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Interview: „Komplexität ist atemberaubend“

© Bastian Wener

Stephan Füsti-Molnár (l.) und Jörg Pretzel

Die Digitalisierung fordert die Konsumgüterindustrie massiv heraus. Über die weit reichenden Folgen für das Verhältnis zwischen Herstellern, Handel und Konsumenten sprachen Stephan Füsti-Molnár, General Manager Henkel Laundry & Home Care, und Jörg Pretzel, Geschäftsführer GS1 Germany.

 

Herr Pretzel, war in den vergangenen Jahren von der Digitalisierung und ihrer disruptiven Kraft die Rede, drehten sich die Diskussionen häufig um Schlagworte wie Wandel, Transformation oder gar Revolution. Hat die Konsumgüterwirtschaft mittlerweile den Sprung in die Zukunft geschafft?
Pretzel: Die Digitalisierung ist mittlerweile Realität in allen Bereichen und durchdringt den gesamten Warenprozess vom Rohstoff bis zum Konsumenten. So ist heute längst nicht mehr das stationäre Ladengeschäft der einzige Informations-, Kommunikations- und Beschaffungsort für den Verbraucher. Denn der lebt digital und ist permanent und an jedem Ort online. Damit verändern sich Geschäftsmodelle, Organisationen wie auch die bekannten Absatzkanalstrukturen. Die Konsequenz ist einerseits eine gestiegene Komplexität innerhalb der Wertschöpfungsketten, andererseits erschließen sich für Industrie und Handel völlig neue Potenziale. Für eine absolute Kundenorientierung ist es zukünftig erforderlich, mehrdimensionale Wertschöpfungsnetze und Multi-Channel-Ansätze zu managen und sich von rein linearen Abläufen zu verabschieden. Hier muss die Branche ihre Strategieansätze noch weiter ausbauen.

Welche der mit der Digitalisierung einhergehenden Herausforderungen vermochte die Branche bereits gut zu bewältigen?
Pretzel: Die Branche hat verstanden, dass der Shopper das Sagen hat. Er gehört in den Mittelpunkt aller strategischen Überlegungen, ja aller unternehmerischen Entscheidungen. Viele Geschäftsmodelle stehen mittlerweile unter dem Aspekt „Connecting Channels“ auf dem Prüfstand. Und viele Unternehmen bis hin zum selbstständigen Einzelhändler überlegen, wie sie die unterschiedlichen Kanäle sowohl in der Vermarktung des Sortiments als auch in der Kommunikation mit dem Konsumenten bestmöglich miteinander verknüpfen. Des Weiteren arbeitet man an der Aufgabe, die Balance zwischen Kundenorientierung, Kundenzufriedenheit und effizienten Prozessen zu finden, investiert in bestehende Logistikstrukturen oder setzt auf standardisierte Prozesse und Technologien. Die Erkenntnis, dass es nur mittels kooperativer Zusammenarbeit aller Beteiligten einen Effizienz- und Qualitätsgewinn in der gesamten Wertschöpfungskette inklusive erhöhter Transparenz geben kann, ist für mich ein gewaltiger Fortschritt.

 

Klicken Sie zum Vergrößern einfach auf die Grafik. Quelle: Studie „Quo vadis Category-Management?“, Andrea Stevens, plan + impuls, GS1 Germany. © handelsjournal 08/2016

Klicken Sie zum Vergrößern einfach auf die Grafik. Quelle: Studie „Quo vadis Category-Management?“, Andrea Stevens, plan + impuls, GS1 Germany. © handelsjournal 08/2016

 

Herr Füsti-Molnár, was sind in diesem Kontext die wichtigsten und zukunftsträchtigsten Initiativen im Rahmen der ECR-Initiative im Bereich Category Management?
Füsti-Molnár: Wir haben es mit Konsumenten zu tun, die anspruchsvoller in Bezug auf ihr Informationsbedürfnis sind. Sie wollen mehr über die Produkte erfahren, tiefer gehende Informationen erhalten. Hersteller und Händler müssen dieses Bedürfnis gemeinsam befriedigen: Was können wir dem Konsumenten am PoS an Zusatzinformationen bieten? Wann, wo und wie geben wir Entscheidungshilfen, bevor er den Kauf tätigt?

