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Alles Amazon, oder was?

© Neocom

Der Branchentreff für den digitalen Handel, Neocom, stand in diesem Jahr unter dem Motto Connecting Commerce. Es ging in Düsseldorf um die ­Verzahnung von Offline- und Onlinewelt, doch im Mittelpunkt der Kongressmesse stand ein Riese.
Text: Ralf Kalscheur

Stets gut zu wissen, wie die großen Player die Marktentwicklung sehen. Dazu spricht Thomas Tuma, stellvertretender Chefredakteur des Handelsblatts, mit Ralf Kleber, Geschäftsführer von Amazon Deutschland, zum Auftakt des Kongresses. „Wir wollen alles sein, was Sinn macht“, sagt Kleber, die Vision seines Chefs Jeff Bezos vom „Everything Store“ wiedergebend. „Wir wollen Infrastrukturpartner für diejenigen sein, die sich digitales Unternehmertum zur Aufgabe machen.“ Zalando etwa ist so ein Infrastrukturpartner – und muss sich gleichzeitig vor dem Alleshändler in Acht nehmen. Denn der führt in den USA schon seit einigen Monaten eigene Modelabel ein und wird, so steht zu vermuten, über kurz oder lang auch in Europa zu einer Bezugsgröße im Bekleidungsgeschäft werden.

Im E-Commerce geht es nicht mehr gegen Amazon, sondern nahezu nur noch mit oder neben dem Riesen. Marcus Ackermann, Vorsitzender der Geschäftsführung von Bonprix, beschreibt in seiner Keynote, wie sein Unternehmen im internationalen Modehandel neben dem Global Player besteht. „Wir sind vor 30 Jahren als billiger Jakob im Versandhandel gestartet. Mittlerweile haben wir unser Image gesteigert, ein Markenerlebnis geschaffen und verbinden jede neue Kollektion mit inspirierenden Storys.“ Bonprix spielt spezifische Stärken aus, die Amazon nicht bietet, etwa die Individualisierung der Nutzung und Beratungsangebote betreffend. Bonprix transformiert sich in seiner etablierten Nische.

Auch die Entwicklung des noch nebensächlich kleinen Geschäfts mit E-Food wird im Land der großen Lebensmitteldiscounter vor allem durch den alljährlich aufs Neue kolportierten Einstieg von Amazon Fresh getrieben. Besser jetzt Marktanteile aufbauen und Nischen besetzen, bevor es zu spät ist, so der Gedanke – zumal Amazon offenbar plant, in den USA erste eigene Supermärkte und Drive-in-Stationen für Fresh-Kunden zu eröffnen.

Die Aufbruchstimmung gebiert neue Geschäftsmodelle wie Emmasbox, das seine Click&Collect-Lösung für ­online bestellte Lebensmittel in dem von Stephan Tromp, stellvertretender Hauptgeschäftsführer des HDE, moderierten Vortragsprogramm „Fulfillment Storys“ vorstellt. Das Unternehmen umgeht Amazon frühzeitig und überdies das Problem der letzten Meile, indem es einer Zielgruppe, die sich nicht an die Heimzustellung binden lassen möchte, individuell zusammengestellte Lebensmittelpakete zur flexiblen Abholung im „Draußen-Kühlschrank“ bereitstellt.

Heavy Shopper als Stammkunden
Kai Hudetz, Geschäftsführer des Kölner Instituts für Handelsforschung, hat aktuelle Zahlen mitgebracht, die belegen, was jeder Besucher des Düsseldorfer Branchentreffs längst weiß: Der Onlinehandel wächst unvermindert weiter, und mit ihm Amazon.de inklusive der Außenumsätze auf dem Marketplace: von knapp 16 Milliarden Euro im Jahr 2014 auf rund 19,4 Milliarden Euro 2015. Über 40 Prozent soll der Marktanteil Amazons hierzulande bereits betragen.

Laut IFH sind drei von vier Heavy Onlineshoppern Stammkunden bei den Amerikanern. 90 Prozent der Online-Pure-Player, die sich nicht klar vom übermächtigen Wettbewerber abzugrenzen vermögen, drohe das Aus.

