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Gratis kommt nicht in die Tüte

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Das Zeitalter der kostenlosen Plastiktüten geht zu Ende. Die freiwillige Vereinbarung des Handels zur Reduzierung der Kunststofftaschen kann bereits vor dem offiziellen Start erste Erfolge vorweisen. Das ist gut für Mensch und Umwelt.

Gewohnheiten zu verändern, ist gar nicht so schwierig. Mitunter genügt schon die Aussicht, etwas Kleingeld zu sparen, um ein eingeübtes Verhalten aufzugeben. Seit Deutschlands Verbraucher für ihre Plastiktüten ein wenig in die Tasche greifen müssen, ist ihnen die Lust auf diese Bequemlichkeit ziemlich vergangen. Einen Rückgang der Tütennachfrage um rund 50 Prozent registriert etwa der Textilhändler C&A, seit er in seinen Filialen für Plastiktüten 20 Cent verlangt. „Wir haben in unseren Geschäften und im Internet darauf hingewiesen. Verbraucher, die vorinformiert waren, haben in der Regel verständnisvoll reagiert. Allenfalls bei Kunden, die für einen größeren Betrag einkaufen, besteht mitunter Erklärungsbedarf “, berichtet Unternehmenssprecher Thorsten Rolfes.

C&A ist mit dieser Entscheidung in guter Gesellschaft. 299 Handelsunternehmen haben sich für eine ähnliche Strategie entschieden. Hintergrund ist der im April von Handel und Bundesumweltministerium beschlossene Aktionsplan, der die Zahl von Kunststofftüten deutlich reduzieren soll. Die von Umweltministerin Barbara Hendricks und HDE-Präsident Josef Sanktjohanser unterzeichnete Vereinbarung sieht vor, dass innerhalb von zwei Jahren 80 Prozent aller Kunststofftüten nur noch kostenpflichtig abgegeben werden. Eine Firma wie Rewe geht sogar noch weiter und wird, außer an der Obst- und Gemüsetheke, künftig gar keine Plastiktüten mehr anbieten.

„Die 299 Unternehmen, die sich zum Start beteiligen, stehen für über 60 Prozent aller Tüten im Handel.“ HDE-Präsident Josef Sanktjohanser

Damit soll einer EU-Norm entsprochen werden, laut der der Verbrauch von sogenannten leichten Kunststofftragetaschen bis Ende 2019 auf höchstens 90 Stück und bis Ende 2025 auf höchstens 40 Stück pro Einwohner und Jahr zu verringern ist. In Deutschland liegt der Verbrauch zurzeit bei 71 Stück pro Person und Jahr. Die Bereitschaft des Handels zur Unterstützung dieses Ziels ist groß: Die 299 Unternehmen, die bisher der Vereinbarung beigetreten sind, wollen spätestens Anfang Juli Plastiktüten nur noch gegen ein Entgelt abgeben. Die Höhe der Gebühr bestimmen die Unternehmen selbst. Dünnere Tüten, etwa für Obst, bleiben kostenfrei.

Der HDE-Präsident zeigt sich zuversichtlich, die vereinbarte Zielquote von 80 Prozent aller Kunststofftüten binnen der kommenden zwei Jahre zu erreichen: „Der Handel steht bereit, einen Beitrag zum Umwelt- und Ressourcenschutz zu leisten. Die 299 Unternehmen, die sich zum Start beteiligen, stehen für über 60 Prozent aller Tüten im Handel“, betont Sanktjohanser.

Verbraucher zeigen Verständnis

Aufgrund der Freiwilligkeit der Vereinbarung steht der Handel bei diesem Thema jedoch vorerst auf dem Prüfstand. Nach zwei Jahren kontrolliert das Bundesumweltministerium, ob das langfristige Reduktionsziel der EU-Richtlinie erreicht werden kann. Sollte das nicht der Fall sein, kann das Ministerium die Vereinbarung kündigen und eine ordnungsrechtliche Maßnahme einleiten. Der Handel hat sich verpflichtet, einen jährlichen unabhängigen Monitoringbericht zum Stand der Initiative vorzulegen. „Wir werden genau hinschauen, wie gut die Vereinbarung umgesetzt wird“, mahnte Umweltministerin Hendricks bei der Unterzeichnung in Berlin. Allerdings steht gegenwärtig kaum zu erwarten, dass die Initiative ihre Ziele verfehlt.

