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Ladenbau: Atmosphäre ist alles

© Constantin Meyer/REWELadenbau Rewe Richrath

Was früher edlen Boutiquen vorbehalten war, erwarten Kunden heute auch im Supermarkt: Aufenthaltsqualität und Wareninszenierung. Über modernes Store Design zwischen individuellem Anspruch und gestalteter Wirklichkeit.

Der Ladenbau gehört zu jenen Gewerken im Einzelhandel, die unter dem Druck der fortschreitenden Digitalisierung offenkundig zu neuer Höchstform auflaufen. Die Branche ist guter Dinge: Knapp 75 Prozent aller Ladenbaufirmen melden Zuwächse und erwarten auch für die kommenden Monate eine stabile Auftragslage. Die Gründe für diesen Boom liegen auf der Hand: So verzeichnet der Einzelhandel das stärkste Umsatzwachstum seit mehr als 20 Jahren, das indes nicht allein dem nach wie vor rasant wachsenden Internethandel zu verdanken ist, sondern auch den stationären Akteuren. Sie investieren zurzeit auf breiter Basis in die technologische Um- und Aufrüstung ihrer Standorte und verbinden diese Maßnahmen nicht selten mit einer grundlegenden Modernisierung und Erweiterung der Verkaufsflächen. Wo früher Zweckmäßigkeit und Effizienz den Ton angaben, geht es heute um „die drei großen A“ des Store Designs: Atmosphäre, Aufenthaltsqualität, Attraktivität.

Dass diese Vorzüge nicht mehr das Privileg hochpreisiger Boutiquen sind, sondern auch als Maßstab bei Einrichtung und Gestaltung von Supermärkten und Bäckereien dienen, deutet auf einen Wandel hin, den man mit „Demokratisierung gehobener Einkaufskultur“ beschreiben könnte. So zeigt sich gerade im Lebensmitteleinzelhandel, dass die allein auf aggressive Preispolitik setzenden, pragmatisch eingerichteten Discounter seit einer Weile stagnieren, während Supermärkte, die auf Service, individuelle Auswahl und Verweilangebote setzen, wachsenden Zuspruch verzeichnen. Die Gründe, so vermutet Wolfgang Adlwarth von der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK), lägen in dem gestiegenen Qualitätsbewusstsein der Verbraucher. Und das beeinflussen auch Faktoren wie Architektur, Gestaltung und Einrichtung der Geschäfte.

Diese Sensibilität für die sogenannten „Soft Skills“ bringt auf der Fläche auch neue Allianzen hervor: So öffnet sich der vormals blickdicht abgeschottete Supermarkt mithilfe gastronomischer Angebote und Veranstaltungsformate wie Weinproben oder Kochevents zur Stadt, während der Modehändler die Präsentation seiner neuen Saisonkollektion wie eine Vernissage feiert, bei der auch die lokale Kunstszene eingebunden ist. Die Bühne dafür bereitet der Ladenbau.

 

© Constantin Meyer / REWE

© Constantin Meyer / REWE

 

Licht an: Rewe Richrath, Kölner Opern Passagen

Architekt/Innenarchitekt: Aal Design, Essen
Ladenbau: Ladenbau Adolf Rademacher GmbH, Gelsenkirchen

Die 1964 eröffneten Kölner Opern Passagen sind ein gelungenes architektonisches Beispiel der Nachkriegsmoderne. Dank ihrer zentralen Lage zwischen Oper und Fußgängerzone kommt dieser eingeführten Einkaufsadresse eine doppelte Funktion zu: Ihre straßenseitigen, großzügig verglasten Ladenflächen sind integraler Bestandteil eines vitalen und abwechslungsreichen Einzelhandelsquartiers und stehen in einem symbiotischen Wechselverhältnis mit diesem städtischen Raum; zugleich muss die Laufkundschaft auch nach innen gelockt werden, wo ein exzellenter Branchenmix mit Marken wie Bechstein, Villeroy & Boch sowie führenden Modelabels aufwartet.

An diesem prominenten Standort eröffnete Rewe Richrath einen innerstädtischen Lebensmittelmarkt, der beweist, dass sich selbst ein ortloses Handelsformat wie das Vollsortiment standortspezifisch urbanisieren lässt. Die 1 600 Quadratmeter Verkaufsfläche, verteilt auf Erdgeschoss und Untergeschoss, werden um einen 400 Quadratmeter großen Gastronomiebereich ergänzt, der die gesamte geschosshoch verglaste Front direkt an der Straße einnimmt und dem Lebensmittelmarkt wie ein einladendes Lokal vorgelagert ist. Dass die Verkaufsbereiche diesen atmosphärischen Auftakt fortschreiben können, ist nicht nur der großzügigen Aufteilung der Fläche selbst zu verdanken. Vor allem das differenzierte Beleuchtungskonzept trägt dazu bei, den Raum in distinkte Bereiche zu gliedern, die mit jeweils eigener Lichtstimmung sowohl den dort präsentierten Waren als auch dem Wunsch nach Abwechslung gerecht werden.

