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„Technologie an sich ist immer dumm“

© Annette Hauschild

Digitalisierung ist nicht fortschrittlich, sondern ein Beschleuniger des fossilen Modells, behauptet der streitbare Soziologe und Sozialpsychologe Harald Welzer. Im Interview erklärt er, wie sich moderne Technologien und Nachhaltigkeit beeinflussen, warum wir aus Bequemlichkeit unsere Freiheit verkaufen und wieso uns Smartphones zum Hyperkonsum verleiten.
Interview: Mirko Hackmann

Anfang September diskutierte Harald Welzer in der HDE-Veranstaltungsreihe „Denken und Handeln“ mit HDE-Hauptgeschäftsführer Stefan Genth und Handelsblatt-Chefredakteur Sven Afhüppe im Berliner Soho House über das Thema „Neuer Konsum“. Vorab traf das handelsjournal den Konsumkritiker in seinem Garten in Potsdam.

Welzer hat das an einem See gelegene Haus erst vor wenigen Wochen bezogen. Der Autor, dessen jüngstes Werk „Die smarte Diktatur. Der Angriff auf unsere Freiheit“ weit oben auf den Bestsellerlisten rangiert, schwärmt von seinem neuen Zuhause: die Ruhe, das Wasser, die wunderbaren Radwege. Ärgerlich nur, dass die Eichhörnchen die noch unreifen Walnüsse vom Baum holen.

Nichts scheint von diesem Ort weiter entfernt als die in seinem Buch beschriebenen freiheitsbedrohenden Auswüchse der digitalen Welt, die uns alle gläsern machen und in den ressourcenvernichtenden Hyperkonsum treiben. Doch auch Harald Welzer ist bisweilen Konsument. Mal hören, wie er seine Einkäufe erledigt.

Herr Welzer, was war Ihre jüngste größere Anschaffung?
Eine Kaffeemaschine. Ich bin einfach in den Laden gegangen und habe mich beraten lassen. Angesichts der verwirrenden Angebotsvielfalt müsste man eigentlich zunächst ein Studium absolvieren, bevor man eine so simple Entscheidung trifft.

Die Digitalisierung verändert die Art, wie Menschen ­konsumieren, massiv. Welche wesentlichen Trends können Sie ausmachen?
Was gleich ins Auge springt, ist die Diversifizierung von Produkten, also dass beispielsweise immer mehr Kaffeemaschinen auf dem Markt sind. Zudem werden die Produktzyklen immer kürzer. Daraus resultiert für den Konsumenten eine unglaubliche Eigenarbeit im Sinne des pausenlosen Updatens und Expertisenerwerbs. Zugleich nimmt der Konsum zu und wird immer wichtiger, auch als Statusmerkmal. Dadurch steigt der Verbrauch von Material und Energie – und das konterkariert sämtliche Nachhaltigkeitsbestrebungen.

Welchen Effekt hat der rasant wachsende E-Commerce in diesem Kontext?
Durch Onlineshopping schrumpft die Spanne zwischen dem Bedürfnisimpuls und seiner Befriedigung zusehends. Das halte ich für verhängnisvoll. Menschen, die sich noch an das analoge Einkaufen erinnern können, wissen, dass sie manchmal gezögert haben und dann merkten, dass sie auch gut ohne den Erwerb auskommen. Freud hätte das Triebverzicht oder Triebaufschub genannt. Aber Mobile Commerce und One-Hour-Delivery verhindern das. Ich mache eine Fingerbewegung – und die Ware kommt. Das heißt, die Zeit des Überlegens, die nötig wäre, um eine autonome Entscheidung zu treffen, schrumpft auf nahezu null. Sämtliche Anbieter arbeiten daran, diese Spanne immer weiter zu verkürzen, weil so die Wahrscheinlichkeit steigt, dass sie mehr verkaufen.

Wie beurteilen Sie in diesem Zusammenhang die zunehmende Personalisierung von Angeboten?
Ich halte das für ein großes Konditionierungsexperiment: Das ist Pawlow mit den unglaublich verfeinerten Mitteln der Big-Data-Technologie. Die Personalisierung dient dazu, unseren Speichelfluss – wie bei dem armen Hund – ständig aktiv zu halten.

