Alle Informationen für den Handel

Technik & Prozesse

Eine Stadt geht online

© Online City Wuppertal

Die Stadt Wuppertal und der Dienstleister Atalanda haben ein lokales Shoppingportal ins Leben gerufen. Online City Wuppertal steht noch ganz am Anfang, könnte aber ein Konzept gegen das Flächensterben im Einzelhandel darstellen.

Wie wäre es mit einem neuen Brillenetui mit Blumenmuster von Frau Wunder? Oder hätten Sie eventuell Interesse an einem Wuppertaler Früchtchen mit Schokolade, direkt aus dem Naschkatzenparadies? Beides bekommen Sie in Wuppertal in der City ganz klassisch. Oder Sie kaufen im Netz bei der Online City Wuppertal. Seit knapp einem halben Jahr ist der lokale Marktplatz für die Stadt mit der Schwebebahn am Netz. Noch sind die Online-Umsätze gering. Dafür berichten die Händler von gestiegenem Besucheraufkommen in ihren Läden. Lokale Marktplatzinitiativen gab und gibt es viele. Selten war ihnen Erfolg beschieden. Das „Lokale“ allein genügt meist nicht als Kaufanreiz und reicht nur selten, um höhere Preise als die Netzkonkurrenz zu rechtfertigen, die nur einen Klick entfernt liegt. Was also spricht für Online City Wuppertal?

Zum einen könnte die Entstehungsgeschichte des Angebots einen Rückschluss auf dessen Leistungsfähigkeit zulassen. Für die Wirtschaftsförderung Wuppertal kam der erste Impuls aus einem Fachvortrag zum Thema Digitalisierung des Einzelhandels. „Da war immer wieder von der Verknüpfung des lokalen Handels mit dem Onlinehandel die Rede“, berichtet Projektmanagerin Christiane Ten Eicken. „Außerdem erläuterte der Referent, dass die lokale Suche bei Google immer wichtiger wird, nicht zuletzt wegen der wachsenden Verbreitung von Smartphones.“

Lokale Händler aufs Internet einschwören

Ten Eickens erste Idee war also, den lokalen Handel für den E-Commerce fit zu machen. Das sollte in Workshops geschehen und wurde im Oktober 2014 begonnen. „Die Resonanz war mäßig, die kleinen Einzelhändler haben dafür offensichtlich wenig Zeit.“ Gleichzeitig las die Projektmanagerin in einem Fachartikel über Atalanda, ein Unternehmen aus Bad Reichenhall, das die Idee hatte, ein Online-Einkaufsportal mit den eigenen Logistikleistungen zu verknüpfen und so den Kunden schnelle Lieferung – mitunter am Tag der Bestellung – anbieten zu können. „Das Konzept wäre nicht über Logistikdienstleister zu machen gewesen, die sind einfach zu teuer“, sagt Roman Heimbold, der Geschäftsführer von Atalanda.

Roman Heimbold, Geschäftsführer Atalanda © Atalanda

Roman Heimbold, Geschäftsführer Atalanda © Atalanda

Die Stadt Wuppertal ging also mit der Idee auf Atalanda zu und rannte offene Türen ein. „Wir hatten Ähnliches schon für Hamburg angedacht, doch fehlte uns der Partner vor Ort“, so Heimbold: „Der ist unverzichtbar, um die Händler zu überzeugen und zum Beispiel Kontakte zu Kurierdiensten aufzubauen. Inzwischen machen wir solche Projekte nur noch mit einem Partner vor Ort.“ Zum Start Anfang Januar waren gerade einmal 25 Händler an Bord – mit insgesamt nur 500 Produkten. „Das war für den Start gut, wir mussten ja selbst erst lernen, wie das funktioniert“, sagt Christiane Ten Eicken. Inzwischen sind es 57 Händler mit insgesamt 5 000, meist noch manuell eingestellten Produkten. „Ich weiß nur von einem, der das automatisch über seine Warenwirtschaft pflegt, der Rest macht das von Hand“, sagt die Wuppertalerin.

Gelernt hat sie vor allem, dass jeder Händler das persönliche Gespräch sucht, um sich über das Konzept zu informieren. Die Mundpropaganda ist entscheidend: „Im direkten Gespräch kann ich die Händler immer überzeugen, der Aufwand hält sich für sie ja auch in Grenzen.“ Inzwischen kommen täglich Gesprächsanfragen zu Online City Wuppertal.

