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Nahversorgung: Supermarkt mit Wohnung

© T. Solo / picture alliance

Kleinere Formate, abgespeckte Sortimente und jede Menge Experimentierfreude: Die Handelsketten gehen neue Wege in der Nahversorgung.

Es begann, wie so oft, in Amerika. „Einzelhandel setzt auf Mikroläden“, meldete schon vor Jahren die Research-Abteilung des Dienstleisters Daymon in Stamford (Connecticut). Selbst Walmart, Inbegriff des Discounters auf der grünen Wiese, zog mit Walmart to Go und Walmart Express in die Innenstädte. Jetzt hat die Welle auch Deutschland erfasst. Beim Handelsdialog Bayern in München berichten Manager von Rewe, Edeka, Lidl und Penny von kleineren Formaten, abgespeckten Sortimenten und Standorten in Bahnhöfen und Flughäfen. „Lasst uns den Supermarkt in Städten ab 100 000 Einwohner neu denken“, fordert Alexander Pavlovic, Expansionsleiter von Rewe Süd.

So konsequent der Lebensmittel-Einzelhandel früher auf Standardisierung setzte, so selbstbewusst wird jetzt auf standortspezifische Konzepte gebaut und auch mal experimentiert. Eine Lidl-Filiale im Berliner Trendviertel Prenzlauer Berg bekam acht 115-Quadratmeter-Wohnungen aufs Dach. In Tegernsee baute der Discounter auf seinem Supermarktgelände 17 Wohnungen für Familien und vermietet die Etage über der Verkaufsfläche an eine Akademie für Kampfkunst. „Wir wollen solche Synergien künftig häufiger suchen, das sind doch auch alles Kunden“, erklärt Niels Kratzin, Bereichsleiter Immobilien von Lidl. In innerstädtischen Lagen sei auch die Kombination mit Büros denkbar. „Investoren sollten uns früh einbeziehen. Wir wissen, worauf es ankommt“, so Kratzin.

Erfolgsgeschichte: Nahversorgungskonzepte auf kleiner Fläche bieten Kunden nicht nur in Wohnlagen bequeme Einkaufsgelegenheiten. © M. Pröck / Presse

Erfolgsgeschichte: Nahversorgungskonzepte auf kleiner Fläche bieten Kunden nicht nur in Wohnlagen bequeme Einkaufsgelegenheiten. © M. Pröck / Presse

Und das ist vielleicht erst der Anfang. Die Stadt München will große Parkplätze mit Wohnungen überbauen, ein erstes Vorhaben startet dieses Jahr am Dantebad. Der Stadtrat hat dabei ausdrücklich auch Supermarkt- Parkflächen im Blick. „Mit unserem Modellprojekt wollen wir Unternehmen wie Aldi, Lidl und Co. zeigen, welches Potenzial sie da eigentlich vor der Haustür haben“, erklärt SPD-Fraktionschef Alexander Reissl.

Brauchen Supermärkte ein Einzugsgebiet von 5 000 Einwohnern? Die Regel ist noch in den Köpfen. Neu ist die Bereitschaft, davon abzurücken, wenn ein Bürostandort in der Nähe ist, eine Schule oder ein Wohnheim. Und: Nahversorgung findet nicht mehr nur in Wohnlagen statt, wie die Lidl-Filiale im Bahnhof Nürnberg zeigt. Auf 600 Quadratmetern schreibt der Discounter dort eine Erfolgsgeschichte, wie sie noch vor wenigen Jahren kaum vorstellbar gewesen wäre. Rewe wiederum verkündete im März eine Kooperation mit Aral: Bis zu tausend Tankstellen werden auf das Rewe-To-Go-Konzept umgerüstet, das das Unternehmen zuvor an zehn Standorten getestet hatte.

An kleinflächigen Standorten mit 500 oder 600 Quadratmetern, die Rewe mit der Marke Rewe City heute wie selbstverständlich betreibt, gibt es kein Vollsortiment mit 12 000 bis 18 000 Waren mehr – und die Kunden brauchen es auch nicht, argumentiert Pavlovic: „Dort liegt der Schwerpunkt auf Service und Convenience, und wir fahren damit sehr gut.“ Auch Stefan Kellermann, Gebietsleiter Expansion bei Edeka Südbayern, spricht davon, das Sortiment gezielt aufs Publikum abzustellen und Nischen zu entdecken, etwa Mittagskonzepte.

