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Start-up „Go-PopUp“ – Die Ladenhüter

Sven Straubinger, Dennis Boehres und Patrick Burkert (v. l.) starteten 2013 Go–PopUp. © Dominik Butzmann

Der Marktplatz Go–PopUp bietet rund um den Globus Flächen jeder Größe für einen Tag oder mehrere Wochen an. Und verhilft damit dem stationären Handel zu Agilität und neuer Blüte. Ein Besuch bei den drei Gründern.

Der Wedding kommt! So heißt es seit so vielen Jahren in Berlin, dass der Ausspruch zu einem geflügelten Wort geworden ist. Und in der Tat hat sich in dem gleich oberhalb von Mitte gelegenen traditionellen Arbeiterviertel etwas getan – kulturell und kulinarisch zumindest. Aber im Grunde ist der Wedding ganz der Alte geblieben: Die Mieten sind erschwinglich, die Bevölkerung lebt nicht auf Rosen gebettet und der Handel geht in weiten Teilen als bestenfalls bodenständig durch. Also, wann kommt er denn nun, der Wedding? „Wir wissen es nicht. Aber wenn er kommt, werden wir die Ersten sein, die es mitbekommen“, sagt der Medienwissenschaftler Patrick Burkert, einer der drei Gründer des seit 2013 existierenden Unternehmens Go–PopUp.

Im Kreuzberger Gewerbehof Zossener Straße teilen sich die 20 Mitarbeiter die vierte Etage mit einem anderen Start-up. Das versteigert Kreuzfahrten, weshalb nach jeder Buchung das Läuten einer Schiffsglocke durch das lichte, loftartige Büro dringt. Das passt gut zu den rohen Holzdielen, den schlichten Böcken, auf denen die Schreibtischplatten ruhen, und überhaupt zu der wuseligen Betriebsamkeit an Deck. Von dem siebenstelligen Betrag, den die Jungunternehmer in der jüngsten Investorenrunde eingesammelt haben, ist hier nichts zu sehen. „Das Geld investieren wir in die technische Weiterentwicklung unseres Marktplatzes und weiterer Services sowie in die Internationalisierung“, betont Dennis Boehres, ebenfalls Mitgründer und für Strategie, Vertrieb und Finanzen verantwortlich.

 

Pop into Berlin in Amsterdam: Internationale Kampagne des Tourismusportals Visit Berlin, um junge Marken und Gründer aus der Hauptstadt zu präsentieren. © Arnold van West; Presse

Pop into Berlin: Internationale Kampagne des Tourismusportals Visit Berlin, um junge Marken aus der Hauptstadt zu präsentieren. © Arnold van West; Presse

Jüngster Coup: die Gründung einer internationalen Allianz mit fünf europäischen und asiatischen Marktführern. Dank der Partnerschaft können Kunden nun über die Unternehmenshomepage in den Partnerländern Spanien, Frankreich, Italien, in der Schweiz, in Hongkong sowie den eigenen bestehenden Märkten Deutschland, Österreich und den Niederlanden Pop-up-Stores buchen. Die fünf Mitglieder vereinen über 2 500 verfügbare Pop-up-Store-Flächen für unterschiedlichste Zielgruppen und Budgets in Europa und Asien. Zu den Kunden der Gründungsmitglieder gehören renommierte Namen wie Jaguar, Adidas, Etsy, Groupon, El Ganso, Desigual, Replay, Oakley und Leroy Merlin. „Die Branche boomt und wir spielen vorn mit“, sagt nicht ohne Stolz Sven Straubinger, ebenfalls Gründer und technischer Direktor von Go–PopUp.

Dabei hatte bei Go–PopUp alles ganz spielerisch mit einer App begonnen. Die bauten Patrick Burkert und Sven Straubinger noch zu Unizeiten, weil sie die Idee der Pop-up-Stores mochten und sahen, dass es kein Angebot gab, das eine aktuelle Übersicht bot. Ob des großen Erfolgs der App setzten sie gleich eine Webseite auf und fanden darüber weitere Mitstreiter. So gewann das Ganze, befeuert von der steigenden Nachfrage, immer mehr an Fahrt.

„Die Währung in unserem Geschäft heißt Aufmerksamkeit.“
Patrick Burkert, Mitgründer Go–PopUp

In der Tat wächst der Pop-up-Markt stark, getrieben von On- und Offline-Einzelhändlern und Marken aller Größen. Im europäischen Vorreiterland England beträgt das Wachstum des agilen Retail laut einer Marktstudie 12,3 Prozent, mit einem Umsatz von 2,3 Milliarden Pfund und mehr als 26 000 Beschäftigten allein in Großbritannien. Und nach einer Marktanalyse des Kölner Handelsforschungsinstituts EHI betreibt schon heute jeder zweite der 1 000 größten Onlineshops auch offline Geschäfte – ein großes Potenzial für die temporäre Flächenvermietung. So hat beispielsweise Etsy, eine E-Commerce-Plattform für den Kauf und Verkauf von handgemachten Produkten, Vintageobjekten und Künstlerbedarf, in sechs Metropolen das Projekt „Etsy – Zuhause in deiner Stadt“ lanciert. In von Go–PopUp vermittelten temporären Stores präsentierten die Verkäufer ihre Produkte und luden zum analogen Stöbern und Shoppen ein.

