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Quo Vadis, Fairer Handel???

Supermarkt, Weltladen, Fachgeschäft: Welche Vertriebsschiene beim Verkauf fairer Produkte die besseren Karten hat, diskutiert das handelsjournal in Berlin.

Wo liegt die Zukunft des Fairen Handels? Eine Frage, die das handelsjournal im Vorfeld der Messe Fair trade & friends (6. bis 8. September 2013, Westfalenhallen Dortmund) diskutiert. Jürgen Sokoll (Eine-Welt-Netz NRW), Thomas Speck (Gepa), Dirk Heim (Rewe Group), Claudia Strauß (Weltladen Zeichen der Zeit), Nicole Jäckle und Ben Irion (Supermarché), geben Antworten, die nicht immer deckungsgleich sind. Doch so unterschiedlich die Standpunkte der Teilnehmer auch sind — in einem sind sich alle einig: Sie wollen benachteiligte Produzenten unterstützen.

2012 haben deutsche Verbraucher fair zertifizierte Produkte im Wert von 533 Mio. Euro gekauft. Das ist eine erneute Steigerung um 33 Prozent. Wachsen hier die Bäume in den Himmel?
Speck: Man darf nicht vergessen, dass der Markt mit weniger als 4 Prozent Umsatzanteil in Deutschland noch relativ klein ist. In anderen Ländern Europas ist er wesentlich größer. Deshalb ist das Ende der Fahnenstange überhaupt noch nicht erreicht. Man kann jedoch davon ausgehen, dass die Entwicklung in den nächsten Jahren so weiter gehen wird.

Wie sieht die Entwicklung bei Textilien aus?
Jäckle: In der Textilbranche ist es schwieriger, da es bis zum Endprodukt verschiedene Produktionsschritte sind. Und Fairtrade gelabelt ist ja nur die Baumwolle. Erschwert wird der Prozess auch durch die Menge an Labels, die es gibt und von denen einige weitere Produktionsschritte wie den Färbeprozess mit einbeziehen oder die Arbeitsbedingungen, unter denen produziert wird, andere jedoch nicht. Das alles ist kompliziert und für Kunden nahezu undurchschaubar.

Wie handhaben Sie das?
Jäckle: In der Regel listen wir Produkte mit Zertifikaten wie Fairtrade oder GOTs, die wir glaubwürdig finden. Außerdem arbeiten wir mit sehr kleine Marken, von denen wir die Hersteller persönlich kennen, aber auch z. B. mit einer kleinen Kooperative in Nicaragua, die für das Endprodukt keine Zertifizierung hat. Auch hier kenne ich die Leute und die Kooperative. Das funktioniert aber natürlich nur, wenn man sich vertraut.

So einen persönlichen Einsatz kann natürlich so ein Konzern wie die Rewe gar nicht leisten?
Heim: Ich habe gelernt, dass nicht jedes Zertifikat das hält, was draufsteht. Zwar genießen Zertifikate einen gewissen Vertrauensvorschuss. Trotzdem schauen wir bei Rewe hinter die Kulissen. Wir leisten es uns, gegebenenfalls auch vor Ort zu prüfen, die Bedingungen und Standards zu prüfen. So haben wir es z. B. bei den Fairtrade-Blumen aus Kenia getan.

Wie wichtig sind Siegel?
Strauß: Ich habe das Gefühl, dass die jungen Leute mittlerweile sehr Siegel-gläubig sind. Für mich ist das eine neue Markengläubigkeit. Das Produkt muss schick aussehen, dann präsentieren sich die Leute mit den fairen Logos wie mit einer Marke.

Können Sie das an einem Beispiel erläutern?
Strauß: Ich habe mich z. B. auf der Internetseite der Uni-T-Shirts umgesehen, dort jede Menge Informationen zu Zertifizierungen gefunden, aber keine einzige dazu, aus welchem Land die T-Shirts kommen.
Jäckle: Das ist die Chance der kleineren Händler. Ich kann von meinen Produkten fast immer sagen, wo die Baumwolle herkommt und wie die Artikel produziert wurden.
Speck: Es gibt hier zwei Modelle: zum einen die ganz kleinen Händler, die mit festen Produktions- und Lieferketten zusammenarbeiten, und die großen Unternehmen, die die Sachen kaufen, die sie bekommen und darauf hoffen, dass die Siegel ihrer Produzenten in Ordnung sind.

