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Integration im Handel: Hilfe trägt Früchte

© Rudolf Wichert

Zwei, die sich verstehen: Hamdoun El Houssaini (l.) zeigt seinem Praktikanten Jouma Al Isa, wie Waren attraktiv inszeniert werden.

Regale einräumen, Salate anrichten, Einkäufe zum Auto tragen: Der Syrer Jouma Al Isa hat viel zu tun, seit ihn die Flucht vor dem Krieg nach Königstein im Taunus geführt hat. Er arbeitet als Praktikant im Obst-Eck von Hamdoun El Houssaini.

Es ist ein langer Weg von Aleppo in Syrien bis nach Königstein im Taunus. Dazwischen liegen Welten. Jouma Al Isa hat ihn auf sich genommen, auf der Flucht vor dem Krieg in seiner Heimat und auf der Suche nach einer Zukunft in der Fremde. Die Route, die der 36-Jährige nahm, klingt aus den Nachrichten hierzulande schon fast so geläufig wie eine Streckenbeschreibung zwischen Kamener Kreuz und Autobahndreieck Werder. Erster Stopp: Aufnahmelager in der Türkei. Dann mit dem Schiff nach Griechenland, weiter im Schleppertreck über den inneren Balkan (Mazedonien, Serbien) und Ungarn nach Österreich. „Es war schlimm“, beschreibt der Syrer seine Erfahrungen knapp, „wir haben sehr gelitten und in überfüllten Zelten oder unter freiem Himmel campiert.“ Was blieb ihm von der Reise besonders in Erinnerung? Ungarn, sagt er und nicht mehr dazu, so als könne man sich den Rest schon vorstellen.

Im November 2015 endete die monatelange Flucht des ehemaligen Hühnerfarmarbeiters Jouma Al Isa schließlich in Hessen, Hochtaunuskreis, einer der exklusivsten Wohngegenden Deutschlands. Er ist einer von 123 Flüchtlingen in der Innenstadt von Königstein, teilt sich mit zwei Landsleuten ein Hotelzimmer und steht vor der Frage, wie sich ein ungelernter Mann aus Vorderasien ohne englische oder deutsche Sprachkenntnisse hier ein neues Leben aufbauen könnte. „Der Wille muss da sein“, sagt Hamdoun El Houssaini. „Als ich 1979 nach Deutschland gekommen bin, konnte ich auch kein Deutsch.“ Der zupackende Marokkaner hat Hocharabisch in der Schule gelernt. Das ist lange her, El Houssaini ist 62 Jahre alt. Doch was der Händler behalten hat, reicht aus, um sich mit Jouma Al Isa verständigen und für ihn ein bisschen übersetzen zu können. „Wir verstehen uns schon“, sagt er.

Neuanfang im Obst-Eck

Die Hauptstraße führt mitten durch Königstein. Bei Hausnummer 25 schließt Hamdoun El Houssaini sechsmal in der Woche morgens um sieben Uhr „Die neue Obst-Ecke“ auf. Neu daran ist, dass El Houssaini kürzlich aus seinem angestammten Eckladen ein paar Meter die Straße herunter in ein größeres Geschäft gezogen ist. Er konnte Hilfe beim Umzug sowie bei der Bewältigung der wachsenden Aufgaben gebrauchen: Sein Geschäft bietet jetzt Platz für eine Frischetheke. So kreuzten sich also im Februar die Wege des gebürtigen Marokkaners und des syrischen Kriegsflüchtlings in der heilklimatischen Kurstadt zwischen Oberursel und Kronberg.

Die Begegnung war kein Zufall, sondern ist dem Wirken der ehrenamtlich engagierten Bürger im örtlichen Freundeskreis Asyl zu verdanken. Sie bahnten das Praktikum im Laden an, und sie organisieren den Deutschunterricht, den Jouma Al Isa an zwei Tagen in der Woche besucht. „Jouma hat uns beim Umzug viel geholfen“, berichtet Hamdoun El Houssaini und bescheinigt seinem Praktikanten, sich „gut zu machen“. Auf 85 Quadratmetern stellt sein Laden Obst und Gemüse, Smoothies und Marmeladen aus eigener Produktion sowie marokkanische Feinkost zur Auswahl. Der Kaffee ist fair gehandelt, die Eier stammen aus Freilandhaltung und die Rindswurst aus Frankfurt.

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Die zahlungskräftige Kundschaft in Königstein erwartet adrett gepflegte Auslagen und appetitlich angerichtete Speisen. „Wir bieten Salate an, Jouma schnippelt dafür in der Küche das Obst. Er räumt Regale ein und trägt Kunden ihre Einkäufe zum Auto“, erzählt der Ladeninhaber, der auf die Dienste seiner syrischen Hilfskraft künftig nicht mehr verzichten mag. Höchstes Lob vom Chef: „Er ist engagiert. Der Wille ist da!“, sagt El Houssaini.

Jouma Al Isa trägt seine rote Arbeitsschürze im Obst-Eck sichtlich gern. Vielleicht lenkt ihn der geschäftige Alltag ein wenig ab von der täglichen Sorge um seine Familie. Nachdem Jouma in Deutschland Asyl gewährt worden war, machten sich seine Frau und die vier Kinder – das jüngste drei, das älteste zehn Jahre alt – auch auf den Weg weit weg von der Front. Sie leben derzeit in einem türkischen Aufnahmelager und warten auf das Signal zur Weiterreise, erzählt Al Isa. Sie haben jetzt ein Ziel. Hamdoun El Houssaini will den Syrer als Aushilfe anstellen, der Kreis der Flüchtlingshelfer kümmert sich schon um die Arbeitserlaubnis. „Ich wurde gefragt und habe den Versuch gewagt, einen Flüchtling zu beschäftigen“, erzählt der Händler. „Es hat sich gelohnt.“ In diesen Tagen werden weitere 215 Flüchtlinge in Königstein erwartet.

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