Alle Informationen für den Handel

Markt

Kaufhaus des Ostens

8

© Nikolai Schmidt

Görlitz’ Reichtum ist Fassade, die Stadt ist Schlusslicht bei der Kaufkraft in Deutschland. Die geplante Wiederbelebung des Jugendstil-Warenhauses soll die Wende in der City bringen. Doch das wird schwierig.

Still und saniert liegt der Marienplatz mitten in Görlitz. Andernorts bezeichnet man den gepflegten Standort im Herzen der Stadt als 1-a-Lage, doch die gibt es hier nicht. Die wenigen Geschäfte an den Rändern des Platzes, der die historische Altstadt und die gründerzeitliche Innenstadt verbindet, sind keine, die zum Schaufensterbummel animierten. In „Silvia’s Fundgrube“ etwa, einem Second-Hand-Shop, haben architekturbegeisterte Touristen wohl eher selten etwas verloren. Rund 4 000 Baudenkmale bilden in der vom Krieg wundersam verschont gebliebenen Neißestadt eine in Deutschland einzigartige flächenhafte Verbreitung baukultureller Zeugnisse der letzten 500 Jahre. Über 80 Prozent der Gebäude wurden oder werden saniert.

Bei einem gemütlichen Spaziergang sind Bauepochen von der Gotik über die Renaissance bis zur Gründerzeit und zum Jugendstil erlebbar. Viele schöne Eindrücke können Besucher aus Görlitz mitnehmen, nur leider kaum attraktive Einkäufe. Das verbliebene spärliche Einzelhandelsangebot in der Innenstadt richtet sich vornehmlich an den prekär lebenden Teil der Bevölkerung.

Leerstand in Görlitz

Der Landkreis Görlitz liegt bei der Kaufkraft bundesweit auf dem letzten Platz, die Arbeitslosenquote beträgt über 17 Prozent. In den Seitenstraßen des Marienplatzes prägt Leerstand das Bild. Die Nahversorgung mit Döner, Kik und Norma ist im City Center gebündelt, das 2002 im schlichten Funktionsstil erbaut wurde. Das Einkaufszentrum wurde nie ein Erfolg. Seit der Einzelhandel in Görlitz sich in den 90er-Jahren auf die grüne Wiese verlagerte, war der Niedergang der Innenstadt kaum aufzuhalten.

In großen Teilen der oberen Berliner Straße, der Haupteinkaufsstraße, sind die Gewerbeeinheiten im Erdgeschoss und die Wohnungen darüber verwaist. Während die Altstadt baulich wieder erblüht ist, kann ausgerechnet die Fußgängerzone den Verfall nicht verbergen. Selbst das Fachgeschäft für orthopädische Schuhe und elastische Einlagen, ein Angebot wie gemacht für Görlitz, hat geschlossen. Im Laden: leere Regale, die verstaubte Kasse, vertrocknete Pflanzen. Biedermann war hier. Um die Ecke, an der Südseite des Marienplatzes, erhebt sich Deutschlands schönstes Kaufhaus.

Warenhaus, später

Jürgen Friedel öffnet die Tür. Der Projektleiter und eine Assistentin sind die einzigen Seelen im entkernten, besenreinen Warenhaus. Als der Unternehmer und gebürtige Oberlausitzer Winfried Stöcker das Gebäude im Juni des Jahres 2013 erwarb, kündigte er eine Investition von etwa 20 Millionen Euro sowie die Wiedereröffnung zum Oktober 2015 an. Später sprach das Projektteam von der Premiere im Jahr 2016. Wir stehen im Atrium, das von einer mit Jugendstilornamenten verzierten Glaskuppel überspannt wird. In prächtigen Kronleuchtern spiegelt sich warmes Tageslicht. Friedel sagt: „Wir wollen 2017 eröffnen, das ist durchaus realistisch.“ Eine Teileröffnung des 1913 erbauten und seit der Hertie-Pleite 2009 leer stehenden Hauses schließt der Bauingenieur aus.

