Alle Informationen für den Handel

Markt

Wie Digitalisierung die Welt verändert

© Klaus Vyhnalek; GS1

Matthias Horx (l.) und Jörg Pretzel

Das Gros der Handelsunternehmen ist in der digitalen Realität angekommen. Gleichwohl bleiben sie gefordert: Verbraucher verlangen immer mehr Produkttransparenz, Nachhaltigkeit und innovative Services – Herausforderungen, die die wenigsten Unternehmen allein zu meistern vermögen. Zwei Standpunkte anlässlich des ECR-Tags 2016.

 

Standpunkt: Matthias Horx

E-Commerce mit Lebensmitteln ist in aller Munde. Der Markt ist potenziell riesig, denn die Digitalisierung schreitet voran und alle Menschen brauchen Lebensmittel. Doch so einfach geht die Rechnung offenbar nicht auf.

Wer heute über Digitalisierung spricht, kommt schwer daran vorbei, zu konstatieren, dass der digitale Wandel mitten in einer Krise steckt. Und zwar an jener Front, an der das Digitale das Alltagsleben am meisten erreicht und am tiefsten verändert hat: in der Kommunikation. Die Träume vom Demokratiemedium, an dem alle gleichberechtigt teilhaben können, haben sich nicht bewahrheitet. „Das Internet ist kaputt“, konstatierte schon vor zwei Jahren der große Digital-Indianer Deutschlands, Sascha Lobo. Er meinte damit die Exzesse von Hass und Niedertracht, die sich in den Untiefen des sozialen Netzes epidemieartig verbreitet haben.

Zur Person
Matthias Horx ist Trend- und Zukunftsforscher. Nach einer Laufbahn als Journalist gründete er das „Zukunftsinstitut“, das Unternehmen und Institutionen berät.

Es ist nicht zu übersehen: Das Netz überfordert uns auf vielfältige Weise – als Individuen und als menschliche Kultur. Es „disrupiert“ nicht nur alte Industrien, sondern auch unsere Fähigkeit simultaner Kommunikation. Wer 1 000 Facebook-Freunde hat, kaschiert in Wahrheit seine Einsamkeit. Ständige Erreichbarkeit erweist sich heute als Stressfaktor und Produktivitätsvernichter. Und die Reaktion ist längst im Gang. Große Unternehmen führen E-Mail-freie Freitage ein und verzichten auf Messaging an die Mitarbeiter nach Feierabend.

• In den USA sind Anleitungen zum Netz-Entzug, wie „Digital Diet“ oder „Unplug“, Millionenbestseller. In allen Medien werden die Folgeschäden der ständigen Erreichbarkeit diskutiert. Es existiert bereits eine regelrechte Coachingbranche für das „Digital Rightsizing“.
• Apps wie „Selfcontrol“ limitieren die Onlinezeit beziehungsweise den Zugang zu bestimmten Websites.
• Die Ausstiegsquoten bei Facebook erreichen bei den Jüngeren Rekordzahlen. Zum ersten Mal sind weltweit die Zeiten, die Menschen in sozialen Netzwerken verbringen, rückläufig.

Die real-digitale Zukunft

Wer heute cool ist, ist „Om-Line“ – er befindet sich in einer geistigen Balance zwischen den digitalen Möglichkeiten und den analogen Realitäten des Lebens. 20 Jahre nach dem ersten Internetboom wird klar, dass Menschen – und ihr Leben – sich nicht einfach „digitalisieren“ lassen. Die digitale Evolution geht in eine Schleife: Sie muss sich rückkoppeln mit dem genuin Humanen, dem Maßvoll-Menschlichen. Oder es wird irgendwann eine echte Revolte, einen „Maschinensturm“ gegen das Digitale geben.

Der jüngste Schrei aus dem Silicon Valley lautet „Plattformkapitalismus“¡– im digitalen Königreich entstehen immer größere Imperien, die alle Datenflüsse zu monopolisieren scheinen. Die Giganten der Digitalität investieren inzwischen massiv in „künstliche Intelligenz“ – in Systeme, die nicht Daten, sondern auch Wissen prozessieren sollen.

Auch gegen diese mächtige Monopolbildung organisiert sich eine stille, aber machtvolle Gegenbewegung. Die „hidden winners“ der Digitalbranche sind mittlere und kleine Unternehmen, die nicht nur einfach eine digitale Infrastruktur über vorhandene Infrastrukturen und Services stülpen und damit den Markt abschöpfen. Real-Digitale Anwendungen kombinieren die Welt des Analogen auf neue und elegante Weise mit den Möglichkeiten des Digitalen. Sie schaffen eine Hybridwelt, in der wir die Qualitäten des Netzes mit den Vorteilen des Analogen rekombinieren. Sie verändern und verbessern Produkte und Dienstleistungen im Sinne von echten Kundenbedürfnissen.

 

ECR 2016: Digitale Realität – Die Welt zwischen online und offline

Lesen Sie im Spezial zur Veranstaltung von handelsjournal und GS1 Germany außerdem ein Interview mit Jörg Pretzel und Stephan Füsti-Molnár, General Manager Henkel Laundry & Home Care. Sie sprachen über die Folgen der Digitalisierung für das Verhältnis zwischen Herstellern, Handel und Konsumenten.

