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Überfallprävention: Geld oder Leben

Rund viermal täglich kommt es im deutschen Handel zu meldepflichtigen Raubüberfällen. Meist sind die Täter männlich, häufig bewaffnet. Keines ihrer Opfer vergisst jemals, was ihm widerfahren ist. Doch unterstützt von Psychologen können die Betroffenen lernen, mit dem Erlebten klarzukommen.

Herbst 2007, der Rewe-Markt in Godshorn bei Langenhagen, kurz nach 22 Uhr: Verkaufsleiterin Silke Michelis verlässt mit einem Praktikanten das Ladenlokal und verschließt es. Der junge Mann schwingt sich auf sein Rad und fährt weg, Michelis steuert mit einem Einkaufsbeutel in der Hand in Richtung ihres Autos. Plötzlich löst sich aus dem Halbdunkel eine Gestalt mit schwarzer Kapuze und kommt geradewegs auf die Frau zu. „Verschwinde!“, schreit Michelis und schlägt mit ihrer Tasche auf den Mann ein. Es kommt zu einem Gerangel, eine Waffe fällt zu Boden. Der Täter hebt sie auf und entflieht mit dem entwundenen Beutel, in dem er fälschlicherweise keine Einkäufe, sondern die Tageseinnahmen vermutet.

„Ich weiß selbst nicht, was damals in mich gefahren ist“, sagt Michelis heute. Schon als Kind habe sie geträumt, in bedrohlichen Situationen schreien zu wollen, aber nicht zu können. „Als es mir dann in dieser Situation spontan gelang, habe ich mich so stark gefühlt, dass ich jede Angst vergessen habe.“ Nicht einmal die Waffe habe sie wahrgenommen, erinnert sie sich. Wenn sie von dem Ereignis spricht, ist der inzwischen 47-Jährigen bis heute anzumerken, wie nahe ihr das Geschehene noch immer geht.

„Anfang der 2000er-Jahre konzentrierten sich die Überfälle weitgehend auf Banken und Tankstellen. Als diese begannen, die Sicherheitsmaßnahmen zu verbessern, rückte dann um das Jahr 2005 der Handel in den Fokus“, weiß Uwe Schreiner, langjähriger Betriebsrat bei Penny in Lehrte bei Hannover. Besonders gefährdet sind seiner Erfahrung nach Filialen in Autobahnnähe oder an sozialen Brennpunkten. „Zu Hochzeiten wurden einzelne Supermärkte hier in der Region bis zu sechs Mal binnen eines Jahres überfallen“, erinnert sich Schreiner.

Für betroffene Unternehmen sind die Verluste ein großes Ärgernis. Auf die Opfer der Raubüberfälle, die betroffenen Mitarbeiter, wirkt das Erlebte bisweilen höchst traumatisch. Viele kehren erst nach Wochen an ihren Arbeitsplatz zurück, Einzelne können ihren Beruf nie wieder ausüben. „Berufsunfähig infolge eines Überfallerlebnisses“, heißt es dann. Als die Raube sich dauerhaft häuften, wurde Schreiner aktiv und erarbeitete mit Kollegen ein Gegenkonzept, für das ihn die Berufsgenossenschaft Handel und Warenlogistik (BGHW) 2011 mit einem Präventionspreis auszeichnete.

„Als Erstes konzentrierten wir uns darauf, die Nachsorge zu professionalisieren, um sicherzustellen, dass die Betroffenen binnen 48 Stunden psychologische Akutbetreuung erhalten“, erklärt der Verfasser des Konzepts. Zuvor seien oft Wochen vergangen, bevor die Opfer professionelle Begleitung erfuhren. Ebenfalls zum Konzept gehört eine Alarmkette, die sicherstellt, dass unmittelbar nach einem Überfall eigens geschulte Außendienstmitarbeiter zur Stelle sind, um die Opfer zu betreuen. „Sie hören zu, nehmen die Ängste der Kollegen ernst, Fragen niemals nach dem gestohlenen Geld und sorgen dafür, dass die Betroffenen von ihnen nahestehenden Personen abgeholt werden“, erläutert Schreiner.

© Handelsjournal 01/2016

© Handelsjournal 01/2016

Die von ihm entwickelten Präventivmaßnahmen zielen jedoch nicht allein darauf ab, psychischen Folgeschäden bei den Überfallopfern vorzubeugen, sondern die Mitarbeiter schon im Vorfeld für das Thema zu sensibilisieren und zugleich den Tätern durch technische Sicherheitsmaßnahmen das Leben möglichst schwer zu machen. In Schulungen lernen die Kollegen, dass Überfälle nie vollständig zu verhindern und deshalb immer möglich sind. Verhaltensmaßnahmen, die im Fall des Falles dafür sorgen sollen, dass für die Betroffenen alles möglichst glimpflich ausgeht, gehören ebenso zum Standard.

