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Nahversorgung: Rettung naht

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Turnschuhe aus der Luft, selbstfahrende Autos, Tante-Emma-Läden ohne Personal: Wer auf dem Land lebt, wird beim Einkauf in den nächsten Jahren einige technische Wunder erleben. Ein Blick in eine nicht allzu ferne Zukunft.

Wenn es um Maßnahmen gegen die Verödung des ländlichen Raums geht, herrscht in Deutschland an gut gemeinten Vorschlägen kein Mangel: Von finanziellen Zuschlägen für Landärzte über die Stärkung der digitalen Infrastruktur durch Breitbandausbau bis hin zur Ansiedlung von Flüchtlingen zirkulieren in der öffentlichen Debatte zahlreiche Ideen, die dem Bevölkerungsverlust in der Provinz entgegenwirken sollen. Tragfähige Konzepte werden dringend gesucht, denn die Aussichten für viele ländliche Regionen in Deutschland sind dramatisch. Nicht nur in einigen seit jeher strukturschwachen Regionen Ostdeutschlands, auch im Westen des Landes – in der Eifel, im nördlichen Hessen, im Saarland oder auch in Teilen Bayerns – droht vielen ländlichen Räumen in den kommenden Jahren durch den demografischen Wandel ein schmerzhafter Exodus.

Fehlende Infrastruktur

Wer in Ortschaften wie Deggenhausertal (Baden-Württemberg), Schinne (Sachsen-Anhalt) oder Borgentreich (Nordrhein-Westfalen) lebt, muss bereits heute auf vieles verzichten, was in größeren Orten selbstverständlich ist. Es fehlt an Kindergärten, Schulen, Freizeitstätten, Ärzten, Zuganschlüssen, Breitbandverbindungen sowie in zunehmendem Maße auch an Einzelhändlern, die zumindest die ortsnahe Grundversorgung sicherstellen. So sind Lebensmittelgeschäfte, vor allem aufgrund der damit verbundenen Personalkosten, heute in kleineren Orten kaum noch rentabel. Überalterung, anhaltende Landflucht, Strukturwandel und die Ausdehnung großflächiger Einzelhandelsbetriebe in den Ober- und Mittelzentren setzen viele Unternehmen in ländlichen Regionen unter erheblichen Wettbewerbsdruck, der in vielen Fällen früher oder später in die Geschäftsaufgabe mündet.

Fest steht bereits heute: Wer die standortnahe Versorgung in der Provinz aufrechterhalten will, muss sich von traditionellen Einzelhandelskonzepten verabschieden und technologisch neue Wege gehen. Das handelsjournal hat einige Zukunftskonzepte für ländliche Regionen unter die Lupe genommen.

 

© N. Wolff / Fotoetage

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Vom Himmel hoch

Wozu bedarf es noch eines Dorfladens oder eines Lieferwagens, wenn Güter des täglichen Bedarfs zu weit geringeren Kosten auch per Drohne angeliefert werden? Kunden könnten die Waren im Internet bestellen und sie sich per Fluggerät in ihren Garten oder an einen zentralen Abholpunkt im Ort anliefern lassen. Zu den Pionieren dieser Idee zählt der US-Versandhändler Amazon, dessen Chef Jeff Bezos die individuelle Kundenbelieferung auf dem Luftweg per Drohne als einen zukunftsträchtigen Vertriebskanal betrachtet. Unter dem Projektnamen Prima Air bastelt das Unternehmen seit Längerem an Fluggeräten für Warentransporte. Die bisher entwickelten Prototypen haben einen Radius von 24 Kilometern, fliegen in einer Höhe von bis zu 120 Metern und können angeblich sogar anderen Flugobjekten ausweichen.

Ein im Internet zu sehender Amazon-Clip zeigt eine Drohne, die ein neues Paar Fußballschuhe kurz vor einem Spiel an eine Familie ausliefert. Das Paket wird nahezu punktgenau auf einem kleinen Landeplatz im Garten des Kunden abgesetzt. Der US-Versandhändler ist mit diesem Forschungsprojekt längst nicht mehr allein. Unternehmen wie Walmart und die Deutsche Post forschen ebenso intensiv an Lieferstrategien mit Drohnen. Amazon prophezeit, der Anblick von Lieferdrohnen werde ebenso normal werden wie der des Postwagens. Wann das sein wird, lässt Amazon aber offen.

Fazit: Die Technologie ist vorhanden, doch zentrale Sicherheitsfragen sind ungeklärt. Vor allem die Luftsicherheitsbehörden haben erhebliche Bedenken.

