Alle Informationen für den Handel

Markt & Marketing, Unternehmen

Guru sucht Schnäppchenjäger

© Steinar/Fotolia

Der Markt für digitale Prospektplattformen ist in Bewegung geraten. Marktguru, eine Tochter von ProSiebenSat1, will das Geschäftsfeld erobern. Die Wettbewerber geben sich gelassen. Text: Christine Mattauch

Marc-Etienne Geser hat derzeit alle Hände voll zu tun. Der Geschäftsführer des Start-ups Marktguru ist dabei, eine Zukunftsbranche aufzumischen: die der digitalen Prospektplattformen. Diese Portale informieren via App über Sonderangebote und Aktionen des Handels. Insbesondere große Ketten nutzen das Instrument, um die Generation Smartphone zu erreichen, die gedruckte Handzettel links liegen lässt.

Anbieter Nummer eins ist bislang Kaufda mit stolzen 8,5 Millionen Nutzern in Deutschland. Das 2008 gegründete Berliner Unternehmen gehört zur Bonial-Gruppe, deren Anteile zu 72,5 Prozent das Verlagshaus Axel Springer hält – ein mächtiger Spieler, der wohl kaum kampflos zusehen wird, wenn ein Neuling seiner Tochter Marktanteile abnimmt. Es klingt daher erst mal verwegen, wenn Geser sagt: „Wir streben mit Marktguru innerhalb von 18 Monaten die Marktführerschaft in den Apps an.“

Doch auch hinter dem Herausforderer steht ein ressourcenstarker Konzern: ProSiebenSat1. Die Münchner kauften sich 2013 in das Start-up des Österreichers Patrick Dainese ein. Im Frühjahr folgte der Sprung nach Deutschland, begleitet von einer groß angelegten TV-Kampagne über die Haussender der Mediengruppe. „Wir sind sehr zuversichtlich, dass wir schnell die Nutzerzahlen erhalten, die wir uns vorstellen“, betont Geser.

Wunschdenken? Nicht unbedingt. „Das Gefüge der Branche wird sich durch Marktguru verändern“, meint Marlene Lohmann, Leiterin des Forschungsbereichs Marketing am EHI Retail Institute in Köln. Zwar sei Kaufda eine eingeführte Marke. Ein Wettbewerber allerdings, der massiv Fernsehwerbung einsetze, könne „schnell an Reichweite gewinnen“.

Kaufda-Gründer und Bonial-CEO Christian Gaiser indes bleibt gelassen: „Für uns ändert sich nicht viel. Als Marktführer bestimmen wir unsere eigene Agenda.“ Die Händler, so glaubt er, würden im Zweifelsfall der Nummer eins den Vorzug geben – zumal sich das Unternehmen als „Systempartner“ versteht, der den stationären Handel auch auf anderen Gebieten ins digitale Zeitalter begleiten will. Nicht ohne Grund ist Kaufda vor einem Jahr dem HDE beigetreten. Was die Konsumenten angeht, verweist Gaiser auf den „massiven Vorsprung“: „Warum sollte sich ein Nutzer, dem wir besten Service bieten, für eine andere App entscheiden?“

Vielleicht deshalb, weil Marktguru, anders als Kaufda, über eine Einzelproduktdarstellung verfügt: Mitarbeiter schlüsseln die Prospekte in separate Sonderangebote auf und versehen sie mit Informationen wie Referenzpreis und Bezugsquelle. Per Suchfunktion kann der Nutzer somit gezielt Produkte aufrufen und Preise vergleichen; digitales Blättern erübrigt sich. Der Handel erhalte die Einzelproduktdarstellung ohne Aufpreis, wirbt Geser. Das Echo potenzieller Partner sei „hervorragend“, zumal dank des Mutterkonzerns auch eine Kombination von App- und TV-Werbung möglich sei.

