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E-Food: Frisches aus dem Netz

Foto: HDE

Der E-Food-Markt ist ein zartes Pflänzchen, das sich nur langsam entwickelt. Ob und wann sich der Onlinehandel mit Lebensmitteln durchsetzt, war das Thema des „Forums Handel 4.0“.

E-Commerce mit Lebensmitteln ist in aller Munde. Der Markt ist potenziell riesig, denn die Digitalisierung schreitet voran und alle Menschen brauchen Lebensmittel. Doch so einfach geht die Rechnung offenbar nicht auf. Zahlreiche hoffnungsfroh gegründete Start-ups wie Bonativo, Shopwings und Eat First mussten schon wieder aufgeben, während verbliebene Konkurrenten wie Delivery Hero und Hello Fresh rote Zahlen schreiben. Das Geld in der Nische mit E-Food ist nicht eben leicht zu verdienen.

„Durchsetzen wird sich, wer die bequemste Lösung für den Kunden schafft.“ Stephan Tromp, stellvertretender HDE-Hauptgeschäftsführer

Der Anteil des Onlinehandels mit Food am Lebensmittel-Gesamtumsatz in Deutschland liege mit unter einem Prozent bislang „auf einem extrem niedrigen Niveau“, sagt der stellvertretende HDE-Hauptgeschäftsführer Stephan Tromp. Doch immerhin habe sich der Umsatz in zwei Jahren verdoppelt. Die kleine Zahl stehe daher auch für die Wachstumschancen, die der E-Commerce mit Food berge, erklärt Tromp: „Viele Wettbewerber testen den Markt, wir sehen eine Phase des ‚Trial and Error‘. Durchsetzen wird sich, wer die bequemste Lösung für den Kunden schafft.“

Wie es um die digitale Zukunft im Lebensmittel- Einzelhandel bestellt ist, darum geht es bei der dritten Ausgabe des Forums Handel 4.0 in Berlin. Tromp und Gastgeberin Tanja Schüle von der Rewe Group tischen im Restaurant „Oh Angie!“ mediterrane Speisen und eine erfrischende Keynote auf: Karsten Schaal erzählt unterhaltsam von food.de, einem Lieferdienst, den er im Jahr 2011 in Leipzig gegründet hat. Das Unternehmen bietet online eine Auswahl von rund 16 000 Produkten und die Auslieferung am gleichen Tag zum Wunschtermin in 32 Regionen an.

Verlustgeschäft in Leipzig

„Wir sind ohne Liefergebühren gestartet, haben uns dann aber entschlossen, den kleinsten Schein zu berechnen“, so Schaal. Für fünf Euro also holen die Fahrer die Ware beim Großhändler ab und transportieren sie zum Kunden. Verkaufsschlager im Vollsortiment sind Getränke: Schwere Kisten mit Glasflaschen und Milchkartons lassen sich Verbraucher gern bringen. Überdies, bemerkt Schaal mit einem Augenzwinkern, wolle sich auch kein Mensch mit einem Großgebinde Toilettenpapier durch die Stadt laufend sehen lassen.

Amazon am Start?

Es ist nicht mehr ganz frisch, das Gerücht, dass die Amerikaner bald verderbliche Lebensmittel in Deutschland ausliefern wollen.

Doch nachdem schon Anfang 2014 über den Start von Amazon Fresh spekuliert wurde, verdichten sich nun die Anzeichen für den nahen Markteinstieg. Laut Süddeutscher Zeitung arbeitet der US-Konzern in einem Logistikzentrum in Berlin-Tegel daran, den Dienst im Herbst in der Hauptstadt einzuführen. Noch in diesem Jahr sollen dann München und das Ruhrgebiet folgen. Wettbewerber wie Kaufland und Edeka (mit dem Tengelmann-Lieferdienst Bringmeister) nehmen die Meldungen aus der Gerüchteküche zum Anlass, sich frühzeitig mit eigenen E-Food-Angeboten gegen die drohende Konkurrenz zu wappnen.

Rund 90 Euro würden Kunden, vor allem junge Familien, im Schnitt für einen Einkauf bei food.de ausgeben, der Jahresumsatz pro Kunde liege zwischen 3 000 und 5 000 Euro. „Wir wollen profitabel werden“, gibt sich der Jungunternehmer kämpferisch.

Doch das ist wahrlich kein leichtes Unterfangen im Spannungsfeld von anspruchsvoller Lebensmittelinformationsverordnung und Logistikgeschäft der „letzten Meile“. Schaal beschreibt die Lernerfahrungen, die etwa die Sicherung der Kühlkette mit sich brachte. Als Testpersonen für Frischwaren mussten zu Beginn auch seine Eltern herhalten.

Auswahl ohne Anfassen

Mangelndes Vertrauen von Verbrauchern in die Kühlkette macht Sophie Herr in der anschließenden Diskussion als einen der Hemmschuhe bei der E-Food-Entwicklung aus. „Learning by Doing“ sei darum kein hilfreiches Konzept für Marktteilnehmer, so die Leiterin des Teams Lebensmittel beim Verbraucherzentrale Bundesverband: „Überdies wird der Online-Einkauf das haptische Erleben nicht ersetzen können. Ich bevorzuge beispielsweise reife Bananen und kleinere Äpfel, doch das kann ich mir online nicht aussuchen.“ Wenn der Nutzwert des Liefernlassens jedoch wichtiger als die Apfelgröße sei, habe E-Food Potenzial, meint Herr: „Ältere Menschen sind eine wichtige Zielgruppe, gerade im Hinblick auf ländliche Räume.“

„Der große Gewinner des Wettbewerbs wird der Kunde sein.“ Karsten Schaal, Gründer und Geschäftsführer des Lieferdienstes food.de

„Wir müssen da sein, wo der Verbraucher uns treffen will“, sagt Tanja Schüle von Rewe. Sie zeigt sich überzeugt, dass der stationäre Handel von der Digitalisierung profitieren wird. Rewe Digital beschäftigt über 300 Mitarbeiter, die an der Entwicklung des Onlinegeschäfts arbeiten. Die Supermarktkette erreicht mit Onlineshops und Lieferdiensten bereits 30 Prozent der Verbraucher in Deutschland. Der seit Monaten kolportierte Einstieg von Amazon Fresh in den hiesigen Markt (siehe rechts) führt zu einer nachhaltigen Belebung des E-Food-Segments – schon aus reiner Vorsorge.

Der hiesigen Branche ist aber nicht bange vor dem Konkurrenten aus den USA: „Wir heißen Amazon willkommen“, sagt Axel Haentjes, Leiter Lebensmittelrecht beim Bundesverband des Deutschen Lebensmittelhandels (BVLH). Es bleibt spannend in der Marktnische, doch eines steht schon fest: „Der große Gewinner des Wettbewerbs zwischen den Angeboten wird der Kunde sein“, betont Karsten Schaal.

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