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Crowdshipping: Nimmst du das mal mit?

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Die Idee, dass Kunden für andere Kunden Lieferungen transportieren, ist nicht neu. Sie bekommt aktuell aber durch Trends wie Same-Day-Delivery und die Sharing-Economy neue Nahrung. Crowdshipping ist im Kommen.

Crowdshipping? Privatpersonen, die anderen Privatpersonen Päckchen ausliefern? Das funktioniert doch nicht. Solche Versuche hat es doch schon früher gegeben. Da macht doch keiner mit. Außerdem ist es nicht zuverlässig. Und wer liefert das Päckchen dann aus? Ist der vielleicht gefährlich? Ganz ehrlich: Das bringt doch niemandem etwas.

Wenn man mit etablierten Logistikern und alteingesessenen Versandhändlern über das Thema Crowdshipping spricht, hört man mindestens eines dieser Vorurteile, meistens mehrere und gelegentlich alle. Und tatsächlich scheint ein gigantischer Organisations- und Regulierungsaufwand damit verbunden zu sein, ein Endkunden-Liefersystem auf die Beine zu stellen. „Das können doch nur die ganz Großen“, heißt es dann oft.

Beispiel DHL: Im Jahr 1969 wurde das Unternehmen als Kurierservice gegründet. Geschäftsleute wollten wichtige Sendungen von San Francisco nach Hawaii lieber Menschen anvertrauen als einer anonymen Institution namens Post. Die Menschen setzten sich ins Flugzeug und erwiesen sich nicht nur als zuverlässiger, sondern auch als schneller. 2009 kam man in Bonn auf die Idee, mit BringBuddy ein Crowdshipping-System auf die Beine zu stellen. Doch schon vier Jahre später wurde es eingestellt: zu wenige Teilnehmer, zu kompliziert. Gleichzeitig startete man in Stockholm mit MyWays den Nachfolger als kurzes Pilotprojekt. Aktuell prüft DHL, ob das Konzept für Berlin taugen könnte. Auch der Handelsriese Walmart konzipierte 2013 ein System, bei dem Privatkunden für Nachbarn Lieferungen mitnehmen. Das Projekt kam nie über das Prototypen-Stadium hinaus.

Start-ups in den Startlöchern

Was wäre aber, wenn sich ein Rosinenpicker nur ein kleines Marktsegment aussuchte und versucht, dafür ein privates Liefersystem zu installieren? Start-ups greifen selten ganze Branchen an, sie suchen sich den lukrativen Teilmarkt heraus. Der US-amerikanische Bettenvermittler Airbnb vereinte ziemlich genau die gleichen Vorurteile gegen sich, die, wie oben beschrieben, gegenüber der Logistikbranche angeführt wurden. Und man hat sie weitgehend mit Erfolg überwunden.

So funktioniert Crowdshipping

• Der Händler bietet dem Kunden die Lieferoption an.
• Die geplante Lieferung wird in einer Datenbank hinterlegt, auf die Fahrer per App zugreifen.
• Die Fahrer machen ein Preisangebot oder akzeptieren einen bereits vereinbarten Tarif.
• Der Kunde bestätigt und kann in der App seine Lieferung verfolgen.
• Die Zahlung erfolgt direkt im Kaufprozess, per App oder an der Haustür.

 

Wie würde ein Start-up die genannten Probleme lösen?

Zuverlässigkeit?
Um möglichst schnell eine gute Abdeckung zu erreichen, würde man sich die Absicherung bei den etablierten Logistikern zukaufen. DHL als Fallbacklösung zum Beispiel könnte in Betracht gezogen werden.

Sicherheit?
Start-ups haben inzwischen erkannt, dass ein Bewertungssystem allein das Problem nicht löst. Man braucht eine Fahrerzertifizierung, die zumindest eine grundlegende Qualität sicherstellt. Die Zertifizierung erfolgt durch neutrale Dritte (TÜV).

„Kritische Masse“?
Start-ups sind extrem virtuos im Umgang mit Social Media und Onlinemarketing zur Erzeugung von Reichweite. Auch eine Kapitalbeteiligung durch ein Medienunternehmen mit Werbezeit als Teil der Investition (Media for Equity) gehört heute zum grundlegenden Handwerkszeug.

Vertrauen?
Garantien und Versicherungen sind ein klassischer Marketingtreiber. Man denke etwa zurück an die Erstkampagne von Zalando mit hundert Tagen Rückgaberecht.

Auslieferung?
An diesem Punkt wird es schwierig, aber Start-ups gehen gewöhnlich gerne Partnerschaften ein. Was wäre, wenn eine große Restaurantkette die Päckchen sammelte und die Kunden nähmen sie nach dem Essen mit? In den USA macht Waffle House genau dies – zusammen mit dem Crowdshipping-Unternehmen Roadies. Waffle House hat 1750 Filialen.

