präsidenten Trump ein wenig die Kauflaune. Belastend auf die Verbraucherstimmung wirkte sich aber vor allem die Erwartung steigender Preise aus. Treiber der anziehenden Teuerung waren die deutlich höheren Energie- und Nahrungsmittelpreise, die maßgeblich dazu beitrugen, dass die Inflationsrate in Deutschland auf 2,2 Prozent im Februar in die Höhe zog.

Wachsende Einkommenserwartung
Die Antworten signalisieren aber auch, dass die Verbraucher gegenwärtig deutlich höhere Konjunktur- und damit auch Einkommenserwartungen haben als zum Jahresstart. Und so werden wohl auch 2017 wieder viele der fast 50 Millionen Smartphonenutzer ein neues, leistungsfähigeres Gerät kaufen, obwohl das alte noch funktionstüchtig ist. 2016 wurden 23,2 Millionen privat genutzte Geräte verkauft. Das waren zwar etwas weniger als im Vorjahr, dafür stieg aber der durchschnittliche Preis pro Gerät an. Und mit 3,35 Millionen Neuwagen wurden 2016 so viele Autos zugelassen, wie seit der Abwrackprämie im Rezessionsjahr 2009 nicht mehr. Selbst Discounter werben heute mit „Deluxe“-Produkten um die Gunst der Verbraucher und führen Champagner im Sortiment. Bei Aldi gibt es Designerkleidung und Lidl bietet in seinem Onlineshop Wein für 349 Euro die Flasche an.

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