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Draußen vom Walde

Möbel haben einen weiten Weg hinter sich, bis sie verkauft werden können. Und der Handel muss jeden einzelnen Schritt zurückverfolgen können, um glaubwürdig zu sein.

Holz ist wohl das älteste Nutzmaterial der Menschheit überhaupt: Seit dem Bau der ersten einfachen Hütten und beim Zünden früher Feuer hat der vielseitige Stoff von Anfang an die Menschen auf den Etappen in die heutige Zivilisation begleitet. Heute ist die moderne Holz- und Forstwirtschaft ein Wirtschaftszweig, der seine Wurzeln im doppelten Sinne in der Natur hat. An der industriellen Möbelproduktion lässt sich exemplarisch der Weg des nachwachsenden Rohstoffs vom Baum bis zum fertigen Einrichtungsstück zeigen lässt — denn längst ist auch dieser Markt global.

Der Großteil des Holzes der von uns in Deutschland verkauften Möbel stammt aus Polen“, sagt Kai Hartmann, Sprecher von Ikea Deutschland. „Dabei legen wir großen Wert auf die Einhaltung unseres Verhaltenskodex durch die Zulieferer und die verarbeitenden Werke.“ So beschäftigt das schwedische Möbelhaus eigene Forstwirtschaftsfachleute, die regelmäßig Wälder direkt vor Ort darauf untersuchen, ob sie für eine nachhaltige Bewirtschaftung geeignet sind. Anhand eines eigenen, elektronisch unterstützten Systems können die Kontrolleure von Ikea während der einzelnen Schritte vom Fällen der Bäume über das Zerlegen im Sägewerk bis zum Fertigen von Teilen wie Stuhlbeinen, Tischplatten oder Spanplatten die Herkunft des Holzes nachvollziehen — und auch das Wiederaufforsten gerodeter Waldflächen gehört dazu: Schließlich bezieht Ikea bereits seit etwa fünfzig Jahren Holz aus Polen. „Dieses Prüfen ist in unserem eigenen Interesse“, sagt Hartmann. „Denn als Möbelhändler müssen wir hier auf Langfristigkeit achten und dürfen buchstäblich nicht den Ast absägen, auf dem wir sitzen.“ Doch die Komplexität des Holzmarkts und die spezifischen Unterschiede der einzelnen und voneinander unabhängigen beteiligten Branchen erschweren in aller Regel das Rückverfolgen eines Holzstücks bis zu seinem Ursprung — unmöglich ist es aber nicht. Dort im Wald ist der Baum zunächst ein lebender Organismus. Ist er dann gefällt und von Krone, Ästen und Wurzel befreit, bleibt zunächst der Stamm als Rundholz übrig — mit einem Wasseranteil von teilweise über 50 Prozent. Ein halbes Jahr oder bisweilen sogar noch deutlich länger muss das Holz zunächst zum Trocknen gelagert werden, bis dieser Wert auf etwa 20 bis unter 10 Prozent gesunken ist, was auch hier je nach Holzart unterschiedlich ist. Dann erst sollte das Holz im Sägewerk zu Bohlen, Brettern oder zu Furnier geschnitten oder gemessert werden. Ein noch zu feuchtes Holz könnte Risse bilden oder sich nach dem Verarbeiten unerw ünscht verziehen.

