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Genossenschaftlich organisiert sein: Klingt altertümlich, ist aber hochmodern. Das zeigen nicht nur die Rewe oder Edeka, sondern auch viele Handelsunternehmen.

Auch heute noch lebt der Grundgedanke des genossenschaftlichen Miteinanders im Einzelhandel fort.“ Josef Sanktjohanser, HDE-Präsident und selbst leidenschaftlicher Rewe-Genosse, ist von diesem Gedanken zutiefst überzeugt. Denn es gibt gute Gründe für diese Unternehmensform, die gerade im Einzelhandel hoch erfolgreich ist. Eine eingetragene Genossenschaft (eG) ist eine juristische Person wie etwa eine Aktiengesellschaft (AG) oder eine GmbH. Die Rechtsgrundlage für Genossenschaften ist das Genossenschaftsgesetz (GenG). Jede Genossenschaft verwaltet sich selbst. Durch das GenG ist zwingend vorgeschrieben, dass Personen wie Vorstand etc. auch Mitglieder dieser Genossenschaft sein müssen. Es sind also immer die Genossenschaftsmitglieder selbst, die die Entscheidungen treffen oder zumindest kontrollieren. Die Genossenschaft ist — trotz aller Gemeinschaftsgedanken — ein wirtschaftliches Unternehmen. Sie muss sich im Markt bewähren. Grundlage ist jedoch, dass die Genossenschaft die wirtschaftlichen, sozialen oder kulturellen Belange ihrer Mitglieder fördert. Dieser Förderzweck ist im Genossenschaftsgesetz zwingend vorgesehen. Die eG-Gründer haben also eine hohe Garantie, dass sich ihr Werk in ihrem Sinne entwickelt. Eine Genossenschaft ist nicht mehr und nicht weniger als ein Netzwerk. Einzelne Personen oder Unternehme n schließen sich zusammen, bündeln ihre Interessen, erzielen so Größenvorteile und teilen die damit erreichten Erträge untereinander auf. Als Genossenschaft im Einzelhandel können sie etwa gegenüber der Industrie wie ein Großkunde auftreten und Mengenrabatte aushandeln.

Als Reaktion auf die fortschreitende Industrialisierung wurden Genossenschaften Mitte des 18. Jahrhunderts geboren. 1744 wurde die erste eigenständige Arbeiter-Genossenschaft Nordengland von 28 Arbeitern der dortigen Baumwollspinnereien gegründet. Im deutschsprachigen Raum kam diese Idee erst rund 100 Jahre später an. 1847 rief Friedrich Wilhelm Raiffeisen in Weyerbusch (heute Neuwied) einen Hilfsverein für die notleidende ländliche Bevölkerung ins Leben. Als Fortentwicklung dieser Idee gründete er 1862 mit dem „Heddesdorfer Darlehnskassenverein“ die Urzelle der Raiffeisen-Banken. Zeitgleich konstitutierte Hermann Schulze-Delitzsch in Delitzsch die „Rohstoffassoziation“ für Tischler und Schuhmacher. Nach den Grundsätzen der Selbsthilfe, Selbstverwaltung und Selbstverantwortung entwickelte er 1850 den „Vorschussverein“ — den Vorläufer der heutigen Volksbanken.

Im Einzelhandel etablierte sich das Genossenschaftsprinzip in der gleichen Zeit. So schufen im Jahr 1850 Handwerker und Arbeiter der sächsischen Kleinstadt Eilenburg die „Lebensmittelassociation“, die erste Konsumgenossenschaft in Deutschland, deren Tradition heute noch vom Konsum Sachsen-Nord weitergeführt wird. Deutschlands größte Konsumgenossenschaft im Lebensmittelhandel ist die coop eG in Kiel mit über 200 Märkten in Norddeutschland. Das Merkmal der Konsumgenossenschaften: Sie gehören nicht Unternehmern, sondern Privatpersonen, also Konsumenten.

