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Alipay überall

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Das mobile Bezahlen steht vor dem Durchbruch, so heißt es. Doch viele Nutzer bleiben skeptisch. Derweil ist der Bezahldienst Alipay schon einen Schritt weiter. Text: Ralf Kalscheur

Wer nutzt in Deutschland eigentlich mobile Bezahllösungen? Dieser Frage ist jüngst das Marktforschungsinstitut Nielsen im Auftrag von GS1 Germany in einer repräsentativen Studie nachgegangen – und zu einem überraschenden Ergebnis gekommen. Es sind vor allem zahlungskräftige, berufstätige Mütter Anfang 40, die an der Ladentheke mit dem Smartphone bezahlen.

Die Studienautoren leiten daraus die Annahme ab, dass die Verwendung von Mobile Payment wesentlich vom Lifestyle abhänge. Die smartphoneaffinen und shoppingbegeisterten Mütter seien erprobtere „Work-Life-Balancer“ als die ursprünglich von den Experten vermutete Nutzerstrukturspitze mit den Merkmalen „männlich, ledig, 25“. Fast die Hälfte der Befragten kann es sich indes nicht vorstellen, künftig mit dem Telefon zu bezahlen. „Zu unsicher“, lautet der klare Hauptgrund der Ablehnungshaltung.

Während man sich im Land der Barzahler noch mit der Zielgruppenanalyse der potenziell willigsten Mobilüberweiser beschäftigt, sollen chinesische Touristen bald bundesweit und wie von zu Hause gewohnt ihre Einkäufe per Smartphone-App begleichen können. Die Zahl der Übernachtungen chinesischer Gäste in Deutschland hat sich von 2004 bis 2015 auf über 2,5 Millionen verdreifacht. Nach Einschätzung der Deutschen Zentrale für Tourismus (DZT) wird sich das Wachstum fortsetzen und bis 2030 fünf Millionen Übernachtungen erreichen. Die Chinesen trugen 2014 mit 35 Prozent den größten Anteil am Tax-free-Umsatz des deutschen Einzelhandels.

Nach Angabe der Vereinten Nationen reisen rund eine Million Chinesen pro Jahr nach Deutschland und geben hier im Durchschnitt 4.700 Euro aus, bevorzugt für Markenprodukte. „Genaue Zahlen sind schwierig zu ermitteln“, sagt der Sinologieprofessor Wolfgang Arlt. „Es gibt zwar noch die Gruppenreisenden, die nach Katalog acht Länder in sieben Tagen besuchen“, so der Direktor des China Outbound Tourism Research Institute (COTRI), „aber die Hälfte der Touristen sind mittlerweile Einzel- und Geschäftsreisende, die schon im Ausland waren und sich individuell Ziele zusammenstellen.“ Die Chinesen hätten nun zwar Zugang zu Multi-Entry-Visa, doch mehr Zeit zum Müßiggang bleibe ihnen deshalb keineswegs.

BEZAHLTER URLAUB VORGESEHEN

„Tarifliche Urlaube gibt es bei chinesischen Firmen praktisch nicht“, erzählt Chinaexperte Arlt. Immerhin gebe es Pläne, in den nächsten fünf Jahren bezahlten Urlaub einzuführen. Bis dahin machten die meisten Chinesen sich zu hohen Feiertagen wie gewohnt ein paar entspannte Tage in Nachbarländern – oder gingen auf hochtourige Shoppingexkursionen in Europa. Wer auf Händlerseite mit den Touristen aus Fernost ins Geschäft kommen möchte, müsse zumindest die Bezahlung mit der staatlichen Kreditkartenorganisation Unionpay ermöglichen, so Arlt, dessen Forschungsinstitut Unternehmen und Tourismusorganisationen in allen Chinafragen berät: „Alipay aber wird immer stärker genutzt, vor allem von jüngeren Chinesen.“

Der Bezahldienst der Ant Financial Services Group, eines Tochterunternehmens von Alibaba, hat vor einigen Wochen 4,5 Milliarden Dollar eingesammelt – und Unionpay beim Mobile-Payment-Geschäft inzwischen überholt, sagte Ant-Financial-Chef Eric Jing der Financial Times. Der Wert des Finanzunternehmens mit dem Kronjuwel Alipay wird auf 60 Milliarden Dollar taxiert.

