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„Verweile bei uns – auch wenn du nichts kaufen möchtest“

© Lukas Beck

Als prominenter Referent trat Roman Delugan jüngst beim Handelsimmobilienkongress in Berlin auf. Im Interview spricht der Architekt über Shoppingcenterleichen, aufzubrechende Kaufhauskokons und die wundersame Wirkung des Duftes von frisch Gebackenem. Interview: Mirko Hackmann

Herr Delugan, was sehen Ihre Architektenaugen, wenn Sie durch Innenstädte bummeln und Einzelhandelsimmobilien betrachten?

Viele Gebäude, vor allem jene der großen Kaufhausketten, empfinde ich als abweisend und isoliert. Die Käufer erwartet eine abgeschlossene Welt, die stets von derselben Anordnung von Läden geprägt ist: Es beginnt mit der Kosmetikabteilung im Erdgeschoss, es folgen Lederwaren, Papierwaren, Frauenmode – schließlich Männermode. Die Kommunikation zwischen Besuchern und der Stadt ist in den meisten Fällen nicht gegeben. Dieses System hat sich meines Erachtens seit Langem überholt, der Markt funktioniert nicht mehr so.

Seinerzeit entsprach das der gängigen Architekturästhetik …

Die hat sich doch sehr verändert. Der Mensch sucht nicht mehr nur Orte des schnellen Einkaufens, sondern Orte des Verweilens, des Wohlfühlens. Die Öffnung sowie die visuelle und funktionale Vernetzung mit dem Umfeld, besonders in der Erdgeschosszone, sind essenziell. Das Selfridges in London beispielsweise oder die neue Galerie Lafayette in Paris operieren diesbezüglich mit neuen Konzepten. Im Selfridges zum Beispiel erwartet den Besucher der Duft der vor Ort produzierten Backwaren. Es sind die sinnlichen und unerwarteten Dinge, die einen Ort spannend und unverwechselbar machen.

Ihr Credo lautet, die vorhandenen Potenziale der City neu zu interpretieren. Was bedeutet das konkret?

Die Gesellschaft befindet sich in einem permanenten Wandel, der Reaktionen der Stadtplanung einfordert. Nicht mehr die Funktion dominiert die Planung; der Mensch und seine Bedürfnisse rücken ins Zentrum der Konzeptionen. Daraus erwächst ein immenser Veränderungsbedarf, sowohl den öffentlichen Raum als auch die einzelne Handels- immobilie betreffend. Hohes Potenzial sehe ich in Gebäuden, die in den 1970er- , 1980er – und 1990er-Jahren errichtet wurden und jetzt zum Teil leer stehen. Diesen Umstand durch Revitalisierung und adäquate Nutzungskonzepte zu ändern, wird ein immer wichtigerer Aspekt in unserer Arbeit. Letztlich geht es uns um die Identifikation des Menschen mit seinem Umfeld. Von Bogdan Bogdanović stammt das Zitat: „Ich bin eine kleine Stadt, die Stadt ist ein kleines Ich.“ Oder um es mit Nietzsche zu sagen: „Ästhetik ist nichts anderes als angewandte Physiologie.“

Lange galt die funktionalistische, autogerechte City als das Maß der Stadtplanung. Wie kommt es, dass der Mensch jetzt wieder in den Fokus rückt?

Nach einer längeren Periode der Stadtflucht beobachten wir nun eine massive Kehrtwende – den Zuzug in die Stadt. Doch auch im urbanen Raum wollen die Menschen in keiner reinen Funktionswelt leben. Sie haben Sehnsucht nach Atmosphäre und Identität. Auch die Mobilität verändert sich zunehmend. Für die junge Generation ist sie zwar wichtig, doch das Auto verliert als Fortbewegungsmittel wie auch als Statussymbol immer mehr an Bedeutung. Nicht die Bedürfnisse des Individualverkehrs sollten im Fokus der Stadtentwicklung stehen, sondern jene des mobilen Menschen von morgen. Wenn in 20 Jahren sämtliche Autos elektrisch angetrieben fahren, wird das die Akustik der Stadt und auch den Stadtraum als Ganzes verändern. Er bekommt eine völlig neue Codierung. Dieser Trend ist unaufhaltsam – dem müssen wir als Architekten Rechnung tragen.