Die weitaus bedeutenderen Genossenschaften im Einzelhandel sind heute Unternehmer-Genossenschaften. Die größte davon ist die Edeka. Sie entstand 1898, als sich 21 Einkaufsvereine aus dem Deutschen Reich im Halleschen Torbezirk in Berlin zur „Einkaufsgenossenschaft der Kolonialwarenhändler im Halleschen Torbezirk zu Berlin“ — kurz E. d. K. — zusammenschlossen. Derzeit bilden sieben Regionalgesellschaften mit mehr als 4.000 selbstständigen Einzelhändlern und 6.200 Märkten die breite Basis der Edeka. Die Genossenschaften sind Eigentümer der Edeka Zentrale AG & Co. KG und zu 50 Prozent Eigentümer der Regionalgesellschaften. Der zweite Gesellschafter bei diesen Gesellschaften ist die Edeka Zentrale AG & Co. KG in Hamburg. Die selbständigen Einzelhändler stehen in Deutschland für über 50 Prozent des Gruppenumsatzes. Der Rest wird von Filialsystemen gebildet. Ebenso ist die Rewe aufgebaut. Der „Revisionsverband der Westkauf-Genossenschaften“ wurde 1927 als Genossenschaft in Köln gegründet. Die selbständigen Lebensmittelhändler bilden immer noch die genossenschaftliche Basis des Handelskonzerns, wurden allerdings ergänzt durch den Aufkauf mehrerer Filialsysteme. 1974 beteiligte sich die Rewe zu 50 Prozent an der Bad Homburger Leibbrand-Gruppe, einem bis dato eher regionalen Filialisten. Weitere Aufkäufe im Lebensmittelhandel folgten, etwa Deutscher Supermarkt oder Stüssgen. Inzwischen gibt es in Europa 14 Länder mit Rewe-Märkten. Es blieb allerdings nicht bei Lebensmitteln. Rewe expandierte in Elektronikmärkte, Baumärkte und in die Touristik. Heute erwirtschaften 15.500 Einzelhandelsgeschäfte und der Touristikbereich einen Umsatz von rund 42 Mrd. Euro (Gruppen-Umsatz rund 50 Mrd. Euro). Der selbstständige Einzelhandel, die Quelle der Genossenschaft, ist daran mit 10,6 Mrd. Euro beteiligt, also — bezogen auf Deutschland — unter 30 Prozent.

Daneben gibt es auch die Intersport-Händler, die derzeit in 61 Ländern vertreten und im deutschen Sportfachhandel Marktführer sind. 1968 wird die Intersport International Corporation (IIC) Bern von zehn nationalen Einkaufsverbänden gegründet. Neben Deutschland sind die Gründungsmitglieder Österreich, Belgien, Dänemark, Frankreich, Italien, Niederlande, Norwegen, Schweden und Schweiz beteiligt. Weitere Länder folgten, erstmals 1973 auch Übersee, nämlich Kanada. Die deutsche Intersport steht für 2,8 Mrd. Euro, erwirtschaftet von rund 100 Mitgliedern und 1.500 Geschäften. Die Einkaufsgenossenschaft für Spielwaren, Vedes, ist weit älter und wurde 1904 von 14 deutschen Spielwarenfachhändlern in Leipzig gegründet. 1969 kamen mit dem Spielzeugring 351 Fachhändler hinzu. Heute erzielen 1.150 Fachhändler in Deutschland, Österreich, Italien, Belgien, Luxemburg, Ungarn, den Niederlanden und der Schweiz einen Umsatz von 570 Mio. Euro, davon 470 Mio. in Deutschland.

„Die alte Form der Genossenschaft ist also immer noch hochaktuell“, sagt Josef Sanktjohanser. „Sie steht für ein Miteinander ihrer Mitglieder und für Selbstverwaltung.“ Die demokratische Willensbildung sorgt dafür, dass nicht nur Partikularinteressen Einzelner verfolgt werden. Im Gegenteil: Die komplette Erfahrung der Mitglieder schlägt sich in strategischen Entscheidungen der Genossenschaft nieder. Wie die Marktbedeutung der Genossenschaften zeigt, kann das nicht so verkehrt sein.

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