 

Standpunkt: Jörg Pretzel

Es kommt einer Revolution gleich. Jahrzehntelang gehörte das Kassenband zum Supermarkt wie die Zeitung auf den Frühstückstisch. Doch damit könnte bald Schluss sein. Auf die Zeitung zu verzichten, fällt mir schwer. Aber im Supermarkt der Zukunft gehört das Bezahlen ohne Kasse vielleicht bald schon zur Normalität: Alle Einkäufe werden im Einkaufswagen automatisch gescannt, abgerechnet wird per Funkübertragung direkt über das Smartphone des Kunden – einfach, praktisch und zuverlässig.

Es spricht einiges dafür, dass es so kommt. Und klar ist heute schon eines: Nicht nur Bezahlsysteme werden sich verändern, sondern die gesamte Wertschöpfungskette befindet sich im Wandel.

Zur Person
Jörg Pretzel ist seit 2003 Geschäftsführer der GS1 Germany GmbH. Er vertritt das Unternehmen auf internationaler Ebene im Board von GS1 und als Co-Chairman von GS1 in Europa.

Die Herausforderung heißt Digitalisierung. Sie ist mittlerweile Realität und durchdringt den gesamten Prozess vom Rohstoff bis zum Verbraucher. Dieser lebt heute digital und ist permanent online, jederzeit und an jedem Ort. Sein Informationsbedürfnis und -verhalten ebenso wie sein Einkaufsverhalten haben sich maßgeblich verändert. Für ihn ist das stationäre Ladengeschäft längst nicht mehr der einzige Informations-, Kommunikations- und Beschaffungsort. Die Konsequenzen:

• Geschäftsmodelle, Organisationen und Absatzkanalstrukturen verändern sich.
• Wertschöpfungsketten erhalten einen höheren Grad an Komplexität.
• Gleichzeitig erschließen sich für Handel und Industrie völlig neue Potenziale.
• Die Voraussetzung für Erfolg ist absolute Kundenorientierung.

Dafür ist es zukünftig erforderlich, mehrdimensionale Wertschöpfungsnetze und Multichannel-Ansätze zu managen und sich von rein linearen Abläufen zu verabschieden. Und das gilt für Unternehmen in nahezu jeder Branche.

Maximale Transparenz

Den daraus resultierenden Anforderungen kann nur gemeinsam begegnet werden. Kooperation ist das Schlüsselwort, und gemeinsames Ziel muss es sein, die Veränderungen bestmöglich zu managen und maximale Transparenz zu erreichen – sowohl in global vernetzten Supply Chains als auch in Richtung des Konsumenten. Dabei hat die Investition in die gestiegenen Informationsanforderungen des Konsumenten Priorität.

Gefordert sind alle Beteiligten entlang der gesamten Wertschöpfungskette, für die Zukunft eine neue Qualität der Zusammenarbeit zu vereinbaren – mit dem Ziel, mehr Transparenz, mehr Effizienz und mehr Qualität, verbunden mit einem erhöhten Committment, zu schaffen.

Denn nur über diesen Weg wird es gelingen, wieder mehr Vertrauen beim Konsumenten aufzubauen. Und die Zeitung auf dem Frühstückstisch? Die werden wir trotzdem beibehalten.

 

Infos zum ECR Tag 2016

Der zweitägige Kongress mit über 60 Vorträgen und mehr als 80 Top-Referenten findet am 21. und 22. September 2016 im Estrel Congress & Messe Center in Berlin statt.

Themenschwerpunkte in diesem Jahr sind unter anderem:
• Value Chain 4.0
• Omnichannel – der hybride Shopper
• Retail-Innovationen und Kooperationen
• Category Management und Shopper Marketing
• Logistikkonzepte in der digitalen Realität

Im Plenum referieren unter anderem Stephan Füsti-Molnár (Geschäftsführer Henkel), Dr. Jens Uwe Intat (Vice President Hardlines Amazon EU, Niederlassung Deutschland), Petra Schäfer (Geschäftsführerin Marketing und Multichannel Globus Holding), Claudia Willvonseder (Global Marketing und Communication Manager Ikea Group), Dr. Werner Wolf (Sprecher der Geschäftsführung Bitburger Braugruppe), Stefan Wenzel (Vice President Ebay Germany), Ulli Gritzuhn (Vorsitzender der Geschäftsführung Unilever Deutschland), Dr. Jean-Jacques van Oosten (Chief Digital Officer REWE Group) und Dr. Thomas Schnieders (Direktor E-Commerce Innovation & Plattform Otto GmbH & Co KG).

Anmeldung und weitere Informationen sowie Angebote, etwa für Studenten und Start-ups, finden Sie unter: ecrtag.de

Lesen Sie weiter


Markt

Charme der Maschine

Humanoide Helfer sind im Handel auf dem Vormarsch. Kunden reagieren meist mit freundlicher Neugier auf das neue Digitalpersonal. Doch bislang wissen selbst die klügsten Maschinen keine Antwort auf die wichtige Frage „Steht mir das?“ mehr...

Wir freuen uns über Diskussionen und Ihre Kommentare.
Wie in jeder Gemeinschaft ist es notwendig, dass sich alle Teilnehmer an die Netiquette halten. Durch Ihre Kommentare sollen interessante, gewinnbringende Debatten entstehen, an denen sich andere Nutzer gerne beteiligen. Beleidigungen und Schmähreden sind deshalb ebenso tabu wie Diskriminierungen und die unerlaubte Veröffentlichung persönlicher Daten. Bitte verstecken Sie sich auch nicht hinter Pseudonymen, sondern benutzen Sie Klarnamen.

Kommentar absenden

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *


*

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>