Und in Bezug auf die Supply Chain, Herr Pretzel?
Pretzel: Wenn es auch künftig das gemeinsame Ziel ist, ein verbessertes Angebot, eine höhere Warenverfügbarkeit und eine schnellere Belieferung im Interesse des Kunden zu erreichen, kommt man an einer intensiven Zusammenarbeit zwischen Industrie- und Handelspartnern nicht vorbei. Sie ist unabdingbar, um Kunden auf allen Kanälen gleichermaßen gut zu bedienen. Das stellen beide Seiten zunehmend fest. Der Beweis: Die Verhandlungen zwischen Industrie und Handel sind nicht einfacher geworden – und trotzdem sitzen beide weiterhin gemeinsam an einem Tisch. Sicher gibt es teilweise konträre Zielvorstellungen. Es setzt sich jedoch die Einsicht durch, dass Zusammenarbeit langfristig zu besseren Ergebnissen führt und dass Denken in kurzfristigen Spannen keine Probleme löst.

 „Unsere Digitalstrategie schafft einen klaren Rahmen und einen integrierten Ansatz für alle Aktivitäten im gesamten Unternehmen.“ Stephan Füsti-Molnár

Gleichwohl, Herr Füsti-Molnár: Trotz der gemeinsamen ECR-Initiative bestehen die widerstreitenden Interessen von Industrie und Handel fort. Haben beide die Bedürfnisse der Konsumenten zum beiderseitigen Vorteil im Blick oder dominiert unterschwellig weiterhin das Kräftemessen?
Füsti-Molnár: Ebenso wie sich das Informations- und Kaufverhalten der Konsumenten stark verändert hat, wandelten sich auch die Rollen und Strukturen der Akteure innerhalb der Wertschöpfungskette. Den daraus resultierenden Anforderungen kann nur gemeinsam begegnet werden, und zwar auf der Plattform von GS1 Germany. Kooperation ist das Schlüsselwort, und das Ziel ist es, mittels der Lösungen von GS1 die Veränderungen sowohl in den global vernetzten Supply Chains als auch in Richtung des Konsumenten bestmöglich zu managen und eine maximale Transparenz zu erreichen. Dabei erhält die Investition in die gestiegenen Informationsanforderungen des Konsumenten im Hinblick auf mehr Informationsumfang bei gleichzeitig wesentlich erhöhter Qualität volle Priorität.

 

ECR 2016: Digitale Realität – Die Welt zwischen online und offline

Das Gros der Handelsunternehmen ist in der digitalen Realität angekommen. Gleichwohl bleiben sie gefordert: Verbraucher verlangen immer mehr Produkttransparenz, Nachhaltigkeit und innovative Services – Herausforderungen, die die wenigsten Unternehmen allein zu meistern vermögen. Eine Plattform für nutzwertorientiertes Networking bietet der ECR Tag 2016.

Lesen Sie im Spezial zur Veranstaltung von handelsjournal und GS1 Germany außerdem, wie Digitalisierung die Welt verändert – Standpunkte von Jörg Pretzel und Trendforscher Matthias Horx.

 

Vor zwei Jahren startete Henkel eine umfassende Digitalisierungsoffensive mit dem Ziel, Prozesse zu vereinheitlichen und die E-Commerce-Aktivitäten für die Industriekunden auszuweiten. Wie weit sind die Ambitionen mittlerweile gediehen?
Füsti-Molnár: Digitalisierung ist eines der Kernthemen unserer strategischen Priorität „Outperform“. Unsere Digitalstrategie schafft einen klaren Rahmen und einen integrierten Ansatz für alle Aktivitäten im gesamten Unternehmen. Wir entwickeln eine digitale Unternehmenskultur und nutzen Daten und Technologien, um die Interaktion mit Kunden und Konsumenten weiterzuentwickeln und damit zum Wachstum unseres Geschäfts beizutragen. In diesem Zusammenhang haben wir die digitalen Aktivitäten für unsere Verbraucher ausgeweitet, zum Beispiel über zielgerichtete Social-Media-Kampagnen, und werden auch in Zukunft noch digitaler mit unseren Verbrauchern kommunizieren, als wir es heute tun. Schon im Jahr 2015 haben die Unternehmensbereiche Laundry & Home Care und Beauty Care insgesamt über zwölf Milliarden digitale Werbekontakte innerhalb der Kernzielgruppen erzielt.