„Für den Denkmalschutz ist das Haus das wichtigste in Görlitz. Es ist schwierig, hier dennoch eine moderne Kaufhauslösung zu schaffen.“ Jürgen Friedel, Projektleiter

„Ich hatte mir die Aufgabe komplex vorgestellt, aber dass sie so umfangreich wird, hätte ich nicht gedacht“, erklärt Friedel, der seit eineinhalb Jahren die Verantwortung auf der Baustelle trägt. „Für den Denkmalschutz ist das Haus das wichtigste in Görlitz. Es ist schwierig, hier dennoch eine moderne Kaufhauslösung zu schaffen.“ Die Haustechnik muss nicht sichtbar verbaut, Fahrstühle müssen installiert und Böden sowie Fenster ersetzt werden. Um eine Rolltreppe unterzubringen, steht die Planung eines genehmigungsfähigen Anbaus aus.

Joachim Rudolph gehörte zu den Gründern der Bürgerinitiative Görlitzer Kaufhaus, die jahrelang mit großem Engagement einen Investor suchte. „Als wir Herrn Stöcker gefunden hatten, habe ich ihn als zweites Wunder für Görlitz bezeichnet“, sagt Rudolph. Wunder Nummer eins ist die Altstadtmillion (heute 511 500 Euro), die ein anonymer Spender seit 1995 jährlich für die Sanierung der Altstadt überweist.

Über Stöcker, der mit seinem international operierenden Biotechnologieunternehmen Euroimmun mit Sitz in Lübeck zu Wohlstand kam, kann sich der Leiter einer katholischen Familienerholungsstätte indes nur noch wundern: „Herr Stöcker hat viele Menschen enttäuscht. Vielleicht wächst Gras drüber, aber ein fader Beigeschmack wird bleiben.“ Das Görlitzer Willkommensbündnis wollte im Lichthof des Warenhauses im Dezember letzten Jahres ein weihnachtliches Benefizkonzert für Flüchtlinge ausrichten. Stöcker untersagte das – und sorgte mit seiner Begründung für Entsetzen.

EUROPASTADT GÖRLITZ/ZGORZELEC
Görlitz liegt bei der Kaufkraft laut GfK mit 16 645 Euro je Einwohner im Jahr 2015 auf dem letzten Platz aller 402 Kreise in Deutschland. Die Einwohnerzahl der größten schlesischen Stadt auf deutschem Boden ist in den vergangenen 25 Jahren von fast 80 000 auf rund 55 000 gesunken. Die Filmindustrie ist ein Hoffnungsträger und treibt den Tourismus in „Görliwood“ voran. 2014 wurden vier neue Hotels gebaut und über 250 000 Buchungen verzeichnet. In Zgorzelec, Görlitz’ nach dem Zweiten Weltkrieg an Polen gefallenen östlichen Stadtteil, leben 32 000 Menschen. Die Stadt liegt in der Woiwodschaft Niederschlesien, einer der wirtschaftlich stärkeren Regionen Polens. Die Kaufkraft pro Kopf in Zgorzelec ist etwa halb so hoch wie in Görlitz.

In einem Interview mit der Sächsischen Zeitung (SZ) äußerte Stöcker, dass er den „Missbrauch unseres Asylrechtes nicht unterstützen will“, und schwadronierte von „reisefreudigen Afrikanern“, die „ungebeten übers Mittelmeer zu uns gelangen“. In dem nach Angabe der SZ per E-Mail geführten Interview schrieb Stöcker: „Vor zwanzig Jahren haben sich in Ruanda die Neger millionenfach abgeschlachtet. Hätten wir die alle bei uns aufnehmen sollen?“ Die Türken in Deutschland würde er „am liebsten zurück in ihre Heimat schicken“, wenn auch auf freiwilliger Basis, „sie haben kein Recht, sich hier festzusetzen“. Und so weiter.