Auch mit den gleichermaßen zum Konzept zählenden technischen Sicherheitsmaßnahmen im Geschäft macht das Unternehmen seine Mitarbeiter vertraut und erläutert überdies deren Sinn. So sorgen beispielsweise Alarmgeräte an den Büroräumen dafür, dass die Angestellten die Einnahmen nicht bei offener Tür zählen. Und Videokameras sollen nicht die Mitarbeiter überwachen – wie mancher Gewerkschaftsvertreter vermutet –, sondern Täter abschrecken oder bei ihrer Identifizierung helfen.

„Je nach baulicher Situation betragen die Investitionen zwischen 3.000 und 5.000 Euro. Die Verluste bei einem einzigen Überfall sind in der Regel deutlich höher“, betont Schreiner. Der Erfolg der Maßnahmen kann sich sehen lassen: „In den vergangenen drei Jahren kam es im Hannoveraner Stadtgebiet nur noch zu einem einzigen Überfall auf eine Penny- Filiale.“ Selbst wenn sie sich nie vollständig verhindern lassen, ist für das einzelne Opfer jeder Überfall einer zu viel. Silke Michelis beispielsweise haderte lange mit dem Erlebten, obwohl in der Nachbetreuung alles richtig lief. „Niemand machte mir Vorwürfe, mein Mann holte mich ab, mit meiner ebenfalls im Handel tätigen Nachbarin bin ich das Erlebte noch in derselben Nacht immer wieder durchgegangen, ich habe nicht einmal geweint“, erinnert sich Michelis. Am nächsten Tag stellt sie sich unbekleidet vor den Spiegel und spricht zu sich selbst: „Ich werde mir von diesem Mistkerl mein Leben nicht kaputt machen lassen. Ich werde kämpfen!“ Weinen kann Michelis erst, als sie 48 Stunden nach dem Ereignis das erste Mal mit ihrer Akutpsychologin spricht. Eine wichtige Frage, um welche die Gespräche kreisen, lautet: „Warum ich?“

„Obwohl wir alle mitbekommen, dass Menschen bisweilen Schlimmes widerfährt, gehen wir im Alltag aus Gründen des Selbstschutzes davon aus, dass es uns nicht treffen wird“, erklärt Dr. Christian Lüdke, der sich mit seinem Essener Unternehmen Terapon Consulting auf die Erste-Hilfe-Behandlung von Traumata spezialisiert hat. Kommt es dann doch zu einem einschneidenden Erlebnis wie einem Überfall, nagt dies unter Umständen massiv an dem Selbstwertgefühl des Betroffenen: Die Illusion der vermeintlichen Unverwundbarkeit bröckelt. Psychotherapeut Lüdke spricht von einer „narzisstischen Kränkung“.

Überdies führt die Erfahrung des Kontrollverlusts zu einem bisweilen sehr tief sitzenden Unsicherheitsgefühl, das häufig von belastenden und ständig wiederkehrenden Erinnerungsbildern genährt wird. „Zudem meiden die Betroffenen Situationen, die sie an das Ereignis erinnern, schalten ihre Gefühle ab und leiden an Ess- und Schlafstörungen“, sagt Lüdke. Dauert diese Phase nicht länger als drei Monate, fassen Fachleute sie unter den Begriff „Normalität der Symptome“. Bei der Akutbehandlung möglichst bald nach dem Überfallerlebnis geht es darum, die Opfer genau auf diese Normalität vorzubereiten, ihnen klarzumachen: All diese Reaktionen und Empfindungen sind Ausdruck gesunden Verhaltens.

„Etwa ein Drittel gehört zur Hochrisikogruppe jener, die es nicht vermögen, das Erlebte aus eigener Kraft zu bewältigen.“ Dr. Christian Lüdke, Terapon Consulting

„Gelingt es, den Betroffenen Hoffnung, Zuversicht und Wertschätzung zu vermitteln, ist dies eine gute Voraussetzung, sie zu stabilisieren und ihre eigenen Ressourcen zu aktivieren“, umreißt Lüdke die Aufgabe des Akutpsychologen. Eine längerfristige Behandlung ist dann in der Regel nicht notwendig. Allerdings gilt es in den Gesprächen auch, Risikofaktoren zu ermitteln: Wie ist es um die berufliche und private Zufriedenheit bestellt? Liegen Vortraumatisierungen vor? Gibt es psychische Vorerkrankungen? „Etwa ein Drittel gehört zur Hochrisikogruppe jener, die es nicht vermögen, das Erlebte aus eigener Kraft zu bewältigen und längerfristiger Behandlung bedürfen“, weiß der Traumaexperte. Erkennt der Akutpsychologe einen solchen Fall, sorgt er für eine entsprechende Versorgung.