Nutzer suchen nach Zalando

Der Online-Ertrag hält sich allerdings auch in Grenzen. Ten Eicken spricht von einer zweistelligen Zahl an Bestellungen pro Monat und ist auch mit dem Gesamttraffic noch nicht zufrieden. „Atalanda hat bei der Suchmaschinenoptimierung einen guten Job gemacht, aber die Kunden haben noch nicht gelernt, dass es so etwas gibt.“ Ten Eicken berichtet, dass auf der Plattform vor allem nach Büchern gesucht wird, aber noch nicht nach Schuhen. „Dafür suchen die Nutzer bei uns auch schon mal nach Zalando.“

Die Kunden, die den Weg zur Online City finden, sind durchaus transaktionsfreudig. Die gemessene Konversionsrate liegt bei einem Prozent, für ein Portal kein schlechter Wert. Die noch größere Wirkung erzielt das Angebot aber für die Fläche. „Fast alle Händler berichten von gestiegener Besuchsfrequenz im Laen. Manche erfahren auch durch Befragung, dass die Kunden über das Portal auf die Läden aufmerksam geworden sind“, erläutert Christiane Ten Eicken. Konzeptionell war das von Anfang an gewollt. Neben den Produkten stehen immer auch die Geschichten über die Läden und deren Inhaber im Mittelpunkt der Plattform.

© Handelsjournal 06/15

© Handelsjournal 06/15

Mit einem Dreijahresbudget von 115 000 Euro, wovon die Hälfte von der Wirtschaftsförderung des BMWi stammt, kann Christiane Ten Eicken in puncto Marketing keine großen Sprünge machen, um der Plattform zu mehr Popularität zu verhelfen. „Wir sind darauf angewiesen, dass die Händler selbst Flyer verteilen und Poster im Laden aufhängen“, so Ten Eicken. Um doch etwas flexibler zu werden, kostet die Präsenz auf Wuppertal Online City ab sofort 20 Euro pro Monat. „Das stellt auch sicher, dass sich Interessenten ernsthaft damit beschäftigen.“

Dieses Interesse befriedigt die Wirtschaftsförderung durch den direkten Austausch mit den Händlern in einer geschlossenen Facebook-Gruppe. „Von dort kam auch der Vorschlag, eine zum Portal gehörende Ladenfläche ins Leben zu rufen.“ Die Idee: Kunden könnten bei der Online City Wuppertal in mehreren Läden bestellen und die Waren an zentraler Stelle abholen. Diese Abholstation entsteht gerade in der Rathausgalerie, einer in die Jahre gekommenen Einkaufspassage. Das „Retail-Lab“, wie Ten Eicken den Ansatz nennt, wird über einen Drive-in-Schalter zur Abholung der Waren verfügen. Gleichzeitig wird man im Laden allerhand digitale Technologien wie Beacons oder iPad-Kassensysteme demonstrieren, um interessierten Händlern ein Gefühl dafür zu geben, ob es sich für sie lohnen könnte, ihre Ladenfläche weiter zu digitalisieren. „Wir wollen da nicht einfach nur Produkte hinstellen, man muss sich das tatsächlich wie ein Labor vorstellen“, freut sich Christiane Ten Eicken.

Mehr Städte, mehr Händler

Für Roman Heimbold geht die Suche nach weiteren Partnern jetzt erst richtig los. 100 Händler hat er bereits in Salzburg und Hamburg besucht und verzeichnet dort eigenen Angaben zufolge eine Zustimmungsquote von 95 Prozent. Mit insgesamt 90 Städten ist Atalanda derzeit im Gespräch. Gleichzeitig spricht man mit Großhändlern, ob sie nicht zum Beispiel die Produktdaten und -abbildungen vorhalten könnten, damit die Prozesse einfacher werden. Noch verdient Heimbold mit dem Projekt kein Geld, aber das könnte sich ändern, wenn sich Skaleneffekte einstellen. „Jede Fuhre kostet den Händler 5,95 Euro, und es ist seine Sache, ob er das an den Kunden weitergibt oder subventioniert.“ Heimbolds Angaben zufolge geht der volle Betrag an die Fahrer und Kurierdienste. Acht Prozent Provision vom Umsatz bleiben allerdings bei Atalanda. „Von der Resonanz auf das erste Quartal 2015 waren wir sehr überrascht. Die Händler müssen zufrieden sein, das ist das Wichtigste. Das Monetäre kommt dann schon.“

Lesen Sie weiter


Markt

Onlinehändler setzen auf Nachhaltigkeit

Der aktuelle e-KIX von ECC Köln und HDE zeigt: Soziale und ökologische Aspekte sind vier von zehn kleinen und mittleren Onlinehändlern wichtig. Vor allem beim Versand sind Nachhaltigkeitsaspekte wichtig. Kundenreaktionen auf das Engagement werden nur selten festgestellt. mehr...

Wir freuen uns über Diskussionen und Ihre Kommentare.
Wie in jeder Gemeinschaft ist es notwendig, dass sich alle Teilnehmer an die Netiquette halten. Durch Ihre Kommentare sollen interessante, gewinnbringende Debatten entstehen, an denen sich andere Nutzer gerne beteiligen. Beleidigungen und Schmähreden sind deshalb ebenso tabu wie Diskriminierungen und die unerlaubte Veröffentlichung persönlicher Daten. Bitte verstecken Sie sich auch nicht hinter Pseudonymen, sondern benutzen Sie Klarnamen.

Kommentar absenden

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *


*

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>