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Kolumne, Technik & Prozesse

Gastkommentar: Die Feuerwalze

Bis vor wenigen Jahren galt der Einzelhandel gemeinhin als „untechnisch“. Der digitale Wandel hat allerdings in kürzester Zeit relevante Teile des Handels in eine Hightechbranche verwandelt, in der ein unablässiger Strom von Innovationen erzeugt wird. Es stellt sich die Frage: Wie viel Technik braucht der Einzelhandel wirklich?

Allen voran gibt Amazon als disruptiver Zerstörer den Innovator, ohne dass ihm bisher wirklich ernsthaft etwas entgegengehalten wird. Während im englischsprachigen Raum mittlerweile eine regelrechte Mobilisierung gegen die „Feuerwalze Amazon“ erfolgt, werden in deutschen Landen noch eher die Zeichen auf „Lauffeuer statt Feuerwalze“ gedeutet. So katapultierten Wal-Mart und Macy’s in den USA oder John Lewis in Großbritannien jeweils mit Milliardenaufwendungen ihre E-Commerce-Plattformen in kürzester Zeit zu beachtenswerten Amazon-Gegnern, wohingegen die deutschen Stationärhändler immer noch ihr Leitmotiv oder gar Heil in einer Flächenexpansion sehen.

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Professor Dr. Gerrit Heinemann lehrt Betriebswirtschaftslehre, insbesondere Managementlehre und Handel, an der Hochschule Niederrhein in Mönchengladbach und leitet deren E-Web Research Center. Professor Dr. Gerrit Heinemann lehrt Betriebs-wirtschaftslehre, insbesondere Managementlehre und Handel, an der Hochschule Niederrhein in Mönchengladbach und leitet deren E-Web Research Center. (c) HDE

So gegensätzlich sind die Strategien: groß angelegte Filialschließungen in den USA wie bei Staples oder Radioshack bei parallel durchgeführten Online-Offensiven auf der einen Seite, auf der anderen Seite und damit hierzulande weitere Flächenexpansionen mit mehr als einer Million Quadratmeter zusätzlicher Verkaufsfläche (auf insgesamt über 124 Millionen Quadratmeter) noch im Jahr 2013, begleitet von kaum ernst zu nehmenden Systeminvestitionen.

Noch extremer und konsequenter

Worte statt Taten sind es, wenn die Chefs von Rewe oder Metro von ihren Online-Offensiven sprechen, aber kaum mehr als ein Prozent ihrer Investitionsbudgets in die Digitalisierung stecken, während stationäre Händler im englischsprachigen Raum bis zu 50 Prozent ihrer Mittel in Zukunftssysteme allokieren und zugleich ihre Verkaufsflächen reduzieren oder zurückbauen. Der Siegeszug des Onlinehandels sei die größte Herausforderung seit Erfindung der Selbstbedienung im Jahre 1938, sagt Michael Gerling, Geschäftsführer des EHI. Immerhin sind mindestens 70 Prozent des Handels heute SB-orientiert; und die Digitalisierung wird eine ähnliche Durchdringung im Handel erreichen, allerdings nicht erst in 75 Jahren, sondern mindestens fünfmal schneller.

Treiber dieser Entwicklung ist der Kunde, der zunehmend Technik nutzt und damit unglaubliche Vorteile erzielt. Und die Kunden erwarten vom Handel, die Technik „anytime“ und „anywhere“ einsetzen zu können. Darüber hinaus bestehen sie auf voller Transparenz ihres Händlers und der Möglichkeit, sich vor dem Ladenbesuch im Internet „aufzuschlauen“, damit sie den Einkauf vorbereiten oder sofort das Produkt per Klick kaufen können. Auch der stationäre Händler könnte seinen Kunden diese Wünsche erfüllen, sei es durch einen zusätzlichen Onlineshop oder durch „Digital-in-store“-Angebote. Durch Verfügbarkeitsabfragen, Reservierungsmöglichkeiten oder „Click and Collect“ kann er noch eins draufsetzen.

Insbesondere die Smartphone-Nutzer möchten vor dem Besuch der Innenstadt oder des Ladens die Verfügbarkeit der Waren abfragen. Viele lokale Händler verfügen allerdings nicht einmal über elektronische, geschweige denn funktionierende Warenwirtschaftssysteme. Und Amazon? Die Kampfmaschine wird das Spiel noch extremer und konsequenter spielen. Roboter, wie Amazon bestätigt hat, werden bereits in den USA installiert und bringen eine Effizienzsteigerung von bis zu 30 Prozent. Das ist die Antwort: So viel Technik braucht der Einzelhandel wirklich, vor allem, um auch nur annähernd eine Chance gegen die „Feuerwalze Amazon“ zu haben!

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