Silke Michelis ging es nach zehn Sitzungen mit ihrer Psychologin recht schnell besser. Noch immer fragt sich die erfahrene Einzelhändlerin, warum sie in der Situation falsch reagiert hat. „Seit über 20 Jahren predige ich meinen Mitarbeitern, dass sie sich nicht wehren und bereitwillig das Geforderte herausgeben sollen.“ Trotz aller Schulungen bleibt wohl letztendlich unkalkulierbar, wie Menschen in der Stresssituation eines Überfalls tatsächlich reagieren. Die Erinnerungen an das Ereignis holen Michelis auch nach acht Jahren bisweilen ein. Zum Beispiel wenn sie im Dunkeln mit ihrem Hund spazieren geht und hinter ihr das Laub raschelt. Ihr erster Impuls lautet stets: wegrennen. Doch dann erinnert sie sich an das Versprechen, das sie sich am Tag nach dem Überfall selbst vor dem Spiegel gegeben hat, und sagt sich: „Das Geschehene gehört zu meinem Leben – aber es hat keine Macht über mich.“

 

 

Interview: „Anreize für potentielle Täter klein halten“
Drei Fragen an Dorothea Kraft, Referentin Verkaufsstellen bei der Berufsgenossenschaft Handel und Warenlogistik (BGHW), zu Maßnahmen, die Unternehmen treffen können, um ihre Mitarbeiter bestmöglich zu schützen.

 

Dorothea Kraft © BGHW

Dorothea Kraft © BGHW

Frau Kraft, sind aus Sicht des BGHW Personal und Sicherheitspersonal im Einzelhandel angemessen qualifiziert, um auf Raubüberfälle adäquat reagieren zu können?
Insbesondere große Handelsunternehmen sind in diesem Bereich gut aufgestellt. In den vergangenen Jahren wurde viel getan, sowohl was die Verhältnis- als auch die Verhaltensprävention betrifft. Besonders wichtig ist, dass die Qualität der Unterweisung für die Mitarbeiter stimmt. Diese Unterweisungen sollten regelmäßig stattfinden. Ihre Aufgabe ist es, den Mitarbeitern wichtige Verhaltensregeln zu vermitteln, damit es erst gar nicht zu einem Überfall kommt, beziehungsweise den Mitarbeitern das richtige Verhalten während und nach einem Raubüberfall aufzuzeigen. Musterbetriebsanweisungen und Tipps zur Unterweisung können Unternehmer von uns bekommen.

Welche Maßnahmen sind wichtig, um traumatische Erlebnisse bewältigen zu können?
Wichtig ist, dass schon im Vorfeld eine Melde- und Alarmkette festgelegt wird. Also, wer informiert nach einem Raubüberfall die Polizei, den Arzt, die Berufsgenossenschaft, die Angehörigen etc.? Zudem ist es wichtig, dass sogenannte „Kümmerer“ im Betrieb festgelegt werden: Mitarbeiter, die sich nach dem Ereignis direkt des betroffenen Kollegen annehmen. Nach einem Raubüberfall bietet die BGHW psychologische Hilfe durch speziell ausgebildete Psychologen an.

Seminarangebote, Broschüren und Artikel zum Thema sowie die DVD „Fit und klasse an der Kasse“ unter: bghw.de

Was können Unternehmen tun, um ihr Personal bestmöglich zu schützen?
Als Unternehmen sollte man die Anreize für potenzielle Täter möglichst klein halten und die Risiken in einer Gefährdungsbeurteilung festhalten. Dazu kann eine Reihe von Maßnahmen dienen. Zum Beispiel regelmäßig das Geld aus der Kasse abschöpfen, Geld immer zu zweit transportieren, die Tür zum Kassenraum immer schließen etc. Die meisten Überfälle ereignen sich kurz vor oder nach Ladenschluss. Gerade jetzt, während der dunklen Jahreszeit, schlagen Täter wieder verstärkt zu. Dann gilt es zum Beispiel, die Aus- und Eingänge hell zu beleuchten, den Laden nicht über den dunklen Personalausgang zu verlassen, nicht allein im Laden zu sein beziehungsweise den Laden nur gemeinsam zu verlassen. In einem Forschungsprojekt, das Mitte kommenden Jahres abgeschlossen sein wird, untersuchen wir im Moment genauer, welche Faktoren ein Geschäft besonders anfällig respektive sicher machen. Daraus wollen wir dann noch gezieltere Präventionsmaßnahmen für einzelne Branchen ableiten.

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