Anstelle einer diffusen Allgemeinbeleuchtung gibt es sortimentsspezifische Lichtfarben. Vertikale Flächen werden über Wandfluter betont, während LED-Spots gezielte Pointen setzen und die jeweils gewählten Requisiten bestens zur Geltung kommen lassen. Für die Obst- und Gemüseabteilung, die dank ihrer Lage im Erdgeschoss auch vom Tageslicht profitiert, wurde mit 2 700 Kelvin eine warme Lichtfarbe gewählt, während die Feinfrostabteilung im Untergeschoss in einer fast polarlichthaften, kühlen Stimmung erscheint. Um die Farbe der Weine und der Etiketten in Szene zu setzen, wurde für die gut sortierte Weinabteilung im Untergeschoss eine 3 000-K-Beleuchtung gewählt, die eine optimale Farbwiedergabe garantiert. Und überall dort, wo Orientierung und Überblick gefragt sind, wird die Beleuchtung von zusätzlichen Details, wie abgehängten weißen Deckenelementen, unterstützt.

 

© Ippolito Fleitz Group

© Ippolito Fleitz Group

 

Blickfang: Bolon Flagship Store, Shanghai

Architekt: Ippolito Fleitz Group, Stuttgart
Lichtdesign: Pfarré Lighting Design, München

Aus Sicht des Ladenbaus sind Brillen schon aufgrund ihrer gleichförmigen, zerbrechlichen Beschaffenheit und geringen Größe eine recht undankbare Warengattung. Gegen eine allzu verspielte Inszenierung spricht zudem das seriöse Produktversprechen als augenärztlich verordnete Sehhilfe, wenngleich ihre Karriere als Trendaccessoire nicht erst mit der Ray-Ban-Sonnenbrille begann. Doch in dieser Weise gefangen zwischen den Kategorien Medizin und Mode, ist auch das Store Design im Optiksortiment.

So erwartet der Kunde, der sich einem Optiker anvertraut, zum einen technische Präzision, gestalterische Qualität und professionelle Kompetenz, zum anderen möchte er sich bei der Auswahl einer Brille auch modisch gut aufgehoben wissen. Angesichts dieser komplexen Ansprüche gehört die Gestaltung von Optikerfachgeschäften zu den anspruchsvollsten Aufgaben des Ladenbaus. Kommt die Aufforderung „Flagship Store“ noch als zusätzliche Erwartung dazu, wird es spannend, gilt es doch, eine Marke unverwechselbar in Szene zu setzen. So gesehen, ist der Flagship Store von Bolon, dem größten Brillenproduzenten Chinas, der kürzlich in Shanghai eröffnet wurde, ein gelungenes Beispiel für die Überführung einer Markenidentität in einen konkreten räumlichen Zusammenhang. Bolon als drittgrößter Hersteller von Sonnenbrillen weltweit muss den Ansprüchen einer zwar konvergierenden, in ihren Designpräferenzen gleichwohl noch unterschiedlichen Kundschaft im Westen und in Asien gerecht werden. Es galt daher, dieses Selbstverständnis auch in einem Store Design zum Ausdruck zu bringen, das so etwas wie einen gemeinsamen Nenner findet.

Bei der Gestaltung der nur 97 Quadratmeter großen Verkaufsfläche spielt der differenzierte Einsatz von Licht eine große Rolle. Die fragile Ware wird nicht als Gesamtheit inszeniert, sondern als Auftritt von Einzelstücken. Dafür entwickelten die Architekten eine Präsentationsebene, die mit sogenannten „Display Fins“ jedem Brillengestell eine kleine, perfekt ausgeleuchtete Bühne verschafft. Im weißen Steinzeugboden spiegelt sich eine goldene Decke; außerdem gibt es einen golden schimmernden Vintageteppich, der zusammen mit den beleuchteten Nischen und einem zentral platzierten, futuristisch anmutenden Möbelelement dem kabinettartigen Raum eine fast märchenhafte Aura verleiht.

 

© Blocher Blocher Partner

© Blocher Blocher Partner

 

Platzhirsch: Modehaus Garhammer, Waldkirchen

Architektur und Ladenbau: Blocher Blocher

Waldkirchen mit seinen gut 10 000 Einwohnern ist eine kleine Gemeinde im östlichen Niederbayern. Metropolentaugliches Store Design würde man in dem verwinkelten Ort mit seinen Gassen und Blumenfenstern nicht vermuten. Doch es ist hier zu Hause. Und zwar im Modehaus Garhammer, das allen Abgesängen auf den inhabergeführten Modehandel nicht nur trotzt, sondern beweist, welche anhaltend starke Zugkraft stationäre Konzepte auf der Höhe der Zeit entfalten können. Vielfach ausgezeichnet, verknüpft der 1876 gegründete, familiengeführte Traditionsbetrieb seine regionale Verwurzelung geschickt mit Weltläufigkeit und Stil, insbesondere im Hinblick auf Architektur und Städtebau.

