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Spät, aber nicht zu spät

Das Bundeswirtschaftsministerium (BMWi) hat im April die „Dialogplattform Einzelhandel“ ins Leben gerufen. Verbandspräsident Josef Sanktjohanser über Konzept, Nutzen und die Rolle des HDE in dem Projekt.

Herr Sanktjohanser, welchen Nutzen verspricht die Dialogplattform für die Branche?

Im aktuellen Strukturwandel müssen alle Akteure – Wissenschaft, Verbände, Gewerkschaften, Wirtschaft und Politik – an einem Strang ziehen. Nur so können wir Lösungsansätze entwickeln, um einer Verödung unserer Innenstädte entgegenzuwirken. Die Dialogplattform soll Ideen und Initiativen aller Beteiligten bündeln und den Handelsunternehmen im Digitalisierungsprozess die Luft für die notwendigen unternehmerischen Entscheidungen verschaffen. Die Plattform soll insgesamt einerseits die Gesellschaft für die Themen des Einzelhandels sensibilisieren und andererseits Empfehlungen für die Politik, besonders für die Länder und Kommunen, zum Ergebnis haben.

Workshops mit dem Institut für Handelsforschung (IFH) und Veröffentlichungen auf der Internetseite des BMWi – ist das genug, um der Branche neue Impulse zu geben?

Die Plattform ist kein Allheilmittel. Mit ihrer Hilfe sollen in den kommenden zwei Jahren Ansätze und Handlungsempfehlungen mit Unternehmen, Gewerkschaften, Verbänden, Kommunen und der Wissenschaft diskutiert werden. Dabei sollen die Ergebnisse ja dann nicht einfach abgeheftet werden. Ich erwarte von allen Beteiligten, dass zügig die richtigen Konsequenzen aus den Ergebnissen der Diskussionen gezogen werden. Dann müssen die Maßnahmen anschließend gemeinsam umgesetzt werden – hier sehe ich besonders auch die Städte und Gemeinden in der Pflicht. Ich erhoffe mir, dass der Prozess eine Eigendynamik entwickelt und alle an einem Strang ziehen werden. Die Dialogplattform wird noch deutlicher als bisher machen, dass wir alle in einem Boot sitzen: Ohne die Steuerzahlungen des Handels können sich viele Kommunen und Gemeinden nicht finanzieren, ohne attraktive Städte kommen nicht genug Kunden zu den Händlern vor Ort.

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HDE-Präsident Josef Sanktjohanser: „Mehr Spielräume für Innovationen im Handel und Chancengleichheit“ (c) picture alliance/dpa Bildagentur

 

Welche Themen sind aus Ihrer Sicht die entscheidenden?

Die Digitalisierung erfordert hohe Investitionen. Viele Händler wollen Onlineshops aufbauen, zu Multichannel-Händlern werden oder ihre stationären Geschäfte mit digitalen Serviceleistungen für die Kunden verknüpfen. Wenn wir wollen, dass die stationären Händler auch in Zukunft unsere Innenstädte lebenswert und attraktiv halten, dann müssen wir an einigen Schrauben drehen. Eine wichtige Baustelle ist hier die Gewerbesteuer. Die Hinzurechnungen von Mieten und Pachten wirken im aktuellen Strukturwandel oft krisenverschärfend und müssen auch in schlechten Jahren bezahlt werden. Bei den Sonntags-Ladenöffnungszeiten müssen die Kommunen wenigstens die bestehenden Möglichkeiten auch ausnutzen. Restriktive Ladenöffnungszeiten sind ein Hindernis für den stationären Handel im Wettbewerb mit dem Online-Handel. Insgesamt muss ein Ziel der Politik sein, faire Wettbewerbsbedingungen zwischen stationärem Handel und E-Commerce zu schaffen.

Dem HDE geht es dabei auch immer wieder um Steuergerechtigkeit. Wo liegt der Haken?

Warum sollen auf dem deutschen Markt aktive Onlinehändler hier kaum Steuern bezahlen, während die stationären Händler die Infrastruktur bezahlen, die auch der Onliner nutzt? Diese Ungleichgewichte gilt es durch neue, an die Moderne angepasste Regelungen in den Griff zu bekommen. Wenn wir insgesamt am Ende der Dialogplattform mehr Spielräume für Innovationen im Handel und mehr Chancengleichheit zwischen E-Commerce und stationärem Handel hinbekommen, dann können wir zufrieden sein, dann ist das ein Erfolg.

Welchen Einfluss konnte der HDE auf die Entwicklung der Plattform nehmen?

Der HDE hat sich bereits im Vorfeld in zahlreichen Gesprächen mit dem Ministerium in die Konzeption der Plattform eingebracht und Schwerpunkte, Struktur und Ablauf maßgeblich mitgestaltet. Deshalb wird der HDE auch innerhalb der Dialogplattform selbst eine führende Rolle einnehmen. So präsentiert zum Start der Plattform HDE-Vizepräsident Professor Dr. Timm Homann für Ernsting’s Family den Strukturwandel aus Sicht eines Multichannel-Unternehmens. Und Hauptgeschäftsführer Stefan Genth ist Teil des Vorsitzes des Beirats der Dialogplattform. Insgesamt sind wir also thematisch und im praktischen Ablauf eng eingebunden.

Lange hat sich die Bundesregierung unter dem Stichwort „Industrie 4.0“ um den Strukturwandel im produzierenden Gewerbe gekümmert. Kommt die Handelsinitiative nicht zu spät?

Der „Handel 4.0“ ist mit Online- und Multichannel- Handel früher dran gewesen als die „Industrie 4.0“. Die Sensibilität für diesen Bereich ist – auch durch die konsequente Arbeit des HDE – in der Politik mittlerweile deutlich gewachsen. Insofern kommt die Handelsinitiative spät, aber nicht zu spät.

 

Informationen:

www.bmwi.de/DE/Themen/Mittelstand/ Mittelstandspolitik/dialogplattformeinzelhandel.html

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