Laut Zahlen der Berater von iResearch hat Alipay 450 Millionen registrierte Nutzer und ist mit 68 Prozent Marktanteil das meistverbreitete mobile Zahlungssystem Chinas. Die Plattform hat begonnen, ihr Business auch in Deutschland auszurollen – vorerst allerdings nur für die chinesischen Landsleute auf Reisen (siehe Interview).

Wichtigster Kooperationspartner für die Expansion im deutschsprachigen Raum ist der Paymentdienstleister Concardis, der der deutschen Kreditwirtschaft gehört. Der Acquirer, dessen Leistungen unter anderem von den Aldi-Gruppen in Anspruch genommen werden, ist mit einem Anteil von über 40 Prozent aller Kreditkartenumsätze hierzulande Marktführer. Per Software-Update soll die Alipay-App in insgesamt 470 000 PoS-Terminals von Concardis integriert werden. Überdies arbeitet Alipay mit dem Global Player Ingenico und dem bayrischen Finanzdienstleister Wirecard zusammen.

Am Flughafen München etwa, mit 41 Millionen Fluggästen Deutschlands zweitgrößter Airport, können chinesische Kunden seit Anfang August an den Wirecard-Terminals von 69 Geschäften mit der digitalen Börse bezahlen, indem sie ihr Smartphone-Display mit dem Alipay-Barcode scannen lassen. Die Händler der Retailtochter Eurotrade der Flughafengesellschaft müssen dazu kein Konto in China eröffnen: Die Auszahlungen werden über die Wirecard Bank abgewickelt und die Mehrwertsteuer-Rückerstattungsbelege am PoS ausgedruckt. Onlinehändler können den Bezahldienst zudem über Wirecard als Zahlungsmethode anbieten.

Geschmack sollen deutsche Händler auch an der App finden, weil Alipay sich zu einer Lifestyleplattform entwickelt. Im Sommer wurde ein neuer Local-Services-Dienst gestartet, um den Anwendern in Europa standortbasierte Mehrwertangebote zu unterbreiten, darunter etwa Gutscheinaktionen sowie Bewertungen von Geschäften in der Umgebung. Chinesen sind es in ihrer Heimat gewohnt, mit Alipay Hotels zu buchen, Restaurants zu suchen, Taxifahrer oder auch ihre Gasrechnung zu bezahlen. Die innerchinesische Konkurrenz zur riesigen Kommunikations- und Paymentplattform WeChat, die laut Statista 762 Millionen monatlich aktive Nutzer hat, befeuert die Entwicklung.

STRAUSS VON ZUSATZDIENSTEN

Eine EHI-Studie zeigt, dass der Durchbruch des mobilen Bezahlens hierzulande nur gelingt, wenn die Konsumenten Vorteile gegenüber dem schnellen Griff ins Portemonnaie erkennen können. Auf marktreife mobile Bezahllösungen warte der Handel zwar noch immer, so die Studienautoren des Handelsforschungsinstituts, doch die Voraussetzungen dafür habe er geschaffen.

Kontaktloses Bezahlen auf Basis der Nahfunkkommunikation (NFC) ist bereits bei der Hälfte der großen Händler möglich, bis Jahresende sollen schon gut 60 Prozent die NFC-Technik integriert haben. Paypal, Google und Apple stehen ebenso wie die Banken unter Zugzwang, nicht nur schnell ihre mobilen Zahlangebote auf den Markt zu bringen, sondern diese auch mit einem Strauß von Zusatzdiensten zu versehen. Alipay könnte bald schon überall sein.

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