Lichtgestalt in der Provinz: Eingang des Einkaufszentrums ELI in Liezen/Steiermark. Anklicken zum Vergrößern. © Bruno Klomfar; Helmuth Eder; dmaa

Lichtgestalt in der Provinz: Eingang des Einkaufszentrums ELI in Liezen/Steiermark. Anklicken zum Vergrößern. © Bruno Klomfar

Was macht gute urbane Architektur aus?

Qualitative Architektur steht in ständiger Auseinandersetzung mit dem Kontext, mit der Topografie, mit der Typologie, mit der Umgebung. Die Gebäude, die wir entwickeln, sind immer ein Teil des Ganzen und können nie davon losgelöst betrachtet werden. Deshalb ist für uns ein gewachsener, historischer Kontext nichts Hinderliches – im Gegenteil. Wir lernen aus der Vergangenheit, leben in der Gegenwart und planen für die Zukunft.

Bei welchen Gebäudetypen sehen Sie das größte Potenzial für Refurbishments?

Für mich gibt es da keine Hierarchie. Wir arbeiten gerade an einem Projekt, bei dem es um die Umnutzung und Neuinterpretation einer Immobilie aus den 70er-Jahren geht. Dies ist für uns eine sehr spannende Aufgabe. In Zukunft werden es eher Shoppingcenter, Kaufhäuser oder Kinocenter aus den 1970er- und 1980er-Jahren sein, die unter Frequenzschwund leiden. Ich sehe ein großes Potenzial, diese Gebäude einer adäquaten, zukunftsorientierten Funktion zuzuführen, die den Anforderungen einer modernen Gesellschaft entspricht. Es ist wichtig, diese Kokons, die sich bislang dem urbanen Umfeld nicht öffneten, aufzubrechen. Es geht um Atmosphären, das Verweilen sowie darum, räumliche wie inhaltliche Qualitäten zu schaffen. Um neue Ideen für bestehende Objekte zu kreieren, bedarf es oft nur sehr überschaubarer Maßnahmen – und die Gebäude funktionieren wieder.

Welche Zukunft sehen Sie für die häufig veralteten Immobilien auf der grünen Wiese, die große Shoppingcenter und SB-Warenhäuser beherbergen?

In der Peripherie liegende Shoppingcenterleichen werden wahrscheinlich künftig zu Wohnbauten, Bürogebäuden, Eventparks oder was auch immer umfunktioniert. Man könnte zum Beispiel aus den riesigen Parkplatzflächen Landschaftsräume generieren. Eine spannende Herausforderung.

Traditionelle Materialien, modernes Interieur: Herrenboutique Helmut Eder Men in Kitzbühel. Anklicken zum Vergrößern. © Eder

Traditionelle Materialien, modernes Interieur: Herrenboutique Helmut Eder Men in Kitzbühel. Anklicken zum Vergrößern. © Eder

Was ist aus architektonischer Sicht zu beachten, wenn Kommunen bestrebt sind, ihre Innenstädte langfristig weiterzuentwickeln?

Städte bestehen oft aus Quartieren oder, wie man in Wien sagt: „Grätzln“. Kommunen sollten Konzepte verfolgen, die die Wiedererkennungsmerkmale sowie die individuelle Identität dieser Quartiere stärken und erlebbar machen. In Städten wie Paris, New York oder London funktioniert dies bereits sehr gut. Auch Wien kann auf diesem Gebiet gute Beispiele vorweisen. Die Märkte zum Beispiel waren immer wichtig für die Nahversorgung, mittlerweile sind sie auch zu kulinarischen Institutionen geworden, weil sich verschiedenste Restaurants angesiedelt haben. Und jeder weiß: Da muss ich hin, wenn ich die unterschiedlichsten Speisen dieser Welt genießen möchte. Kommunen sind gut beraten, ihre Quartiere in diesem Sinne zu stärken.

Glauben Sie, dass der Handel angesichts des stetig wachsenden E-Commerce seine angestammte Bedeutung für die Funktionalität und Attraktivität einer Stadt behält?