Welcher Weg ist besser?
Speck: Es gibt kein Besser oder Schlechter. Aber es gibt unterschiedliche Ziele. Wenn ich viele Konsumenten erreichen will, in die Menge gehen und viele Produzenten fördern will, brauche ich Handelsunternehmen mit vielen Outlets am Markt wie den klassischen LEH. Wenn ich jedoch auf Substanz setze, auf Qualität oder Innovationen, dann funktioniert die Zusammenarbeit besser mit Weltläden oder kleinen Händlern. Dann habe ich andere Möglichkeiten, kann mit anderen Produkten arbeiten, persönliche Partnerschaften mit den Herstellern eingehen und sie fördern. Denn darum geht es ja: Wir wollen benachteiligte Produzenten unterstützen, die zu klein für große Absatzmengen sind.
Strauß: Wir haben z. B einen lila Reis von der Gepa, bei dem viele Produzenten involviert sind, die alle versiegelt werden müssten. Also hat das Produkt kein Biosiegel. Der Verkauf funktioniert dann nur im Fachgeschäft, wenn im persönlichen Gespräch zwischen Kunden und Verkäufer eine „Story“ erzählt werden kann. Im Supermarkt funktioniert das nicht.


Welche anderen Probleme machen die Siegel?
Speck: Es gibt in Europa mehr als 400 Siegel. Das sorgt eher für Verwirrung als für Orientierung.
Strauß: Für mich ist es wichtig, dass die Siegel halten, was sie versprechen. Wenn es hier zu einem Skandal kommen sollte, wird der Vertrauensbruch groß sein.
Ben Irion: Das Problem ist auch, dass sich jeder sein eigenes Siegel basteln kann; dass es Industriesiegel gibt, die teilweise sehr fragwürdig sind, weil sie kein externes Monitoring zulassen.

Wie meinen Sie das?
Jäckle: Es gib auf der einen Seite Zertifizierungsorganisationen, die von außen kommen und sich mit NGO zusammenschließen, und es gibt Zertifizierungsorganisationen, die von den Herstellern selber gegründet werden. Hier kann man ja nicht wirklich von externer Kontrolle sprechen. Und Selbstkontrolle ist immer schwierig.
Heim: Die meisten Siegel sind privatwirtschaftlich organisiert. Aber natürlich macht es einen Unterschied, ob eine externe Kontrollorganisation die Einhaltung der Standards regelt oder ob ich diese Standards in einer Art Selbstkontrolle überprüfe. Auch wir haben ein eigenes Siegel, das wir allerdings extern kontrollieren lassen, um nachhaltige Benefits sicherzustellen und Angriffsrisiken zu minimieren.

Kunden fordern verstärkt auch die Einhaltung sozialer Standards ein, auch in Deutschland, nicht wahr?
Ben Irion: Ja. So musste sich die Bio Company die Frage gefallen lassen, wie sie denn mit ihren Leuten umgehe. Auch für mich ist fair gesiegelter Kaffee, der bei Lidl verkauft wird, nicht mehr fair. Fair heißt für mich, dass auch die Arbeitnehmer in Deutschland fair behandelt werden.
Strauß: Man sollte die Konsumenten nicht bevormunden, sondern ihnen überlassen, ob sie fairen Kaffee bei Lidl kaufen und damit Produzenten in Entwicklungsländern unterstützen, aber gleichzeitig ein Unternehmen fördern, dass soziale Standards in Deutschland nicht einhält.
Sokoll: Auf dem Fairtrade-Weltmarkt gibt es viele fair produzierte Produkte, die bei weitem die Nachfrage übersteigen. Deshalb muss man dafür sorgen, dass der Absatzmarkt für fair gehandelte Produkte wächst. Da nun in der deutschen Lebensmittelbranche die Discounterschiene dominiert, wäre es scheinheilig, den Discounter außen vor zu lassen.

Wie lösen Sie in der Rewe-Gruppe den Konflikt zwischen dem Fachhändler und der Discountschiene Penny?
Heim: Ich sehe da keinen Konflikt. Ein Unternehmen ist nachhaltig, wenn sich dieser Gedanken in der gesamten Geschäftspolitik widerspiegelt.
Jäckle: Ich finde schon, dass es da ein Problem gibt. Wenn z. B. Kik für eine kleine Gruppe fair gehandelter Produkte wirbt, obwohl der Großteil unter unmenschlichen Bedingungen hergestellt wurde, wertet der Händler mit einer kleinen Produktreihe das Image auf und verkauft unter diesem Deckmantel gleichzeitig Produkte, die dem konträr entgegenstehen.
Heim: Diese Diskussion haben wir bei uns im Haus auch. Nehmen wir das Thema artgerechte Tierhaltung: Bei der Menge an Fleisch, die wir bei uns verkaufen, haben wir auch eine ganze Reihe von Produkten, die dem nicht entsprechen. Gleichzeitig verkaufen wir viele Bio- oder Pro-Planet-Produkte. Da stellt sich die Frage: Qualifizieren wir nicht automatisch Artikel ab, wenn wir Produkte mit einem höheren Standard anbieten? Wir haben uns entschieden, den Kunden die Möglichkeit zu geben, selbst zu entscheiden: ob Preiseinstieg oder Highend oder bio oder fair.