Das heißt, die Menschen sind den Reizen wehrlos ausgeliefert? Oder zumindest junge Menschen?
Bei diesem Thema führt die Differenzierung zwischen Jung und Alt in die Irre. Digital Natives nehmen die Digitalisierung als selbstverständlichen Teil der Welt wahr und sind deshalb zu einer kritischen Haltung befähigt. Viele Ältere hingegen erliegen dem Faszinationshype. Jeder Rentner, der mit seinem Smartphone zugange ist, zeigt sich immer aufs Neue ganz begeistert. Widerstandspotenzial entwickelt sich aber erst, wenn etwas zur Selbstverständlichkeit geworden ist.

Ihre Hoffnungen ruhen also ganz auf der Jugend …
Von meinen Studenten und auch von meinem Sohn weiß ich, dass die Kritik gegenüber dieser vollkommenen Vereinnahmung sehr ausgeprägt ist. Auch unsere Arbeit bei Futurzwei zeigt, dass viele konsumkritische Initiativen sowie die Entwicklung von anderen Lebens-, Produktions- und Reproduktionsmodellen gerade von jungen Leuten getragen sind.

Gleichwohl geben in der Praxis viele Menschen persönliche Daten preis und gefährden damit, wie Sie sagen, ihre und letztlich unser aller Freiheit.
Ja, das ist so. Der Trick ist einfach, dass die Preisgabe persönlicher Daten immer mit einem Komfortangebot verbunden ist oder eben mit einem Konsumangebot, das mehr Bequemlichkeit verspricht. Und da unsere Gesellschaft über keine andere Sinnressource als Konsum verfügt, ist leicht zu verstehen, wieso das so gut funktioniert. Das ist deprimierend. Aber derselbe Befund zeigt sich ja auch in anderen Bereichen, beispielsweise beim Klimaschutz. Den Menschen ist bewusst, dass wir uns auf eine Katastrophe zubewegen – doch niemand ändert sein Verhalten.

Aber lässt sich mit den sogenannten smarten Technologien nicht auch eine Menge Energie sparen?
Auf der reinen Technikebene lässt sich die Effizienz steigern. Doch das wird vollkommen überkompensiert durch das, was ich zuvor beschrieben habe. Die Annahme, Energieeffizienzklassen oder Smart Meter förderten den Klimaschutz oder die Nachhaltigkeit, beruht allein auf Suggestion. Das Gegenteil ist der Fall. Diese Doppelung ist ein riesiges Problem: Weil man die Menschen glauben macht, die Technik löse unsere Probleme, sehen die meisten nicht, dass wir maximal beschleunigt auf dem falschen Pfad unterwegs sind.

Sie sehen also auch keinen Gewinn darin, dass dank digitaler Technik eine ressourcenschonendere Logistik Einzug hält, die Rückverfolgbarkeit von Lebensmitteln möglich wird oder Fair-Trade-Waren im ländlichen Raum verfügbar werden?
Die Beispiele, die Sie ansprechen, sind keine positiven Faktoren, sondern Versuche, mittels Technik das Problem einzuholen, dass wir zu lange Wertschöpfungsketten haben. Deren komplexe Struktur macht es per se unmöglich, den Gesamtprozess zu durchschauen, und führt zudem zu überbordendem Logistikaufwand. Insofern ist das System an sich ein nicht nachhaltiges – und darum auch nicht zukunftsfähig. Trotzdem finde ich vieles an der Digitalisierung positiv.

Lassen Sie hören…
Als schnelle Mittel der Kommunikation und der Gemeinschaftsbildung funktionieren digitale Medien unglaublich gut. Zudem steigern sie die Kreativität und Eigenproduktivität. Wer heute Musik macht, Filme dreht oder literarisch tätig ist, kann seine Werke frei publizieren. Der Zugang zum Markt ist demokratisierter als früher. Das sind alles tolle Entwicklungen. Aber eine Technologie an sich ist immer dumm. Es ist allein der gesellschaftliche Gebrauch, der sie gut oder schlecht macht. Und da unser Gebrauch stets auf Expansion ausgerichtet ist, ist die Digitalisierung logischerweise ein Beschleuniger von Expansion. Wenn wir einen anderen gesellschaftlichen Gebrauch hätten, wäre sie vielleicht ein Beschleuniger von Reduktion. Aber gegenwärtig überwiegen die negativen Folgen.

Stimmt es Sie nicht zumindest ein wenig hoffnungsvoll, dass viele Verbraucher heute bewusster konsumieren, sich für die Produktionsbedingungen sowie die Herkunft von Produkten interessieren und bereit sind, für Bioprodukte mehr Geld auszugeben?
Das ist Lifestyle. Es ist ja keinesfalls ungewöhnlich, dass jemand, der in einem Bereich seines Lebens wahnsinnig nachhaltig agiert, zugleich häufig Kreuzfahrten oder ähnlich ressourcenverschwendende Dinge unternimmt. Unser ganzes Leben ist funktional differenziert, und für jeden Bereich finden wir unterschiedliche Antworten, von denen eben manche der Gewissensberuhigung dienen. Aber in einer Kultur, die nichts anderes fordert, als ständig zu konsumieren, ist es für ein Individuum nahezu unmöglich, sich dem konsequent zu entziehen.