Nachdem bundesweit eine mediale Welle der Empörung losbrach, distanzierte sich Stöcker von seiner Wortwahl. Seine Haltung erläuterte der 68-Jährige drei Monate später in einer Stellungnahme mit dem Titel „Gesinnungsterror in Fragen zur Asylpolitik“. Unterdessen wurde bekannt, dass die Staatsanwaltschaft Görlitz gegen Stöcker wegen Volksverhetzung ermittelt. Zu einem Gespräch mit dem Handelsjournal über die Konsequenzen seiner Meinungsäußerungen für das Kaufhausprojekt und mögliche Mietinteressenten war Stöcker nicht bereit; er wolle erst wieder zur Eröffnung des Görlitzer Warenhauses mit Journalisten reden, teilte eine Sprecherin mit.

Konzeptionelle Neuausrichtung

Jürgen Friedel ist das Thema sichtbar unangenehm. Der Baustellenleiter muss den Scherbenhaufen mit abtragen, den Stöcker hinterlassen hat. Im ursprünglichen Konzept des Investors war vorgesehen, ein Viertel der Verkaufsfläche in Eigenregie zu „bespielen“. Aktuell sind 50 Prozent Eigennutzung geplant, räumt Friedel ein. Verlassen die Mietinteressenten ein vergiftetes Projekt? „Die Geschichte hat nur die Spreu vom Weizen getrennt“, sagt Friedel. „Die wirklich Interessierten sind geblieben.“ Jürgen Friedel ist von Haus aus Flughafenplaner, auch Winfried Stöcker ist neu im Kaufhausgeschäft.

Wir gehen die Treppe hoch zur ersten Ebene. An den tragenden Stützen sind Jugendstilornamente mit goldener Farbe hervorgehoben. Sieht auf den ersten Blick original aus, ist aber das Werk von Wes Anderson. Der Regisseur drehte vor drei Jahren seinen mit vier Oscars ausgezeichneten Film „Grand Budapest Hotel“ in Görlitz. Das Warenhaus bildete die Kulisse für die Innenaufnahmen des titelgebenden altehrwürdigen Luxushotels. Die Verkaufsebenen sollen Shop in Shop gestaltet werden, ohne die großen Fenster zu verstellen. Von Luxusmarken wie Gucci und Prada ist im „Lafayette der Oberlausitz“ keine Rede mehr.

„Das wird nicht funktionieren. Aber es wird ein gehobenes Level geben, mehr in Richtung Hugo Boss; wir wollen hier nichts über den Preis verramschen“, betont Friedel. Das Thema Mode werde das Haus selbst bestellen. „Die Schnittmengen mit unseren Partnern waren nicht so groß. Darum denken wir über ein eigenes Label nach, längerfristig über eine Kollektion“, sagt Friedel. Die Mode soll in der traditionellen sächsischen Textilregion produziert werden.

© Nikolai Schmidt

© Nikolai Schmidt

Um Kreationen und Designer zu finden, will der Kaufhausbetreiber 2016 erstmals einen Fashion-Award ausloben. Sortimente wie Elektronik, Schuhe oder Heimtextilien sollen aber in der Hand von Mietern bleiben. Im Obergeschoss, auf der vierten Ebene, ist ein Restaurant geplant, das Stöcker in Eigenregie betreiben will. Im Keller sind 1 000 Quadratmeter Platz für einen Lebensmittelmarkt vorgesehen.