 

Zum Vergrößern bitte klicken. Quelle: Studie „Quo vadis Category Management?“, Andrea Stevens, plan + impuls, GS1 Germany. © handelsjournal 08/2016

Zum Vergrößern bitte klicken. Quelle: Studie „Quo vadis Category Management?“, Andrea Stevens, plan + impuls, GS1 Germany. © handelsjournal 08/2016

 

Viele Verantwortliche fragen sich, in welchem Maß digitale Innovation für ihr Unternehmen sinnvoll zu bewältigen ist und wie sie ihre Transformationsfähigkeit verbessern können. Was empfehlen Sie, um die Komplexität zu bewältigen, Herr Pretzel?
Pretzel: Die Komplexität ist zum Teil atemberaubend. Wir sprechen über den hybriden Shopper und sein Kaufverhalten, das immer unkalkulierbarer wird. Der Konsument informiert sich und kauft auf allen Kanälen, ganz situativ. Die Aufgabe des stationären Handels ist es, den Konsumenten und seine Kaufmotive und -entscheidungen besser zu verstehen. Der Handel muss sich neu erfinden, seine Einkaufsstätten noch stärker auf Erlebnis ausrichten. Zudem ist der Einsatz neuer Technologien wichtig, um den hybriden Shopper besser abzuholen. Auch in in seinen Strategien und taktischen Maßnahmenplanungen muss er den hybriden Shopper reflektieren, denn dieser hat die Schwerpunkte verändert, Prioritäten und Dringlichkeiten verschoben. So sind beispielsweise Herkunft und Allergene für den heutigen Kunden oftmals wichtiger als der Preis.

Welche Rolle spielen Kooperationen, um diese Herausforderungen zu bewältigen, Herr Füsti-Molnár?
Füsti-Molnár: Im Konsumentengeschäft setzen wir vor allem auf unsere starken Partnerschaften mit dem Handel: dem stationären Handel, der seinen Onlinevertrieb zunehmend ausbaut, und dem exklusiven Onlinehandel. Wir arbeiten eng mit großen Ketten, wie beispielsweise Walmart, zusammen – aber auch mit Amazon oder Alibaba in China.

 „Die zunehmende Komplexität ist nur mittels Kooperation von Industrie und Handel auf Basis standardisierter Prozesse und Technologien zu bewältigen.“ Jörg Pretzel

Herr Pretzel, was bietet der ECR Tag 2016 Entscheidern, die konkrete Antworten auf die beschriebenen Herausforderungen suchen?
Pretzel: GS1 Germany bringt alle Beteiligten der Wertschöpfungskette an zwei Tagen zusammen, um die Herausforderungen der Zukunft zu beleuchten. Unter dem Motto „Digitale Realität – die Welt zwischen on- und offline“ diskutieren Top-Referenten und über 800 Entscheider aus Handel, Industrie und Dienstleistung, welche digitalen Erfolgsfaktoren wichtig sind, um für die Zukunft gerüstet zu sein. Dabei steht die ganzheitliche Betrachtung der Wertschöpfungskette vom Rohstoff bis zum Konsumenten im Fokus des ECR Tags. Im Plenum sowie in Fachforen diskutieren die Teilnehmer die Strategien der Zukunft. Wie immer ist Kooperation das Gebot der Stunde! Nicht nur in der Networking-Night treffen viele Fachleute zusammen, auch der Marktplatz bietet mit mehr als 110 Ausstellern eine Plattform für zukunftsweisende Lösungen. Ein absoluter Pflichttermin also.

 

Infos zum ECR Tag 2016

Der zweitägige Kongress mit über 60 Vorträgen und mehr als 80 Top-Referenten findet am 21. und 22. September 2016 im Estrel Congress & Messe Center in Berlin statt.

Themenschwerpunkte in diesem Jahr sind unter anderem:
• Value Chain 4.0
• Omnichannel – der hybride Shopper
• Retail-Innovationen und Kooperationen
• Category Management und Shopper Marketing
• Logistikkonzepte in der digitalen Realität

Im Plenum referieren unter anderem Stephan Füsti-Molnár (Geschäftsführer Henkel), Dr. Jens Uwe Intat (Vice President Hardlines Amazon EU, Niederlassung Deutschland), Petra Schäfer (Geschäftsführerin Marketing und Multichannel Globus Holding), Claudia Willvonseder (Global Marketing und Communication Manager Ikea Group), Dr. Werner Wolf (Sprecher der Geschäftsführung Bitburger Braugruppe), Stefan Wenzel (Vice President Ebay Germany), Ulli Gritzuhn (Vorsitzender der Geschäftsführung Unilever Deutschland), Dr. Jean-Jacques van Oosten (Chief Digital Officer REWE Group) und Dr. Thomas Schnieders (Direktor E-Commerce Innovation & Plattform Otto GmbH & Co KG).

Anmeldung und weitere Informationen sowie Angebote, etwa für Studenten und Start-ups, finden Sie unter: ecrtag.de

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