Alle Informationen für den Handel

Markt

Citylogistik: Zustellung per Sackkarre

1

UPS stellt morgens an vier Standorten in Hamburgs City mit Paketen beladene Container ab, vom denen aus Pakete zu Fuß mit Sackkarre oder mit Lastenfahrrädern zugestellt werden. © UPS

In Hamburg sorgt ein Projekt für weniger Lieferverkehr und entspanntes Flanieren.

Jedes Erdgeschoss in Hamburgs Luxusstraße Neuer Wall wird kommerziell genutzt. Ebenso die darüberliegenden sechs bis sieben Geschosse mit ihren Anwaltskanzleien und Arztpraxen, Agenturen und Unternehmensberatungen. Jeder Laden, jedes Büro wird beliefert. Nahezu alle nutzen Kurierdienste und Logistikunternehmen, um ihrerseits etwas zu versenden. Die Folge: ein enormes Verkehrsaufkommen.

Die Straße Neuer Wall ist seit Oktober 2005 Deutschlands erster innerstädtischer Business Improvement District (BID). Ebenso wie die Freie und Hansestadt Hamburg hat sich der BID Neuer Wall auf die Fahnen geschrieben, dass sich Innenstadtbesucher richtig wohlfühlen sollen. Sie sollen ihre Freizeit in der City verbringen, sollen flanieren und natürlich einkaufen.

Innenstadttaugliches Gesicht

Der Neue Wall bekam deshalb in den vergangenen Jahren ein komplett neues Gesicht: Die Fahrbahn wurde auf eine Spur verengt, ein Platz neu gestaltet, die Gehwege wurden verbreitert, Poller und Schilder entfernt, Blumenkübel aufgestellt, eigene BID-Mitarbeiter engagiert. Deren wichtigste Aufgabe ist es, „den Wechsel auf den Kurzzeitparkplätzen zu kontrollieren und darauf zu achten, dass nur Lieferanten die Lieferzonen nutzen“, erklärt der Sprecher des BID Neuer Wall Sebastian Binger. Überhaupt: Der Lieferverkehr ist dem BID ein Herzensanliegen. Oder besser: seine nachhaltige Reduzierung.

Denn Lieferfahrzeuge blockieren die Straße, versperren den Blick auf Schaufenster, stören das Straßenbild, emittieren CO2 und tragen eben nicht zu einer Wohlfühlatmosphäre bei. Grundeigentümer, Einzelhändler und Büromieter rund um den Neuen Wall – mit anderen Stakeholdern organisiert im BID Neuer Wall – hatten die Nase voll davon. Sie initiierten schon 2011 ein Citylogistikprojekt, das seit Februar dieses Jahres Modellstatus für die Innenstadt genießt und den dortigen Verkehr entlastet: UPS belädt morgens Container mit Sendungen für das Quartier und transportiert sie per Lkw an mittlerweile vier feste Standorte in der City.

Dort dienen die Container als Lager für die Zulieferung und Abholung von Päckchen und Paketen. Die Sendungen werden von den Containern aus zu Fuß mit Sackkarre, per Lastenfahrrad oder E-Lastenrad zugestellt oder abgeholt. Nur für schwerere oder eilige Stücke rückt noch das UPS-Zustellfahrzeug aus. Abends werden die gefüllten Container wieder abgeholt und zurück in die UPS-Niederlassung transportiert.

Privater Grund dringend gesucht

Mit dem Citylogistikprojekt bewies der BID Neuer Wall Geduld und Durchhaltevermögen, denn es galt, ein dickes Brett zu bohren. Schon 2007 machte sich die Gemeinschaft Gedanken darüber, wie der Lieferverkehr reduziert werden könnte. 2011 stand das Konzept. 2013 startete eine Kooperation von BID Neuer Wall mit UPS. Erst seit diesem Jahr handelt es sich um ein offizielles Modellprojekt der Stadt Hamburg, das sich über mehrere Bereiche in Hamburgs Innenstadt erstreckt.