Frisches von Amazon: Der Versender liefert auch Lebensmittel aus. Deutsche Supermärkte nehmen den wachsenden Wettbewerb sportlich und mit viel Selbstbewusstsein an. © Getty Images

Frisches von Amazon: Der Versender liefert auch Lebensmittel aus. Deutsche Supermärkte nehmen den wachsenden Wettbewerb sportlich und mit viel Selbstbewusstsein an. © Getty Images

Richard Götzinger, Expansionsleiter bei Penny, kann sich sogar Standorte mit nur 300 Quadratmetern vorstellen: „Wir haben ein flexibles Ladenkonzept.“ Eine Penny-Filiale am Münchner Westpark zum Beispiel verzichtet fast vollständig auf Haushaltswaren und Körperpflegeprodukte. Geht es noch kompakter? Ja, aber Kioskgrößen – der Rewe to Go am Münchner Hauptbahnhof hat lediglich 160 Quadratmeter – stehen nicht mehr für eine Nahversorgung im herkömmlichen Verständnis. Pavlovic: „Da geht keiner einkaufen, um am Wochenende mit der Familie gemütlich zu kochen.“

Kürzere Wege für die Älteren

In Klein- und Mittelstädten funktioniert es noch, das Standardkonzept mit Vollsortiment und Versorgungsfunktion, wenn auch nicht notwendigerweise auf der grünen Wiese: Im fränkischen Hofheim zieht Rewe vom Ortsrand in die Innenstadt zurück und gibt dafür eine Symbiose mit Aldi auf. Im Zentrum lockte eine Fläche mit 1 500 Quadratmetern, 130 Stellplätzen und der Möglichkeit, ein ungeteiltes Sortiment samt Getränkemarkt einzurichten. Aber das ist nicht alles, auch der demografische Wandel ist ein Argument. „Die Leute werden älter und bevorzugen kürzere Wege“, sagt Pavlovic. Wenn dann in der Nachbarschaft noch Arzt, Apotheke, Sparkasse und Drogeriemarkt sitzen, ist die Stärkung der Ortsmitte so gut wie gelungen.

„Mit unserem Modellprojekt wollen wir Unternehmen wie Aldi, Lidl und Co. zeigen, welches Potenzial sie da eigentlich vor der Haustür haben“, sagt Alexander Reissl, SPD-Fraktionschef in München. © M. Pröck / Presse

„Mit unserem Modellprojekt wollen wir Unternehmen wie Aldi, Lidl und Co. zeigen, welches Potenzial sie da eigentlich vor der Haustür haben“, sagt Alexander Reissl, SPD-Fraktionschef in München. © M. Pröck / Presse

Wie groß aber ist die Konkurrenz durch Amazon? In amerikanischen Großstädten expandiert der weltgrößte Onlinehändler seit 2013 verstärkt mit „Amazon Fresh“, einem Lebensmittel-Lieferdienst, der auch Obst, Gemüse und Aufschnitt im Angebot hat. In Deutschland brachte Amazon im März schon mal „Pantry“ auf den Markt: Für 4,99 Euro Versandgebühr kann der Kunde eine 20-Kilo- Box mit haltbaren Lebensmitteln sowie Drogerie- und Haushaltswaren füllen.

Amazon garantiert eine Lieferung innerhalb von zwei bis drei Tagen. Es ist wohl kein Zufall, dass Rewe fast zur gleichen Zeit einen Lieferservice gestartet hat. „Amazon macht mir keine Angst“, sagt Pavlovic. Und Penny-Manager Götzinger betont: „Das Grundproblem ist die Logistik, und in der sind wir die Experten.“ Klar ist aber auch: Je üblicher die Nahversorgung via Internet wird, desto mehr müssen stationäre Läden den Kunden bieten – wenn sie überleben wollen.

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