Wenn Stöckers Kaufhaus eröffnet, soll ein Drittel des Umsatzes mit Kunden aus dem Ausland erwirtschaftet werden – polnischen Kunden aus dem jenseits der Neiße gelegenen Europastadtteil Zgorzelec. „Die Polen sind unsere Chance“, sagt Jürgen Friedel. Auf der polnischen Seite gibt es nur wenige Konkurrenzstandorte, und die nächstgrößere Stadt Legnica mit etwa 100 000 Einwohnern liegt 100 Kilometer entfernt. Gleichwohl sind die Umsatzerwartungen offenbar begrenzt. „Man darf keinen klassischen Controllingmaßstab an dieses Haus hier in Görlitz legen“, so Friedel. „Wenn das Projekt sich trägt, sind wir schon zufrieden.“

Ruhe in Sachsen

Es ist still geworden in den letzten Wochen um Winfried Stöcker. Engagierte Bürger wie Heinz Conti-Windemuth vom Aktionskreis für Görlitz befürchten, dass das nicht so bleiben wird: „Es gibt keine Garantie dafür, dass Herr Stöcker nicht wieder so daherredet“, sagt der 66-Jährige. Viele der rund 230 Mitglieder im Aktionskreis, treibende Kräfte der Stadtentwicklung und auch der Bürgermeister haben sich von dem Investor distanziert, vorsichtig. Die Stadt braucht ihn, nicht nur für das Warenhaus. Euroimmun betreibt im Einzugsgebiet von Görlitz zwei Standorte mit etwa 150 Mitarbeitern, am nahen Berzdorfer See plant Stöcker ein Golfhotel. In Lübeck, wo die Kritik an Stöckers Asylansichten heftiger ausfiel als im Osten Deutschlands, drehte der ins gesellschaftliche Abseits geratene Unternehmer beleidigt den Geldhahn zu. Die Universität wird künftig auf seine Zuwendungen verzichten müssen; für die Expansion werde sich Euroimmun auch einen anderen Standort suchen.

„Noch vor 25 Jahren war in der Altstadt kein Leben, die Infrastruktur lag darnieder, man konnte hier keine warme Wurst kaufen.“ Heinz Conti-Windemuth, Aktionskreis für Görlitz

Jede fünfte Wohnung in der Neißestadt steht leer, der durchschnittliche Mietpreis liegt bei unter fünf Euro pro Quadratmeter. Wir gehen durch einen Ort, dessen Reichtum Fassade ist. Conti-Windemuth, der selbst 40 Wohnungen in Görlitz vermietet, sieht dahinter vor allem den Fortschritt: „Noch vor 25 Jahren war in der Altstadt kein Leben, die Infrastruktur lag darnieder, man konnte hier keine warme Wurst kaufen.“ Für das neue Leben haben vor allem die Alten gesorgt: Gut 200 Ruheständler ziehen jährlich nach Görlitz, angelockt vom Charme der sorgsamen Sanierung, den günstigen Preisen und attraktiven Sonderabschreibungsmöglichkeiten im Rahmen des Denkmalschutzes.

Einer der über 4 000 nach der Wende zugezogenen Pensionäre ist Rainer Michel. Wir treffen den 71-Jährigen auf der Baustelle der Alten Synagoge. Im Obergeschoss des 1853 errichteten Sakralbaus erfüllen sich der frühere Landeskirchenrat der Evangelischen Kirche im Rheinland und seine Frau Anja den Traum vom Lebensabend im Loft. Im Untergeschoss planen die beiden ein Literaturhaus. Schon im Rohbau strömten die Besucher zu den ersten Lesungen, erzählen die beiden. Görlitz will nicht das Rentnerparadies sein, aber von hier aus kann man es schon sehen.

Lesen Sie weiter


Wir freuen uns über Diskussionen und Ihre Kommentare.
Wie in jeder Gemeinschaft ist es notwendig, dass sich alle Teilnehmer an die Netiquette halten. Durch Ihre Kommentare sollen interessante, gewinnbringende Debatten entstehen, an denen sich andere Nutzer gerne beteiligen. Beleidigungen und Schmähreden sind deshalb ebenso tabu wie Diskriminierungen und die unerlaubte Veröffentlichung persönlicher Daten. Bitte verstecken Sie sich auch nicht hinter Pseudonymen, sondern benutzen Sie Klarnamen.

Kommentar absenden

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *


*

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>