Sind denn in Krisenzeiten wie diesen die Verbraucher bereit, die meist teureren Fair-Produkte zu kaufen?
Heim: Das Geld ist da. Es ist eher ein Frage der Prioritäten. Und die Kunden werden immer sensibler für das Thema.
Ben Irion: Wir haben die Erfahrung im letzten Jahr mit Hoodles gemacht, die relativ teuer waren: Wenn die Qualität stimmt, dann sind die Leute auch bereit, die teureren Preise zu bezahlen.
Jäckle: Natürlich gibt es auch Leute, die keine Wahlfreiheit haben. Sie haben kein Geld und können sich nicht überlegen, ob sie sich eine faire Jeans kaufen. Aber es gibt immer mehr Leute, bei denen sich die Prioritäten verschoben haben. Sie verzichten dann auf etwas anderes, um sich die faire Jeans kaufen zu können.

Wie haben sich denn die Preise entwickelt?
Sokoll: Da die Stückzahlen steigen, sind die Preise gesunken. Mittlerweile gibt es auch bei fair gehandelten Produkten eine Preisspanne von hoch- bis niedrigpreisig. Deshalb kann man gar nicht mehr sagen, dass fair gehandelte Produkte so exorbitant teurer sind.
Speck: Man wird es nicht schaffen, dass faire Produkte die preiswertesten sind. Aber so, wie ich unterschiedliche Qualitäten habe, habe ich auch unterschiedliche Preise. Mittlerweile habe ich bei fairen Produkte das komplette Qualitätsbild — mit einer großen Preisdifferenzierung.
Heim: Fair gehandelt ist nicht automatisch ein Qualitätsversprechen, sondern ein faires Handelsversprechen. Die Qualitätsunterschiede sind hier genauso vorhanden wie im konventionellen Bereich.

Gibt es Probleme bei der Verfügbarkeit einiger Produkte?
Speck: Ja. Wenn beispielsweise Weltmarktpreise von heute auf morgen in die Höhe schießen, müssen die Genossenschaften mit den niedrigeren Preisen vor Ort konkurrieren. Es wird dann nicht mehr die ganze Ernte, sondern nur noch ein Teil davon aufgekauft. Wenn dann z. B. Starbucks seine Filialen weltweit auf fairen Kaffee umstellt, kann es zu Problemen kommen. Da sind beispielsweise in Holland Kaffeekontrakte geplatzt.

Fair wird zurzeit um Themen wie Reduce oder Recycle erweitert. Wie stehen Sie dazu?
Jäckle: Diese Erweiterung ist gewollt. Allerdings ist eine gesunde Mischung wichtig, denn wir wollen ja die Produkte der Produzenten aus den Entwicklungsländern verkaufen.
Strauß: Vor allem in der Großstadt entwickelt sich ein Konglomerat des richtigen Konsums: Fairtrade, Bio, Veganismus, Recycling usw. Diese Trends mischen sich immer mehr.
Sokoll: Spannend sind auch Themen wie gemeinschaftlicher Konsum, Teilen, Tauschen, Borgen, die durch das Internet großes Poten-zial haben. Da wächst ein Markt heran, der noch gar nicht greifbar ist. Hier muss der Faire Handel schauen, ob er Partner finden kann.
Jäckle: Ein Riesenthema ist auch die Handmade-Szene. Wir organisieren hier in Berlin einen Markt für handgemachte und faire Produkte, der sich sowohl von der Angebotsseite als auch von der Nachfrageseite immer größerer Beliebtheit erfreut.

Welchen Stellenwert hat der Onlinehandel?
Jäckle: Wir haben mit dem Onlineverkauf begonnen und erst später ein stationäres Geschäft eröffnet. Für uns gehört Online also dazu. Idealerweise sollten sich beide Geschäftsbereiche ergänzen.
Sokoll: Was ich wichtig finde, sind Plattformen, die darüber informieren, wo ich was kaufen kann, die über Trends informieren. Auf der Schweizer Seite getchanged.de kann ich z. B. nachlesen, welche fairen Geschäfte es wo gibt und was sie verkaufen. Daher finde ich das Internet für den Fairen Handel sehr hilfreich.

Wohin wird sich der Faire Handel entwickeln?
Heim: Ich kann mir vorstellen, dass es künftig einige Produktgruppen nur noch noch als fair gehandelte Produkte geben könnte, wie z. B. Bananen, Kaffee oder Tee.

 

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