Doch welchen Sinn ergebe es angesichts der hochprofessionellen Onlinekonkurrenz für kleinere Händler dann noch, den komplexen Weg des Cross-Channelings einzuschlagen, fragt Alexander Graf, Herausgeber des E-Commerce-Blogs Kassenzone, in einer Diskussionsrunde provokant. „Weil der Kunde es möchte“, entgegnet Hudetz. Wenn das Geschäftsmodell funktioniere und der Onlinekanal wettbewerbsfähig betrieben werde, gehe die Cross-Channel-Rechnung auf. „Der Handel der Zukunft findet sowohl offline als auch online statt“, erklärt HDE-Hauptgeschäftsführer Stefan Genth. „Der Trend geht ganz klar in Richtung der Verknüpfung beider Kanäle.“

Und darin offenbart sich die große Chance für den stationären Handel. Wie die Vitalisierung der Innenstadt mit digitalen Mitteln gelingen kann, zeigt das Beispiel der niedersächsischen Kleinstadt Diepholz. Sie gewann den von HDE und Ebay ausgerufenen Wettbewerb „Die digitale Innenstadt“. Johanna Schmidt und Bernd Öhlmann von der engagierten städtischen Wirtschaftsförderung nehmen die Auszeichnung auf der Bühne der Neocom sichtlich erfreut entgegen.

Entscheidend für den Erfolg der Transformation des Handels sind die Mitarbeiter auf der Fläche. „Deshalb hat der HDE die Schaffung des neuen Ausbildungsberufs Kaufmann/-frau im E-Commerce initiiert und maßgeblich an der Einführung des Fortbildungsberufs Fachwirt für den E-Commerce sowie bei den Einzelhandelsberufen an der Wahlqualifikation Onlinehandel gearbeitet“, betont Genth. Voraussichtlich ab 2018 können die Unternehmen mit dem neuen Beruf arbeiten – und sich fit für die digitale Zukunft machen.

 

NEO 2016: Branchenpreise verliehen
Gelegenheit zur Gala bot die Verleihung der NEO-Awards zum Kongressauftakt. In der Kategorie NEO Excellence in Multichannel nahm Geschäftsführer Alexander Gedat (2. v. r.) den Preis für sein Unternehmen Marc O’Polo entgegen. Die Modemarke mit Sitz in Stephanskirchen (Landkreis Rosenheim) wurde vor fast 50 Jahren in Stockholm gegründet und steht traditionell vor allem für natürliche Materialien. Heute präsentiert sich Marc O’Polo überdies als gelungenes Beispiel der digitalen Transformation. Über alle Kanäle hinweg entwickelte die Marke ein Vertriebs- und Servicekonzept, das den Shoppern offenbar gut passt: In den letzten eineinhalb Jahren konnten mit einem innovativen Kundenbindungsprogramm über 280 000 registrierte Nutzer gewonnen werden.

Mit dem NEO Personality Lifetime Award wurde Eva-Maria Roer (4. v. r.) ausgezeichnet. Die 72-jährige Gründerin und Geschäftsführerin des Versandhauses für dentaltechnische Produkte DT&Shop setzt sich bereits seit den 1970er-Jahren beispielhaft für das Thema Frauen in Führungspositionen ein. Der NEO-Award wird einen Platz auf dem Schreibtisch der erfolgreichen Unternehmerin des Jahres (1990) und Trägerin des Bundesverdienstkreuzes am Bande finden.

Als ein Paradebeispiel dafür, wie man eine Marktlücke identifiziert, besetzt und ein Unternehmen strategisch aufbaut, wurde Amorelie mit dem Young Business Award des Bundesverbands E-Commerce und Versandhandel (bevh) geehrt. Das Business des Online-Erotikversenders für Frauen mag zum Start vor dreieinhalb Jahren noch von so manchem Marktbeobachter belächelt worden sein. Doch die Singlegeneration wird größer, und mit ihr wächst der Erfolg des Geschäftsmodells.

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