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Mit Genussrechten finanzieren sich Handelsunter­nehmer unabhängig von der Bank und stärken damit noch ihr ­Eigenkapital. Für wen sich diese Finanzierung anbietet.
Text: Eva Neuthinger

Expansion geht ins Geld. Das weiß Gerrit Brinkman aus Erfahrung. Der Einzelhändler führt in Warburg einen Naturkostladen mit einem Vollsortiment von bis zu 5 000 Produkten. „Wir wollen jetzt unser Geschäft von 440 auf 660 Quadratmeter erweitern“, erklärt der Unternehmer. Mit der Flächenerweiterung ist eine Konzeptanpassung vorgesehen. „Zunächst planen wir, ein Biobistro zu eröffnen. Mittelfristig wollen wir überdies Yoga- und Reikikurse anbieten“, sagt Brinkman.

Der Kapitalbedarf beträgt rund 100.000 Euro, die Expansionsfinanzierung läuft über private Geldgeber. „Wir haben den Betrag mit einer klassischen Finanzierung über Genussrechte bereits zusammen. Anleger, zumeist unsere Kunden, konnten mit mindestens 1.000 Euro bei uns einsteigen und ihr Geld für die nächsten sieben oder mehr Jahre bei uns investieren“, sagt Brinkman. Dafür erhalten sie eine Grundverzinsung von 2,5 Prozent bis zur Anlegesumme von 5.000 Euro und darüber hinaus drei Prozent. Wenn die Ertragslage es zulässt, fließt ein Bonuszins von einem Prozent.

„Mit dem Modell erweiterten wir unsere finanziellen Spielräume und haben damit gleichzeitig ein Mittel zur Kundenbindung in der Hand“, erläutert Brinkman. Das Modell wählte der Firmenchef auch deshalb, weil er nicht die notwendigen Sicherheiten für eine reine Bankenfinanzierung parat hatte. „Es war für uns kein Problem, Interessenten zu überzeugen. Wir sind im November vergangenen Jahres gestartet und hatten ein halbes Jahr später unser Kapital bereits zusammen“, sagt Brinkman.

Die Lösung hat Charme. Genussrechte haben für Unternehmen verschiedene Vorteile. Sie stärken zum einen die Position gegenüber der Hausbank, denn diese Finanzierungsform kann so konstruiert werden, dass die Firma ihre Eigenkapitalposition erhöht. „Deshalb wirken sich Genussrechte positiv aufs Rating und damit auf die Konditionen bei der nächsten Kreditvergabe aus“, sagt Unternehmensberater Gernot Meyer in Penzberg (genussrechte.org). Genussrechte bilden auf der Passivseite der Bilanz sogenanntes Mezzaninekapital, eine Zwischenstufe aus Eigen- und Fremdkapital. Für kleine und mittlere Firmen bieten sich solche Lösungen für Finanzierungen bis zu 100.000 Euro an – etwa im Zusammenhang mit einer Wachstumsfinanzierung, einer Nachfolge oder einem kapitalintensiven Gründungsvorhaben.

Langfristige Finanzierung
Man muss wissen: Bei einem Finanzierungsvolumen von bis zu 100.000 Euro im Jahr oder einer generellen Beschränkung auf 20 Anleger entfällt die sonst geforderte Prospektpflicht. Unternehmen sind danach gehalten, die Risiken einer Geldanlage nach bestimmten Vorgaben in einem Emissionsprospekt zu veröffentlichen. Dieser wird vom Bundesaufsichtsamt für das Finanzwesen (BaFin) geprüft – eine höchst aufwendige und damit teure Sache. Bei kleineren Volumina reicht es aus, in einer 3- bis 4-Seiten-Information die Situation und die Perspektive des Unternehmens sowie die Details der Anlage aufzulisten und die Risiken kurz zu erläutern.

Nachteil der Genussrechte: Die Renditeerwartungen der Investoren liegen in der Regel bei mindestens vier bis fünf Prozent plus eventuell einer gewinnabhängigen Vergütung auf das eingesetzte Kapital in gleicher Höhe. In schlechteren Jahren wird das Handelshaus somit weniger Zinsen zahlen und die Lücke in guten Zeiten wieder auffüllen. „In der Niedrigzinsphase haben die Anleger daher eher einen Vorteil als der Unternehmer“, sagt Rainer Langen, Finanzierungsberater in Bad Kreuznach.

Dennoch kommt eine solche Lösung in Betracht, wenn der Unternehmer langfristig Kapital braucht. Mitunter wird sie von den Banken sogar empfohlen. Denn durch das erhöhte wirtschaftliche Eigenkapital können sie dann anschließend wiederum mehr Kredite vergeben. „Wer dagegen nur kurzfristig einen Liquiditätsengpass überbrücken will, sollte besser auf einen Bankkredit zurückgreifen“, so Meyer. Die besten Karten haben dann Firmen, die in direktem Kundenkontakt stehen und die ein enges Verhältnis zu ihren Stammkunden pflegen. „Sie haben gute Chancen, die benötigten Beträge aus ihrem eigenen Umfeld und damit ohne einen kostspieligen externen Finanzvertrieb zu bekommen“, sagt Meyer.

Um für die Anlage zu werben, veranstalten die mittelständischen Firmen am besten einen Informationsabend. Ein Rechtsanwalt und ein erfahrener Unternehmensberater sollten dabei sein, um Fragen direkt und rechtssicher zu beantworten. Die Investoren sollten für mindestens fünf Jahre einsteigen – schon allein, weil das Geld innerhalb dieses Zeitraums wieder zurückfließen, also erwirtschaftet werden muss.

Naturkosthändler Brinkman ist mit der gewählten Lösung sehr zufrieden: „Wir haben ein besonderes Vertrauensverhältnis zu den Kunden, die bei uns investiert haben, und es gab auch sonst keine Probleme.“

 

Steckbrief Genussrechte

Der Genussrechtinhaber erhält eine jährliche Ausschüttung auf seine Einlage aus dem Bilanzgewinn. Genussrechte verbriefen ein Recht auf Gewinn, nicht aber auf eine Beteiligung an der Substanz. Was dafür und was dagegen spricht:

Keine Sicherheiten. Selbst bei kapitalintensiven Projekten kann auf Sicherheiten verzichtet werden. Sie bleiben frei, falls der Unternehmer später nochmals einen Kredit bei der Bank braucht.

Flexible Gestaltung. Der Handelsunternehmer kann sein Modell nach den eigenen Bedürfnissen gestalten, soweit er sich an die rechtlichen Vorgaben hält. Er kann zum Beispiel bestimmen, dass die Genussrechtinhaber nur bei positiven Erträgen von einer Auszahlung profitieren oder sogar nur in Waren oder Gutschriften ausgezahlt werden. Mitspracherechte erhalten die Geldgeber nicht.

Verluste. Die Anleger müssen an einem eventuellen Verlust beteiligt werden, damit es kein unerlaubtes Darlehen ist. Dafür bilden die Genussrechte für die Firma aber Eigen- oder Mezzaninekapital. Zudem zeigt die Erfahrung, dass ein Unternehmen eine Krisensituation eher übersteht, wenn ein größerer Teil der Verbindlichkeiten Eigenkapitalcharakter hat. Die Banken werden dann nicht so schnell nervös. Wenn es der Firma später wieder besser geht, werden die von den Genussrechtinhabern getragenen Verluste vorrangig wieder ausgeglichen.

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