Retouren?
Auch das bleibt eine hohe Hürde. Zunächst könnten sich die Start-ups retourenarme Segmente heraussuchen und im Fall der Fälle greifen sie vielleicht wieder auf DHL als Fallbacklösung zurück.

Geldverdienen?
Ertrag interessiert die Start-ups im ersten Schritt oft nicht, denn Wachstum geht vor Gewinn. Der Kapitalmarkt alimentiert den Ansatz.

 

Crowdshipping und der Kapitalmarkt

Das Start-up Deliv aus Kalifornien sammelte im Jahr 2013 noch bescheidene 4,5 Millionen Dollar an Kapital ein. Im Folgejahr brachte es Konkurrent Postmates schon auf 16 Millionen Dollar und bekam eine weitere Finanzspritze über 100 Millionen Dollar. Das Unternehmen Instacart sammelte sogar 223 Millionen Dollar an Wagniskapital ein und wird von der Börse mit insgesamt zwei Milliarden Dollar bewertet. Forbes nannte Instacart 2015 die spannendste US-Firma überhaupt. Instacart bietet Lebensmittellieferung in Stundenfenstern. Das geschieht mit fest angestellten Lieferanten, hat also nichts mit Crowdshipping zu tun. Aber letzten Sommer gab man bekannt, dass man den kompletten Pickingprozess, also das Zusammenstellen der Warenkörbe, in die Hand der Crowd geben wird. Deliv und die Postmates machen echtes Crowdshipping.

Und wenn es noch eines Beweises für das Potenzial des Prinzips bedarf, so findet sich dieser bei Amazon. Amazon Flex wurde im September gestartet und wird heute schon in 16 Städten angeboten. Amazon garantiert seinen Fahrern einen Stundenlohn von 18 bis 25 Dollar. Da werden auch professionelle Kurierfahrer schwach.

Und wo bleiben die Deutschen?

Die kurze Antwort auf diese Frage lautet: in Berlin. Dort haben sich mit Packator, Sennder und ÜberBringer sowie SmartShippr schon einige vielversprechende Kandidaten formiert. Die Konzepte variieren leicht, zum Beispiel widmet sich ÜberBringer explizit sperrigen Gegenständen, die sich schwer klassisch versenden lassen, und verpackt diese auf Wunsch auch noch.

Damit zeigt ÜberBringer gleich auch einen spannenden Aspekt der Wachstumskurve auf. Crowdshipping kann zum Beispiel dort schnell angreifen, wo Versandhandel bisher nur wenig genutzt wird. Man denke an die Millionen Auktionen auf Ebay, die mit „Nur Abholung“ gekennzeichnet sind. Eine Versandoption würde die Zielgruppe des Angebots vergrößern und somit den Erlöspreis steigern. Gleiches gilt für Kleinanzeigen oder für Händler, die heute noch gar nicht versenden.

Links mit weiterführenden Informationen:

die rechtliche Seite von Social Delivery
Das DHL-Pilotprojekt für Berlin

Das „Crowdshipping-Fieber“ hat schon ganz Europa ergriffen. Von Klagenfurt aus beliefert Checkrobin inzwischen auch Süddeutschland. JadeZabiore aus Polen bietet Fuhren nach Berlin an, PiggyBee aus Belgien fokussiert sich stattdessen auf Langstreckenreisen per Flugzeug: Man darf auf der Reise etwas mitnehmen oder mitbringen und bekommt dafür ein Honorar. Einer der aussichtsreichsten Kandidaten in Europa ist aktuell Nimber. Das Unternehmen sitzt in London, wurde aber in Oslo gegründet. Wie die meisten Crowdshipper setzt auch Nimber auf zwei Trends: Die Sharing-Economy zeigt sich bereit und hält es sogar für sinnvoll, brachliegende Transportkapazitäten zu nutzen. Gleichzeitig hat Crowdshipping natürlich auch ökologische Argumente auf seiner Seite, die Teilnahme ist also ein Lifestyle-Statement. Einer der Checkrobin-Fahrer transportiert schon mal Äpfel aus Klagenfurt nach Wien – in seinem Elektrofahrzeug Tesla.

Nimber zeigt mit einer kleinen Idee aber auch, wie Disruption wirklich funktioniert. Was wäre, wenn man ein Päckchen nicht einer geplanten Route zuordnete, sondern den Prozess einfach umdrehte? Nimber verfügt über ein Planungstool, mit dem man seinen Wochenend-Trip nach den Päckchenzustellungen planen kann, frei nach dem Motto: „Das Päckchen muss nach Edinburgh, fahr doch mit!“ Die Übernachtungen werden gleich mit angeboten – bei Airbnb natürlich.

Fazit: Crowdshipping kommt nicht erst, sondern es ist schon längst da. Händler könnten die Lieferoption für sich prüfen. Und Logistiker sollten sich überlegen, ob es nicht spannende neue Betätigungsfelder gibt, etwa beim Thema Fahrerzertifizierung.

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