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Digitalisierung: Virtuelle Kakaoplantage

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Das Rausch-Stammgeschäft in Berlin. © Rausch / Presse

Die Schokoladenmanufaktur Rausch am Berliner Gendarmenmarkt lockt jährlich rund eine Million Besucher an. Chef Robert Rausch will seine Ware künftig multimedial in Szene setzen – und online vertreiben.

Kakaoproduktion kann ein mühsames Geschäft sein. Etwa auf einigen Inseln in der Karibik, wo die örtlichen Lokalpolitiker von ihren deutschen Geschäftspartnern schon mal mit einem fabrikneuen Mercedes beschenkt werden wollen, bevor ein Vertrag unterschrieben werden kann. Robert Rausch, Geschäftsführer der Berliner Schokoladenmanufaktur Rausch, kennt solche Gepflogenheiten zur Genüge. Der Unternehmer ist viel in der Region unterwegs, um auf Inseln wie Grenada oder Trinidad Natur und Böden zu inspizieren, die die Vorprodukte für seine Plantagenschokolade liefern.

Die Plantage, die das Traditionsunternehmen unlängst erworben hat, befindet sich angesichts der eigenwilligen Geschäftsusancen mancher Insulaner nicht auf einer Karibikinsel, sondern im mittelamerikanischen Musterstaat Costa Rica. Das 350 Hektar große Gelände bietet Platz für 20 000 Kakaobäume, die ohne Rodungen umweltverträglich direkt in den dortigen Regenwald gepflanzt wurden. „Anders als handelsüblicher Konsumkakao, der meist aus afrikanischen Ländern stammt, benötigt Edelkakao hinsichtlich Klima und Bodenbeschaffenheit spezielle Voraussetzungen. Er wächst nur in Äquatornähe, als Monokultur gedeiht er überhaupt nicht“, erläutert Rausch.

Mit seinem Bekenntnis zu hochwertigem Kakao will Rausch künftig vor allem im Internet glänzen. Im September des vergangenen Jahres hat sich die Premiummarke komplett aus dem Lebensmitteleinzelhandel zurückgezogen. Das Unternehmen baut seinen Vertrieb radikal um. Der Verkauf soll künftig nur noch online, über ein neu aufgebautes Callcenter sowie über Rauschs Schokoladenkaufhaus am Berliner Gendarmenmarkt abgewickelt werden.

Jürgen Rausch und Sohn Robert führen den Berliner Schokoladenbetrieb mittlerweile in vierter und fünfter Generation. © Rausch / Presse

Jürgen Rausch und Sohn Robert führen den Berliner Schokoladenbetrieb mittlerweile in vierter und fünfter Generation. © Rausch / Presse

Der radikale Kurswechsel sorgte bei vielen Einzelhändlern für Überraschung und Unverständnis, doch der Juniorchef, der das Geschäft zusammen mit seinem Vater in vierter und fünfter Generation betreibt, ist von der Richtigkeit seiner Entscheidung überzeugt: Rausch möchte Schokolade so differenziert in Szene setzen wie etwa hochwertigen Wein: „Wir wollen die Welt der Schokolade erlebbar machen, spannende Geschichten erzählen und unseren Kunden einen Begriff von Herstellung, Qualität und Genuss vermitteln.“ Aus diesem Grund strukturiert Rausch das Unternehmen bis 2017 komplett um: In die Digitalisierung des Vertriebs investiert er einen siebenstelligen Betrag, am Produktionsstandort in Berlin-Tempelhof krempelt er Büros sowie Hierarchien um. Rausch will dem Traditionsunternehmen ein wenig Start-up-Geist einhauchen.

Für das Schokoladenhaus am Gendarmenmarkt hegt der Juniorchef ebenfalls ambitionierte Pläne: Das bei Hauptstadttouristen sehr beliebte Geschäft, das auf zwei Etagen jährlich rund eine Million Besucher aus aller Welt anlockt, wird um eine multimediale Erlebnisebene erweitert. Auf einer neuen dritten Etage sollen Besucher die Plantage in Costa Rica mittels einer Simulation virtuell kennenlernen und sich mit Unterstützung eines Chocolatiers an der Manufaktur eigener Pralinen versuchen können. Ebenso auf Erlebnis und Transparenz setzt der neue Internetauftritt – etwa in Gestalt eines interaktiven Aromakompasses, der die Geschmacksnuancen der einzelnen Sorten differenziert darstellt. Mit dem Onlineverkauf sollen auch neue Käuferschichten erreicht werden. Aficionados können online künftig alle Produktionsschritte vom Kakaoanbau über die Ernte bis zur Schokoladenverarbeitung und Fertigung in Deutschland live mitverfolgen.

Von der Plantage in den Handel: Mit eigenen Anbauflächen in Costa Rica sieht sich Rausch für die Zukunft gut gerüstet. © Rausch / Presse

Von der Plantage in den Handel: Mit eigenen Anbauflächen in Costa Rica sieht sich Rausch für die Zukunft gut gerüstet. © Rausch / Presse

Die wirtschaftlichen Risiken der neuen Strategie sind nicht unerheblich. Robert Rausch aber geht davon aus, dass die durch den Verzicht auf das stationäre Geschäft entstehenden Umsatzeinbußen rasch kompensiert werden können, etwa durch moderate Preiserhöhungen. Ohnehin wirkt Rausch nicht wie ein Unternehmer, den übergroße Zweifel quälen. Der 29-Jährige plant bereits weit über die Restrukturierungsphase hinaus. Verlaufe alles nach Plan, seien weitere Flagship-Stores denkbar. Rausch denkt an Metropolen wie Singapur oder New York, an Kreuzfahrtschiffe oder an Shop-in-Shop-Konzepte in renommierten Kaufhäusern.

Ungeachtet des radikalen Kurswechsels bleibt der Lebensmittelhandel für Rausch jedoch auch künftig ein wichtiger Partner. Eine eigene Unternehmenseinheit produziert im niedersächsischen Peine für Lidl die Premiummarke J. D. Gross. Die darüber erzielten Umsätze dürften auch die wirtschaftlichen Risiken der neuen Dachmarkenpositionierung abfedern.

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