Die von Ihnen beschriebene Gesellschaft des Hyperkonsums?
Genau. Hyperkonsum beginnt dann, wenn der Konsumakt nicht mehr dem Konsumenten dient, sondern der Konsument zum Opfer des Konsumaktes wird. Der Verbraucher konsumiert über die eigentliche Bedürfnisbefriedigung hinaus. Es wird eigentlich gar nicht konsumiert, sondern nur noch gekauft und dann entsorgt.

Wenn wir, wie Sie sagen, in einer smarten Diktatur leben, in der eine staatlich-industrielle Überwachung herrscht und global agierende Datenakkumulatoren die Verfügungsmacht über uns gewonnen haben, scheint allerdings kein Ausweg in Sicht…
Das kann alles auch wieder verschwinden oder zumindest auf seinen Nennwert reduziert werden. Im Moment denken ja alle, die Welt bestünde einzig aus Nullen und Einsen. Was ja nicht der Fall ist, denn sie besteht zu mindestens 95 Prozent aus völlig anderen Dingen. Insofern ist es erst einmal gut, aus diesem ganzen Hype die Luft rauszulassen und zu sagen: Stimmt ja gar nicht.

In Ihren Publikationen geben Sie sich weitaus weniger entspannt und ersinnen sehr dramatische Szenarien.
Solche Bücher sind ja keine Eins-zu-eins-Abbildungen meiner Auffassungen. Ein Buch ist ein ästhetisches Produkt. Ich argumentiere in einer bestimmten Weise, weil ich beim Leser ein bestimmtes Gefühl evozieren will. Das heißt ja nicht, dass ich selbst fatalistisch durch die Welt laufe.

Sie sind neben Ihrer wissenschaft­lichen Tätigkeit auch kooptiertes Mitglied des Rates für Nachhaltige Entwicklung der Bundesregierung. Dessen Ziel ist es, eine ausge­wogene und gerechte Balance zwischen den Bedürfnissen der heutigen Genera­tion und den Lebensperspektiven künftiger Generationen zu finden. Wie schätzen Sie die Wirksamkeit eines solchen Gremiums ein?
Hoch – wenn man die Gegebenheiten des politischen Betriebes kennt und die Begrenztheit, mit der man neue Perspektiven einbringen kann, die eine große Tragweite haben. Was das betrifft, sind wir ja alle routiniert bescheiden. Daran gemessen ist das, was der Nachhaltigkeitsrat macht, wichtig und einflussreich. Zum Beispiel wenn es um Vorlagen geht, wie die Sustainable Development-Goals hierzulande umgesetzt werden, oder darum, Gutachten erstellen zu lassen, ob es möglich ist, Nachhaltigkeit im Grundgesetz zu verankern.

Was kann die Wirtschaft tun, um sich für eine ressourcenschonende Zukunft zu wappnen?
Ich würde mir mehr Experimente wünschen. Was spräche dagegen, einfach mal neue Wege zu beschreiten? Wenn eine Drogeriekette mit mehreren Tausend Filialen an zehn ausgewählten Standorten das Sortiment radikal reduziert, also nicht mehr 40 Zahnpastasorten anbietet, sondern nur noch vier, von der keine einen weiten Transportweg hat: Einfach mal schauen, was passiert.

Also lautet das Rezept: Trial and Error?
Ich glaube, dass die gesellschaftliche Veränderung in Sachen Nachhaltigkeit eine Frage von Realexperimenten ist. Das ist nichts, was man am Schreibtisch entwirft, mit Diagrammen unterlegt und dann verordnet. Wir müssen Experimentierräume schaffen, in denen wir etwas ausprobieren können, und dann auswerten, was passiert. Es gibt ja schöne Ideen, der Amazonisierung zu entgehen. Im Buchhandel erleben wir eine Entwicklung, die vor ein paar Jahren niemand für möglich gehalten hätte: dass die Leute nämlich wieder Bücher im Geschäft kaufen. Es stimmt auch nicht, dass der Verbraucher über das Angebot bestimmt. Tatsächlich sind die Unternehmen die Erzieher des Konsumenten.

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