ischler beziehen dann ihr Arbeitsmaterial meist im Handel. Schon dort ist allerdings nicht immer und in jedem Fall eindeutig nachvollziehbar, ob ihr Holz auch tatsächlich aus ökologisch einwandfreien Quellen stammt. Denn hier steht die Zunft am Ende des Holz-Wegs. So ist erst im März dieses Jahres die so genannte EU-Timber-Regulation in Kraft getreten, die illegalem Holzeinschlag den Riegel vorschieben soll. Die Regel besagt, dass in der Europäischen Union illegal geschlagenes Holz nicht in Verkehr gebracht werden darf. Betroffen sind davon also in erster Linie Holz- und Rohstoffhändler, die das Material rechtlich dann als erste auf den Markt bringen. Doch sind hier Kontrollen schwierig, weil sich die „Illegalität“ des Holzes auf die Rechtsvorschriften des Ursprungslandes bezieht — sind dort die Gesetze also weniger streng, wird das Umsetzen von europäischen Umwelt-Zertifikaten und Schutzmaßnahmen schwierig. Und hat das Holz einmal den Weg in den Handel gefunden, sind Sanktionen kaum mehr möglich. Greenpeace kritisiert das neue Regelwerk daher. So schätzt die Umweltorganisation, dass etwa 16 bis 19 Prozent der Holz- und Papierimporte in die EU aus illegalen Quellen stammen: Schon kurz nach Inkrafttreten der EU-Regulation stießen die Umweltschützer denn auch im Hafen von Antwerpen auf 200 cbm seltenen Wenge-Holzes, einer bedrohten afrikanischen Baumart aus dem Kongo. Im August tauchte ein Teil der Ladung auch in Deutschland auf. Sorgen bereitet Greenpeace aber auch die heimische Forstpolitik. „In den vergangenen zwanzig Jahren ist der Holzeinschlag in Deutschland auf ein Niveau angestiegen, bei dem fast mehr Bäume gefällt werden als neue nachwachsen“, sagt Martin Kaiser, Leiter Internationale Klimapolitik bei Greenpeace. „Hinzu kommt, dass sich viele Wälder in Deutschland ökologisch verschlechtern, da an die Stelle früherer Laubbaumwälder oft schneller wachsende Nadelhölzer gepflanzt werden“, sagt der Forst-Experte. „Dabei werden dann außerdem leider vielfach Bäume wie die Douglasie gesetzt, die ursprünglich nicht aus unserem Ökosystem stammt.“ Das hat Folgen für ganze Landstriche, die dadurch nicht nur ihr ursprüngliches Landschaftsbild verlieren: Auch Tierwelt, Böden und Wasserkreislauf sind davon betroffen. Ein Weg zu mehr Nachhaltigkeit und Umweltfreundlichkeit liegt daher in der Zertifizierung von Holz- und Waldwirtschaft. „Pro Jahr verbraucht Deutschland etwa 150 Mio. Festmeter Holz, 70 Mio. davon stammen aus Deutschland“, sagt Dirk Riestenpatt, Gruppenleiter des Berliner Forstbetriebs und Vorsitzender des Forest Stewardship Council Deutschland (FSC). Die internationale Non-Profit-Organisation lässt von unabhängigen Gutachtern und Organisationen Zertifikate ausstellen: Diese FSC-Label auf einem Holz- oder Papierprodukt sollen garantieren, dass das jeweilige Erzeugnis aus verantwortungsvoller Waldwirtschaft stammt und ökologische, ökonomische und soziale Kriterien erfüllt. „Unser Ziel ist, die Holzherkunft für die Kunden transparent zu machen“, sagt Riestenpatt.

erlin als überschaubarer Stadtstaat mit etwa 25.000 ha bewirtschafteter Forstfläche kann hier bereits auf eine jahrhundertealte Tradition zurückblicken, die bis heute gelebt wird. „Hier gilt das Prinzip, dass nicht mehr Holz geschlagen als gepflanzt werden darf“, sagt Riestenpatt. „Etwa alle zehn Jahre führen wir zur Prüfung daher eine Inventur der Waldbestände durch.“ Etwa die Hälfte des Berliner Waldbestands ist bislang zertifiziert. Doch bis sogar einem fertigen Möbelstück die Herkunft seines Holzes per Zertifikat regional präzise nachgewiesen werden kann, wird noch viel Zeit ins Land gehen. „Mehrere Anstöße für regionalisierte Holznutzung gibt es bereits“, sagt Riestenpatt. „Doch für den Großteil des Holzes werden andere Zertifizierungsverfahren genutzt. Sie weisen zwar nicht die regionale Herkunft aus, aber garantieren, dass das Holz zu bestimmten kontrollierten Bedingungen hergestellt wurde.“ So dokumentiert das FSC-Label den ganzen Weg vom Einschlag bi s zum Händler über Zertifizierungsnummern. Darüber hinaus garantiert das Label auch, dass das Holz über diese gesamte Kette hinweg nicht mit unzertifiziertem Holz vermischt wurde. Um die Natur zu schonen und Holz möglichst lange in den Kreisläufen der Wirtschaft zu halten, denkt Riestenpatt noch weiter in die Zukunft. „Holz ist auch ein Kohlendioxidspeicher. Hier ließe sich der Zyklus von verarbeitetem Holz dadurch verlängern, dass es möglichst lange genutzt wird.“

och ist zum Beispiel das Recyceln von alten Möbeln oder Teilen momentan noch eine Angelegenheit weniger avantgardistischer Designer von extravaganten Einzelstücken wie Tischen aus alten Dielenböden oder Kommoden mit scheinbar zusammengewürfelt angebrachten Schubladen von ausgemusterten Vorgängern. Bis eine echte Nachhaltigkeitswende auf dem Holzmarkt eintritt, müssen die Schützer von Wald und Natur noch viel Aufklärungsarbeit leisten: Denn allein in Deutschland wird die Hälfte des genutzten Holzes derzeit energetisch verwertet und nicht verbaut — was in der Regel bedeutet, dass der Rohstoff einfach im Feuer landet.

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