Ich persönlich kaufe zu 90 Prozent online ein. Nichtsdestotrotz gehe ich dann und wann einkaufen und begebe mich an Orte, an denen es einerseits bestimmte Angebote gibt, wo ich mich aber andererseits über die primäre Intention einzukaufen hinaus auch gern aufhalten möchte. Große Shoppingcenter werden zunehmend Probleme bekommen, weil die Menschen immer mehr alltägliche Güter übers Internet kaufen. Zugleich wächst die Sehnsucht, Dinge physisch zu erleben, zu riechen, zu spüren…

Die Menschen könnten auch kommunizieren, ohne zu konsumieren …

Wenn in der Vergangenheit ein neues Shoppingcenter eröffnet wurde, dann immer mit bestimmten Brands, um Attraktivität und Anziehungskraft für das Publikum zu schaffen. Ich denke, dass diese Art von Shopping in Zukunft nicht mehr funktionieren wird. Vor allem in der Erdgeschosszone wird sich die Frage der herkömmlichen Produktpräsentation nicht mehr stellen. Der Zugang hat sich verändert. Erdgeschosszonen werden differenzierter bespielt, das Angebot ist weitreichend. Die Stadt wird immer mehr von jungen Unternehmen okkupiert, die sich eben nicht diesen großen Konzernen anschließen und unkonventionelle Konzepte einbringen. Möglicherweise werden Start-ups oder kleine Handelsbetriebe die Attraktoren der Zukunft sein.

Ein Traum von Kaufhaus: Der unrealisierte Entwurf von DMAA für den Steffl Department Store in Wien. Anklicken zum Vergrößern.

Können auch Bibliotheken, Kindertagesstätten oder städtische Behörden zu einer stärkeren Durchmischung der Funktionen in Shoppingcentern beitragen und auf diese Weise die Frequenz steigern?

Auf jeden Fall. In Amsterdam haben wir mit unserem Projekt „EYE Film Institute“ solch ein Konzept schon einmal umgesetzt. Das funktioniert ganz ausgezeichnet. Wichtig ist aber, dass Flexibilität und Aufenthaltsqualität gegeben sind. Es gilt, eine Atmosphäre des Austausches und Verweilens zu schaffen und Attraktionen wie Lesungen, Kunstinterventionen oder Happenings zu integrieren. Die Botschaft an den Besucher muss lauten: Verweile bei uns – auch wenn du nichts kaufen möchtest. Öffnungszeiten sind ebenfalls ein wichtiges Thema in diesem Kontext: So könnte die Einkaufsimmobilie am Abend zur Partystätte werden. Die reale Kommunikation ist ein grundlegendes menschliches Bedürfnis, davon bin ich überzeugt. Dem werden wir auch künftig in unseren Konzepten immer Rechnung tragen.

Derzeit planen Sie ein gigantisches Shoppingcenter in China: Die 400 000 Quadratmeter große Cultural Plaza Changchun liegt größtenteils unterirdisch direkt vor dem Kaiserpalast. Ist das nur dort denkbar, oder würden Sie ein derartiges Projekt auch vor dem Stephansdom realisieren?

Ich glaube nicht, dass es in Europa möglich wäre, solch eine große Handelsimmobilie zu entwickeln, schon aufgrund der räumlichen Ressourcen. Generell funktioniert das in diesen Dimensionen nur in Städten mit einem Einzugsgebiet ab etwa 20 Millionen Menschen. Das neue Einkaufszentrum über dem weitverzweigten Tunnelsystem von Les Halles in Paris ist am ehesten mit diesem Projekt vergleichbar. Was die Baukultur in China betrifft, hat man dort mittlerweile umgedacht: Es wird sehr behutsam mit den gewachsenen städtischen Strukturen umgegangen. Diese Erfahrung konnten wir bereits in Peking, Shanghai und Guangzhou machen. Niemand hat dort bislang gefragt, ob wir den Stephansdom in China nachbauen würden.

Roman Delugan
Nach seinem Studium an der Universität für angewandte Kunst in Wien gründete der in Meran geborene Roman Delugan 1993 mit Elke Delugan-Meissl das Architekturbüro Delugan Meissl, das 2004 mit den Partnern Dietmar Feistel und Martin Josst zum Büro Delugan Meissl Associated Architects (DMAA) erweitert wurde. Zu den prominentesten Bauten des Büros zählen das 2009 eröffnete Porsche Museum in Stuttgart, das Amsterdamer “EYE Film Institute” sowie das Winterfestspielhaus in Erl, die beide 2012 eröffnet wurden. Zudem hat das Büro zahlreiche Projekte in den Bereichen Wohnbau, Gesundheit und Bildung sowie Handelsimmobilien realisiert. Im Jahr 2015 wurde DMAA mit dem Großen Österreichischen Staatspreis ausgezeichnet.

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