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Weder Kö noch Ku’damm

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Heiko Krajewski © Mittermueller Bildbetrieb

Junge Männer wünschen sich schicke Maßkleidung, scheuen aber den Weg zum teuren Schneider, glaubt Heiko Krajewski. Im Internet offeriert der Gründer von Tailorjack Maßgeschneidertes aus Thailand – zu Tiefstpreisen.

Die Bedeutung perfekt sitzender Kleidung muss man Heiko Krajewski nicht erklären. Der 41-Jährige war viele Jahre in der Finanzbranche tätig, wo ein gut geschnittener Anzug zur Grundausstattung gehört. Als Krajewski irgendwann in Hamburg einen thailändischen Schneider traf, der ihm maßgefertigte Hemden in Topqualität anbot, begann es ihm allmählich zu dämmern: Warum für viel Geld in Deutschland Maßkleidung anfertigen lassen, wenn asiatische Schneider dies genauso gut, aber zu deutlich günstigeren Preisen leisten? Die Eingebung hat sich für den gebürtigen Hamburger inzwischen zu einem attraktiven Geschäftskonzept entwickelt. Krajewski kündigte kurzerhand seinen Job und gründete unter dem Namen Tailorjack eine Internetplattform, die maßgefertigte Hemden, Anzüge und Schuhe aus thailändischen Schneiderwerkstätten anbietet.

Das Konzept klingt einfach, doch es lehrt hiesige Maßschneider zunehmend das Fürchten. Denn die Preisunterschiede gegenüber vergleichbarer Ware „made in Germany“ sind dramatisch. Während ein guter Maßanzug in Deutschland leicht über 3.000 Euro kosten kann, offeriert Tailorjack derartige Anzüge bereits zu Preisen ab 350 Euro. Auch auf dem deutlich größeren Markt für maßgeschneiderte Herrenoberhemden produziert die südostasiatische Konkurrenz erheblich günstiger. Bei einem deutschen Schneider kosten diese Hemden je nach Stoffqualität 150 bis 200 Euro, bei Tailorjack nur 40 bis 90 Euro. Krajewski ist überzeugt, sich auf diese Weise völlig neue Kundengruppen erschließen zu können. Im Blick hat er dabei nicht zuletzt die Kollegen aus seiner alten Branche: Schließlich würden auch Sparkassen-Azubis gerne gute Maßhemden tragen, könnten sich diese zu herkömmlichen Preisen jedoch kaum leisten.

© tailorjack

© tailorjack

 

Vermessungsevents im Hotel

Stationäre Ladenlokale gelten innerhalb dieses Geschäftsmodells als entbehrlich. Krajewski erwartet nicht, dass seine Zielgruppen zu ihm kommen, sondern lässt die Mitarbeiter seiner Lizenzpartner zu den Kunden ausschwärmen. Auf sogenannten Vermessungsevents, die in Businesshotels wie der Hotelkette Motel One oder in größeren Unternehmen veranstaltet werden, können die Kunden Maß nehmen lassen. Die Daten werden dann an die thailändischen Schneiderbetriebe weitergereicht; vier bis sechs Wochen später trifft die bestellte Ware beim Kunden ein.

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Die Besucher der Vermessungsevents machen jedoch nur einen Teil der Kundschaft aus. Ein weitaus größeres Publikum erreicht Tailorjack über seine Internetplattform, wo eine Fotoanleitung die Vermessung des eigenen Körpers erleichtert. Dass eine Selbstvermessung nach Anleitung nicht jedermanns Sache ist, hat der Existenzgründer inzwischen allerdings lernen müssen. Offenbar fühlen sich vor allem Männer damit nicht immer wohl. Doch das Internet hat auch für diese Zielgruppe eine Lösung: Wer will, kann bei Tailorjack auf Selbstvermessung verzichten und lediglich Kragenweite, Gewicht und Körpergröße angeben. Die Infos werden von einer eigens entwickelten Software mit den Daten von 300 000 Kunden abgeglichen, was laut Krajewski für das Schneidern eines perfekten Maßhemdes fast immer ausreiche. Die Trefferquote des Algorithmus liege bei rund neunzig Prozent, der Rest werde nachgebessert.

© tailorjack

© tailorjack

„Bei uns sind Sie der Designer“, heißt es auf der Website des Unternehmens, das auf diese Weise vor allem internetaffine Kunden mit individuellen Bedürfnissen erreichen will. Die Strategie erscheint sinnvoll: Junge Männer sind im Markt für hochwertige Herrenbekleidung durch den stationären Handel zunehmend schwerer zu erreichen – ein Trend, von dem auch andere junge Internet-Start-ups wie die Berliner Unternehmen Outfittery (Handelsjournal 9/15) oder YouTailor zu profitieren versuchen. Doch während YouTailor auf starke Expansion setzte und in diesem Jahr ins Straucheln geriet, favorisiert Krajewski eine eher vorsichtige Wachstumsstrategie.

Präsenz in der Fläche angestrebt

Der Markt für maßgeschneiderte Herrenoberhemden sei riesig, doch zu übereilten Investitionen bestehe kein Anlass, glaubt der Unternehmensgründer. Er hält zwar nach weiteren Partnern Ausschau, will mit Tailorjack jedoch vorerst nur im deutschsprachigen Markt wachsen. Zunächst gilt es, das neue Konzept intensiver zu kommunizieren: „Für maßgeschneiderte Kleidung muss man nicht mehr zur Kö oder zum Ku‘damm“, betont Krajewski, der seine Marke in diesem Herbst erstmals auch im TV beworben hat.

Trotz solcher mehr oder weniger deutlichen Absagen an den stationären Handel will jedoch auch Tailorjack auf Präsenz in der Fläche nicht ganz verzichten. Um die Marke bekannter zu machen, zielt Krajewski auf temporäre Shop-in-Shop-Kooperationen mit Einzelhändlern im kundennahen Umfeld, wie etwa exklusive Herrenschuh- oder Krawattenhändler. Entsprechende Standorte und potenzielle Partner hat der Unternehmensgründer bereits in mehr als 80 deutschen Städten ausfindig gemacht. Ganz ohne stationäres Ladengeschäft geht es offenbar doch nicht.

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