Wird in der jungen Branche nun ein Verdrängungswettbewerb entbrennen, oder gilt der Grundsatz, dass Konkurrenz das Geschäft belebt? Die Meinungen sind geteilt. Geser spricht von einem „Wachstumsmarkt“, in dem „Platz für viele“ sei. Marktgurus TV-Kampagne stuft er deshalb sogar als „Gattungsmarketing“ ein. Kaufda-Gründer Gaiser hingegen glaubt: „Zuwachsraten bei den Nutzern wie in den vergangenen Jahren werden wir nicht mehr haben. Die Marktdurchdringung ist schon recht hoch.“

Anbietermarkt differenziert sich
Dabei ist nicht einmal klar, wie groß die Zielgruppe tatsächlich ist. Expertin Lohmann weist darauf hin, dass stark preissensible Shopper – die originäre Kundschaft der Prospektplattformen – eher die Ausnahme als die Regel sind: Nach einer EHI-Studie entfallen auf die Kategorie Schnäppchenjäger nur 13,3 Prozent der Haushalte. Allerdings könnten die Plattformen auch für Online-Enthusiasten (10,9 Prozent) und Service-Freaks (8,3 Prozent) interessant werden, wenn sie entsprechenden Mehrwert bieten.

Sicher scheint hingegen, dass sich die Anbieter stärker differenzieren werden. Marktjagd etwa, eine weitere Prospektplattform mit nach eigenen Angaben 3,5 Millionen Nutzern, hat sich mit dem Barcode-Spezialisten Barcoo zur Offerista Group zusammen geschlossen. „Wir verfügen mit dem gemeinsamen Portfolio im Bereich geobasierte Dienste und Mobile Marketing über breite Expertise in einem Wachstumssegment, das von unseren Marktbegleitern kaum besetzt wird“, betont Geschäftsführer Benjamin Thym. So könne Marktjagd nachweisen, wie viele Nutzer nach dem Studium eines Prospekts eine Filiale aufgesucht hätten: „Das ist in unserem Markt bisher einmalig.“ Die Kaufda-Mutter Bonial wiederum startete „Tech Labs“ für Innovationsprojekte. Die Berliner, die im Digitalwunderland USA mit der Schwesterfirma Retale präsent sind, wollen sich international als Denkfabrik des Einzelhandels etablieren, die frühzeitig Trends erkennt und aufgreift. Gaiser: „Da packen wir richtig viele Ressourcen rein.“ Schon jetzt wird zum Beispiel an einer Virtual-Reality-App gearbeitet.

Das Nischensegment bleibt also in Bewegung. Für den Handel ist das eine gute Nachricht. Schließlich lässt, wer wüsste das besser als Kaufleute, Wettbewerb tendenziell die Preise sinken. Und wenn es künftig vielfältige Angebote dafür gibt, sich für das digitale Zeitalter zu rüsten – umso besser.

Lesen Sie weiter


Unternehmen

Frequenzbringer Smartphone

Wie sieht die Zukunft des stationären Handels und der Innenstädte aus? Eine Erhebung im Auftrag von Handelsverband Deutschland (HDE) und Bonial Deutschland zeigt: Die Nutzung des mobilen Internets hat eine herausragende Bedeutung erlangt – bei der Shopping-Vorbereitung und der Frequenzgenerierung des innerstädtischen Handels. mehr...

Wir freuen uns über Diskussionen und Ihre Kommentare.
Wie in jeder Gemeinschaft ist es notwendig, dass sich alle Teilnehmer an die Netiquette halten. Durch Ihre Kommentare sollen interessante, gewinnbringende Debatten entstehen, an denen sich andere Nutzer gerne beteiligen. Beleidigungen und Schmähreden sind deshalb ebenso tabu wie Diskriminierungen und die unerlaubte Veröffentlichung persönlicher Daten. Bitte verstecken Sie sich auch nicht hinter Pseudonymen, sondern benutzen Sie Klarnamen.

Kommentar absenden

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *


*

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>