 

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Drive my car

Das Auto aus der Garage holen, losfahren, vor dem Supermarkt einparken, einkaufen, einladen, zurückfahren: Solche zeitraubenden Aktivitäten könnten der Vergangenheit angehören, wenn ein Teil des Einkaufs künftig von selbstfahrenden Autos übernommen wird. Der Kunde übermittelt dem Händler seine Warenbestellung per Smartphone, sein Auto fährt selbstständig zum Geschäft, der Händler befüllt das Auto mit den bestellten Waren und das selbstfahrende Auto kehrt zurück. Der Kunde muss nur noch ausladen und die Ware ins Haus tragen. Für Michael Reink, Bereichsleiter Standort- und Verkehrspolitik beim HDE, ist diese Art des Einkaufs alles andere als Science-Fiction: „Selbstfahrende Autos könnten schon in wenigen Jahren zum Alltag gehören. Wenn sie auf diese Weise auch allein den Lebensmitteleinkauf erledigen, bedeutet das für die Kunden eine erhebliche Entlastung und Zeitersparnis“, glaubt der Experte.

In der Tat ist die Technologie selbstfahrender Autos inzwischen erstaunlich ausgereift: Autobauer wie Daimler haben erhebliche Summen in Forschung und Entwicklung investiert und verfügen mittlerweile über marktreife Prototypen. Bei Ford ist man der Ansicht, dass selbstfahrende Autos bereits zum Ende des Jahrzehnts auf den Straßen unterwegs sein könnten. Und auch die Bundesregierung ist überzeugt, dass die Zukunft dem vernetzten und automatisierten Fahren gehört.

Fazit: Die Technologie selbstfahrender Autos steht vor der Marktreife. Inwieweit Verbraucher sie auch für ihre täglichen Einkäufe nutzen werden, wird sich zeigen.

 

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Warten auf den Tiefkühlmann

Sie sind kein Ausdruck digitaler Revolution, sondern eher ein Relikt des 20. Jahrhunderts: Bäcker- und Metzgerwagen, Tiefkühlbringdienste und rollende Supermärkte, deren Ankunft auf dem Land und in kleineren Ortschaften am Vormittag oft schon sehnsüchtig erwartet wird. Vieles spricht dafür, dass diese Form der Versorgung künftig keineswegs aussterben, sondern sich weiter professionalisieren und differenzieren wird. Neben Lebensmittelbringdiensten, die im ländlichen Raum wachsende Versorgungslücken schließen, sind andere Angebote, wie etwa rollende Arztpraxen, denkbar, die die medizinische Grundversorgung der weniger mobilen Generation gewährleisten.

Die mobilen Lieferdienste haben gegenüber den digitalen Versorgungskonzepten einen wichtigen Vorzug: Sie ermöglichen einen sozialen Kontakt, der insbesondere von alten und allein lebenden Menschen geschätzt wird. „Wir wissen aus Untersuchungen, dass alte Menschen häufiger einkaufen als jüngere, weil sie Kommunikation und Begegnung suchen“, berichtet HDE-Verkehrsexperte Michael Reink. Laut einer Studie der Firma Eismann Tiefkühl-Heimservice schätzt jeder fünfte Lieferdienstkunde (21 Prozent) den damit verbundenen persönlichen Kontakt, da die Befragten nicht allzu häufig Besuch bekommen.

Fazit: Auf dem Land stehen Lieferdienste für Kommunikation und Begegnung. Wer alt und allein ist, wird sich mit Drohnen, Selbstfahrerautos und Handy-Scannern (s.u.) kaum anfreunden.

 

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Digitale Selbstbedienung

Im Lebensmittelgeschäft von Robert Ilijason ist das Personal entbehrlich geworden. Die Kunden seines kleinen Ladens in einer ländlichen 4 200-Einwohner-Gemeinde in Schweden müssen sich lediglich registrieren und eine App herunterladen, um mit einer Fingerbewegung Zutritt zu dem Geschäft zu erhalten. Die anschließend gekaufte Ware wird mit einem Handy-Scanner erfasst. Die Zahlung erfolgt über ein in Schweden einheitliches Programm zur Identifikation von Bankkunden, das auch die Kunden in Ilijasons Laden erkennt. Der IT-Experte entwickelte das Konzept angesichts der Unterversorgung mit stationären Geschäften in der dünn besiedelten Region. Sein eigener Laden, in dem sechs Überwachungskameras für Sicherheit sorgen sollen, ist anders als andere Geschäfte rund um die Uhr geöffnet.

Das kostengünstige, weil ohne Lohnkosten funktionierende Konzept lasse sich in vielen kleineren Ortschaften verwirklichen, glaubt Ilijason, der mit dieser Idee lediglich aktuelle Trends im Handel weiterentwickelt hat. Denn der zunehmende Einsatz von Selbstbedienungskassen stößt auch unter deutschen Verbrauchern auf wachsende Akzeptanz. Angesichts dieser Erfahrungen lassen sich technische Lösungen für Selbstbedienungsgeschäfte ohne Personal noch erheblich ausbauen.

Fazit: Technisch machbar, aber das Thema Sicherheit bleibt problematisch. Ladendiebstahl und andere strafbare Delikte sind ohne Personal trotz Kameras und Registrierung nicht vollständig zu vermeiden.

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