Die Interessen der Beteiligten – BID-Mitglieder, Grundeigentümer, Behörden, Logistikpartner – mussten unter einen Hut gebracht werden, zumal öffentliche Fläche nicht einfach exklusiv einer Firma zur Verfügung gestellt werden kann. Das geht nur im Rahmen eines Modellprojekts und nur für eine begrenzte Zeit. Mittelfristig suchen die BIDs gemeinsam mit der Stadt Hamburg in der Innenstadt nun nach Containerstellplätzen auf privatem Grund, etwa in Hinterhöfen oder Parkhäusern.

Hamburgs Modellversuch – Daten & Fakten 2015

Anzahl Depots: vier Container/ ein Lager
Containerstandorte: Stadtwassermühle (seit 11/2012), Welckerstraße (seit 05/2015),Hopfenmarkt (seit 06/2015), Raboisen (seit 06/2015)
Anzahl der eingesetzten Zusteller: 13 Anzahl der ersetzten UPS-Zustellfahrzeuge: bis zu zehn pro Tag
Anzahl der reduzierten Fahrzeugbewegungen: circa 500 pro Tag
Eingesetzte alternative Fahrzeuge: fünf Cargo-Cruiser und vier konventionelle Lastenfahrräder

Dass die Wahl auf UPS fiel, ist schlicht dem Umstand geschuldet, dass alle anderen Logistikpartner die gewünschte Dienstleistung nicht erbringen konnten oder wollten. „Wir wären auch offen für andere gewesen. Wir haben jemanden gesucht, der das mit uns macht. Von unserem ursprünglichen Projekt ausgehend, hat dann UPS mit unserer Unterstützung das Modellprojekt in Kooperation mit der Wirtschaftsbehörde in Hamburg angefangen“, erläutert Binger.

Dienstleister UPS Deutschland, der in das Pilotprojekt Geld und Know-how investierte, ist mit dem Erfolg indes sehr zufrieden und würde das Modell gern auf andere Städte ausweiten. Dafür müssten allerdings, so UPS-Sprecher Holger Ostwald, die Rahmenbedingungen stimmen: Zuallererst muss die Zustelldichte so hoch sein, dass es sich lohnt, per Rad oder zu Fuß zuzustellen. Außerdem braucht es natürlich Platz und Zuwege für Container und Lastenfahrräder.

Das Problem des auf zwei Jahre angelegten Modellversuchs: Der Erfolg des Projekts wird quasi vom rasant wachsenden Lieferverkehr aufgefressen. Immer mehr Einzelhändler bieten ihren Kunden Lieferservices, auch Dienstleistungen wie Click und Collect sorgen für mehr Verkehr. Weil Raum in Hamburgs City naturgemäß kostspielig ist, reduzieren die Händler ihre Lagerflächen auf das Nötigste – und müssen auch deshalb häufiger beliefert werden. „Wir brauchen noch mehr Kapazitäten“, resümiert Binger.

Lesen Sie weiter


Unternehmen

LOG 2016: Logistik über alle Kanäle

Mittelständische Logistikdienstleister, IT-Unternehmer und Konzernvertreter trafen sich auf der LOG 2016, um die Anforderungen an Handel und Logistik im Multichannel-Geschäft zu diskutieren. Redner wie Aussteller präsentierten Businessstrategien und Hightechlösungen. mehr...

Wir freuen uns über Diskussionen und Ihre Kommentare.
Wie in jeder Gemeinschaft ist es notwendig, dass sich alle Teilnehmer an die Netiquette halten. Durch Ihre Kommentare sollen interessante, gewinnbringende Debatten entstehen, an denen sich andere Nutzer gerne beteiligen. Beleidigungen und Schmähreden sind deshalb ebenso tabu wie Diskriminierungen und die unerlaubte Veröffentlichung persönlicher Daten. Bitte verstecken Sie sich auch nicht hinter Pseudonymen, sondern benutzen Sie Klarnamen.

Kommentar absenden

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *


*

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>