Nicht nur bei C&A, auch in anderen Handelsunternehmen, die in den vergangenen Wochen und Monaten Gebühren für ihre Plastiktüten eingeführt haben, sind die Reaktionen weitgehend positiv. Bei Media Markt und Saturn, die die Vereinbarung bereits Ende 2015 unterzeichneten, ergab ein Probelauf in Testmärkten erfreuliche Resultate: „Der Verbrauch hat sich um mehr als 80 Prozent reduziert. Seitens der Kunden haben wir sehr positives Feedback erhalten“, berichtet eine Unternehmenssprecherin. Aus diesem Grund verkaufen mittlerweile alle Saturn- und Media-Märkte in Deutschland Plastiktüten ausschließlich gegen Gebühr. An den Kassen sind sie nur noch auf Nachfrage erhältlich; die Preise liegen je nach Tütengröße zwischen fünf und 50 Cent.

„Intern gab es bei uns im Vorfeld durchaus kritische Stimmen, die fürchteten, dass Kunden die kostenpflichtigen Tüten nicht annehmen werden und daher wegbleiben könnten“, berichtet hingegen Andreas Bartmann. Doch der Globetrotter-Geschäftsführer kann mittlerweile Entwarnung geben: „Unsere Kunden akzeptieren den Schritt, und wir haben erreicht, was wir wollten: Der Plastiktütenverbrauch sank schon in den ersten Wochen der Maßnahme um weit über die Hälfte.“

Die hohe Bereitschaft zur Akzeptanz der neuen Plastiktütenpreise (zwischen zehn und 20 Cent) haben die Globetrotter durch ein Aktionsangebot befördert: Wiederverwendbare Taschen aus recyceltem Kunststoff kosten nur noch einen Euro. „Seither haben wir in einem Monat mehr wiederverwendbare Tüten ausgegeben als zuvor im ganzen Jahr 2015“, erzählt Bartmann. Es sei zwar ein Umstellungsprozess, auf die bequeme Wegwerftüte zu verzichten und stattdessen den langlebigen, ressourcenschonenderen Globetrotter-Beutel griffbereit mitzuführen. „Doch man gewöhnt sich daran“, beschreibt Bartmann seinen Selbstversuch.

Kommunikative Begleitung

Umfragen haben gezeigt, dass die Mehrheit der Bürger zustimmend oder verständnisvoll auf das Ende der Gratiskultur reagiert. So etwa auch die Kunden von Tchibo. „90 Prozent unserer Kunden sind positiv gestimmt. Die meisten kennen eine solche Gebühr ja bereits aus dem Supermarkt“, berichtet Tchibo-Sprecherin Sandra Coy. Seit die Tüten in den Filialen 20 Cent kosten, sank die Nachfrage gegenüber dem Vorjahreszeitraum um rund 70 Prozent.

Galeria Kaufhof hat am 2. Mai die Bezahlpflicht für Plastiktüten eingeführt. „Wir beobachten, dass die überwiegende Mehrheit unserer Kunden diesen Schritt positiv bewertet“, erklärt Pressesprecher Steffen Kern. Kleine und mittlere Plastiktüten kosten zehn Cent, große Tüten 25 Cent. Darüber hinaus wird es zukünftig Mehrwegtragetaschen (für 1,50 Euro pro Stück) und in begrenztem Umfang kostenlose Papiertüten geben. Alle Tragetaschen bei Galeria Kaufhof seien aus umweltfreundlichem und zertifiziertem Material, betont Kern: „Wir sind sicher, mit dieser Regelung einen wichtigen Beitrag zur nachhaltigen Reduzierung des Plastiktütenverbrauchs in Deutschland zu leisten.“

 

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