„Die Währung in unserem Geschäft heißt Aufmerksamkeit“, erläutert Patrick Burkert, der zuvor für das Media Innovation Lab von Hubert Burda tätig war. Darum müssen Produkt und Lage zusammenpassen, nicht alles funktioniert überall. Das exakte Targeting der Zielgruppe ist Teil des Geschäftserfolgs; es geht nicht um Masse, sondern um qualitative Frequenz. So entpuppen sich bisweilen C-Lagen als Hidden-Champion-Locations für bestimmte Marken oder Produkte.

Um solche Mikrolagen herauszufiltern, leistet die Webseite von Go–PopUp mehr, als allein die Shops im Portfolio mit Bild, Beschreibung, Flächengröße und Mietpreis aufzuführen. Im Verborgenen arbeitet ein selbstlernendes und sich selbst optimierendes System, das jede Vermietung zur aktiven Marktforschung nutzt. Darum sind alle Objekte mit Sensoren bestückt, die Passantenfrequenz und Storebesuche messen.

Klar zu beziffernde Resultate

Die Matchingergebnisse aus früheren Vermietungen dienen in Kombination mit soziodemografischen Daten des avisierten Publikums als Basis für die Standortbestimmung und Erfolgsvorhersage für künftige Pop-ups. „Insofern verfügen wir nicht allein über ein Bewertungstool für die Nutz- und Ertragsoptimierung von Gewerbeflächen, sondern auch über einen Frühindikator, der Veränderungen in bestimmten Stadtteilen oder Vierteln abbildet“, betont Dennis Boehres. Darum wisse man bei Go–PopUp sehr genau und womöglich früher als andere, sollte der Wedding tatsächlich einmal kommen.

„Treiber im boomenden Markt der Pop-up-Stores ist ganz klar die Nachfrage: Immer mehr Händler und Marken setzen im Ringen um die Aufmerksamkeit der Käufer auf ungewöhnliche Inszenierungen“, erklärt Patrick Burkert. Temporäre Formate seien prädestiniert, um neue Produkte zu testen und besondere Erlebnisse zu schaffen. So bietet Go–PopUp etablierten Brands die Möglichkeit, Einzelhandelsflächen für internationale Roadshows aus einer Hand zu buchen. Aber auch junge Designer und aufstrebende Marken können sich bei geringen Kosten im Markt versuchen, um bei überschaubarem Risiko die Resonanz zu testen und womöglich den Markteintritt zu meistern.

 

Go-Bikini Berlin: Pop-up-Konzept für Berlins bekannteste Concept-Mall mit über 50 aufstrebenden Berliner Brands. © Arnold van West; Presse

Go-Bikini Berlin: Pop-up-Konzept für Berlins bekannteste Concept-Mall mit über 50 aufstrebenden Berliner Brands. © Arnold van West; Presse

Der Service, den Go–PopUp bietet, geht dabei weit über die Vermittlung geeigneter Objekte hinaus. „An allen Standorten verfügen wir über ein Netz von erprobten Dienstleistern. Wir kooperieren mit Werbe- und Eventagenturen, beauftragen aber auch Innenarchitekten, Caterer oder DJs“, erläutert der von der Bundesregierung als „Kultur- und Kreativpilot“ ausgezeichnete Sven Straubinger das modulare System. Am Ende des temporären Mietverhältnisses, das zwischen einem Tag und sechs Monaten währen kann, steht für den Auftraggeber ein klar bezifferbares Ergebnis: Er stellt seine Kosten gegen die von Go–PopUp erfassten Daten und sieht, wie viele Zielgruppenkontakte er am Touchpoint generieren konnte – und kann diese dann zum Abverkauf ins Verhältnis setzen.

Zwischen 150 und 1.000 Euro Festpreis am Tag entrichten Mieter für ihre Gewerbefläche auf Zeit – je nach Größe und Lage. Allein in Berlin verfügt Go–PopUp über 150 Locations und übernimmt für den Besitzer gegen einen Anteil von 20 Prozent an der Miete die Temporärvermarktung des Objekts. „Viele Vermieter sehen das zunächst als Zwischenlösung, bis sie wieder einen langfristigen Mieter finden, merken dann aber, dass sie dank der starken Nachfrage mit unserem Modell höhere Einnahmen erzielen können“, so Dennis Boehres’ Erfahrung. Letztlich böten dauerhafte Kurzzeitvermietungen mehr Kontinuität als häufig wechselnde Dauermieter, die sich am Standort nicht halten können.

Anfragen kaum zu bewältigen

Gleichwohl sind Pop-up-Stores kein Allheilmittel gegen strukturellen Leerstand oder für kriselnde Einkaufsstraßen. „In Kombination mit anderen Maßnahmen können sie aber Veränderungsprozesse unterstützen“, glaubt Boehres, der zuvor zahlreiche Verlage bei der digitalen Transformation ihrer Geschäftsmodelle begleitet hat. Den potenziellen Bedarf an temporären Ladenlokalen schätzt er auf zehn Prozent der vorhandenen Gesamtflächen. Mittlerweile haben sowohl die Handels- als auch die Immobilienbranche gemerkt, was sich da gerade tut. „Anfangs mussten wir noch betteln, um auf Branchenkongressen präsent sein zu dürfen“, erinnert sich Boehres, „heute sind die Anfragen kaum mehr zu bewältigen.“

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