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Strategien gegen die Verschwendung

© Miroslav Georgijevic/Getty

Zu viele Lebensmittel landen auf dem Müll. Logistiker und Händler werden sich mit dem Problem intensiv be­schäftigen müssen. Es gilt, akteursübergreifende Lösungen zu etablieren – vor allem auf der Strategie- und Prozessebene, aber auch mittels neuer Technologien. Text: Benjamin Nitsche und Anna Figiel

Der Befund der Food and Agriculture Organization der Vereinten Nationen klingt erschreckend: Weltweit wird knapp ein Drittel der für den Verzehr gedachten Lebensmittel entsorgt oder geht innerhalb der Logistikkette verloren. Die Gründe für diese Verschwendung sind vielfältig. Nicht nur Endverbraucher werfen Lebensmittel fort, oft sorgen auch eine marode Infrastruktur, ineffiziente Logistik sowie schlechte Verarbeitungs- und Produktionsbedingungen dafür, dass Lebensmittel vorzeitig auf dem Müll landen.

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Eine aktuelle Studie des Fachgebiets Logistik der Technischen Universität Berlin hat das Problem genauer in den Blick genommen. Ziel der Arbeit war es, aktuelle Marktentwicklungen in der Lebensmittellogistik aufzuzeigen, Tendenzen und künftige Herausforderungen zu identifizieren sowie potenzielle Lösungsansätze zu formulieren. Ein wichtiger von den Forschern identifizierter Trend lautet „Food Waste Awareness“. Der Begriff beschreibt das steigende Kundenbewusstsein für die Vermeidung von Lebensmittelverschwendungen innerhalb der gesamten Logistikkette vom Bauern bis zum Endkonsumenten. Der Begriff der Verschwendung umfasst hierbei sowohl die bewusst entsorgten Lebensmittel als auch die durch ineffiziente Prozesse und Verarbeitungsschritte verursachten Verluste. Laut einer Umfrage, an der über 100 Praxispartner aus der Lebensmittelbranche teilnahmen, erscheint die Relevanz verschwendungsarmer Lebensmittelketten derzeit zwar noch nicht allzu groß, jedoch zeichnet sich ab, dass sich dies in den kommenden fünf Jahren auch unter dem Einfluss des wachsenden E-Commerce-Marktes ändern dürfte.

Verbraucher denken um
Studien zufolge liegen in Europa die Potenziale zur Vermeidung von Verlusten insbesondere beim Groß- und Einzelhandel sowie bei den Endverbrauchern. Ein Umdenken in der Bevölkerung ist bereits zu erkennen. Verbraucher fordern, dass Verschwendungen von Lebensmitteln entlang der Logistikkette minimiert werden. Auch auf europäischer Ebene gibt es diverse Bemühungen, dem Thema Nachdruck zu verleihen. Der von der Europäischen Kommission erarbeitete „Fahrplan für ein ressourcenschonendes Europa“ sieht vor, die Entsorgung von genusstauglichen Lebensmitteln bis zum Jahr 2020 zu halbieren. So ist es beispielsweise Händlern in Frankreich seit einiger Zeit untersagt, unverkaufte Lebensmittel wegzuwerfen. Alternative Verwendungen sind Spenden an gemeinnützige Einrichtungen, die Weiterverarbeitung zu Tierfutter sowie die Rückführung als Kompost für landwirtschaftliche Betriebe. Denkbar ist auch die Erstellung von Biogas als alternativer Energiequelle.

Regulatorischer Druck wächst
Die Vorteile der Vermeidung von Verschwendungen sind auch für Unternehmen der Lebensmittelindustrie offensichtlich. Jedoch sind die Unternehmen bisher nur in seltenen Fällen bemüht, Initiativen zur Vermeidung von Verlusten zu entwickeln. Lediglich acht Prozent der Befragten der Studie sind derzeit der Überzeugung, dass verschwendungsarme Strategien in ihrem Unternehmen wichtig sind. Ein Sinneswandel ist allerdings erkennbar: Innerhalb der nächsten fünf Jahre wird dieser Anteil nach Angaben der Experten deutlich steigen, sodass künftig sogar über die Hälfte der Teilnehmer davon ausgeht, dass das Thema Food Waste Awareness an Bedeutung gewinnen wird.

Besonders auf der Strategie- und Prozessebene ergeben sich neue Handlungsfelder. Dass besonders Händler die Auswirkungen des Trends als hoch bewerten, erscheint nachvollziehbar, da nicht nur auf regulatorischer Ebene Druck auf sie ausgeübt wird. Auch in der öffentlichen Wahrnehmung werden Händler oft als Verursacher von Verschwendungen identifiziert. Der Druck von politischer Seite dürfte sich deshalb künftig noch weiter erhöhen und dabei nicht nur Händler, sondern alle Akteure entlang der Logistikkette betreffen.

Der Handel wird das Problem bei seiner strategischen Planung künftig stärker berücksichtigen müssen. Empfehlenswert sind beispielsweise neue Regelungen mit Logistikdienstleistern bezüglich der Rückführung von Lebensmitteln. Für Logistikdienstleister ergibt sich damit die Option, durch die Bündelung von Ver- und Entsorgungsprozessen nicht nur Synergien zu schaffen, sondern auch neue Geschäftsfelder zu generieren. Auch Technologien in der Lebensmittellogistik tragen dazu bei, eine Rückverfolgbarkeit der Lebensmittel zu ermöglichen, die Einhaltung der Kühlkette sicherzustellen und damit Verluste zu minimieren.

Künftig gilt es, vor allem auf der Strategie- und Prozessebene, aber auch mittels neuer Technologien akteursübergreifende Lösungen zu etablieren. Logistikkooperationen rücken dabei immer mehr in den Fokus der Betrachtung, da insbesondere in urbanen Ballungsgebieten die effiziente und nachhaltige Nutzung der Ressourcen an Bedeutung gewinnen wird.

 

Die Diplom-Ingenieure Benjamin Nitsche und Dr. Anna Figiel sind Wissenschaftliche Mitarbeiter im Fachgebiet Logistik an der Technischen Universität Berlin.
Die gemeinsam mit Professor Dr.-Ing. Frank Straube erstellte Studie “Zukunftstrends der Lebensmittellogistik – Herausforderungen und Lösungsimpulse” ist sowohl als Printversion (ISBN 978-3-7983-2832-7) als auch online hier erhältlich.

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