Denn Garhammer ist nicht nur eines der wichtigsten Wirtschaftsunternehmen vor Ort; dank seiner Lage direkt am Marktplatz prägt das Geschäft auch das Gesicht von Waldkirchen selbst. Die vor vier Jahren in Angriff genommenen Umbau- und Erweiterungsmaßnahmen erforderten daher nicht nur planerisches Geschick sowie Sensibilität im Umgang mit denkmalgeschützter historischer Bausubstanz. In drei Bauabschnitten wurde der Stammsitz modernisiert und um einen 2 500 Quadratmeter großen Neubau ergänzt, der nun zusammen mit dem Altbau und der integrierten historischen Stadtmauer einen beträchtlichen Teil des örtlichen Marktplatzes prägt. Dieser Lage trägt auch die Öffnung des Erdgeschosses zum Markt Rechnung: Hier bildet ein Café sozusagen den gastronomischen Vorposten. Die insgesamt 9 000 Quadratmeter Verkaufsfläche verteilen sich auf vier Etagen, die nicht in der üblichen Stockwerksstruktur gehalten sind, sondern in Split-Level-Bauweise ein sehr abwechslungsreiches Gefüge aus versetzten, vielfältig miteinander verschalteten Ebenen bilden. Diese Architektur versteht sich nicht ganz zufällig als Reprise der Topografie des Ortes selbst, der mit seinen Plätzen, Gässchen, abschüssigen Straßen und Staffeln aus dem Modellbaukasten der bayerischen Bautradition zu stammen scheint.

Ganz und gar nicht traditionell gibt sich indes das Store Design, das zu einer Customer Journey durch die weite Welt einlädt. Ob Baumhäuser in der Kinderabteilung, die korrodierten Metalloberflächen beim jungen Design, Goldtapeten oder die indonesischen Bleche in der Wäscheabteilung – die Auswahl sämtlicher Materialien zeugt vom hohen Qualitätsanspruch der Unternehmer. So gesehen, ist es auch keine Überraschung, dass das hauseigene Restaurant „Johanns“ im verglasten Dachgeschoss einen Michelin-Stern führt.

 

© Dittel Architekten GmbH

© Dittel Architekten GmbH

 

Gut durchgebacken: Pano im Gerber, Stuttgart

Architekt: Dittel Architekten, Stuttgart/Berlin

Eine Bäckerei, zumal eine, die Handwerkstradition und regionale Verwurzelung für sich reklamiert, gilt gemeinhin nicht gerade als konzeptionelles Experimentierfeld. Das Bäckerhandwerk ist praktisch ein Synonym für Beständigkeit. Leider sehen gerade deshalb viele Bäckereien aus wie die Wurzelholzstube vom Heimatverein: Die gut gemeinte Rustikalität gewürfelter Tischdecken ist der vielerorts vorherrschende Einrichtungsstandard in dieser Branche. Doch ausgerechnet die Städter haben die Bäckerei nicht nur als aussterbende Gattung entdeckt, sondern sie auch als Ort von Genuss und Handwerkskunst gleichermaßen rehabilitiert.

Schön zu sehen ist dies am Beispiel der aus Ravensburg stammenden Kette Pano, die vor allem in Süddeutschland mit ihrem Hybridkonzept aus wohlverstandener Handwerkstradition und urbaner Gastronomie erfolgreich ist. Für ihre Filialen kommen nur beste innerstädtische Lagen infrage – wie im Stuttgarter Einkaufszentrum Gerber. Auf einer Fläche von 225 Quadratmetern entstand ein Geschäft, das einerseits ganz klassisch Backwaren verkauft, die von geprüften Bäckern und Konditoren traditionell aus biologisch einwandfreien Zutaten hergestellt werden, sich andererseits als Bistro und Speiselokal versteht. Der weitläufige Gastraum bietet 92 Plätze und zeichnet sich durch eine räumliche Verzahnung von Warenangebot und gastronomischem Service aus. Ganz egal, ob jemand einen Espresso zwischendurch braucht, mit der Tagespresse im Sessel versinken will oder in Gesellschaft am Kamin verweilen möchte – für all diese Bedürfnisse ist hier Platz. Dem Qualitätsanspruch der Betreiber entspricht auch die Materialauswahl der Einrichtung. Massive Eiche, handgenähte Echtlederpolster und italienische Bodenfliesen bilden den Rahmen einer räumlichen Inszenierung, in der ein fünf Meter langer Tisch vor einem wandhohen Holzregal das Zentrum bildet.

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