Alle Informationen für den Handel

Menschen & Management

Das Gold der Inkas

Kaffee ist eines der meistverkauften fairen Produkte. Doch ein Pilz bedroht die braunen Bohnen in Lateinamerika — und damit viele neuen Arbeitsplätze.

Magda Reza hat keine andere Wahl. Sie holt die Machete aus dem Schuppen, geht mit kräftigem Schritt rüber zu ihren Kaffeepflanzen und schlägt zu. Ein Strauch fällt, dann der nächste. „Ich kann nicht fassen, dass ich das tun muss“, sagt die stämmige Peruanerin. Während sie einen großen Teil ihrer Lebensleistung abholzt, muss sie immer wieder ihr angegrautes Haar aus dem verschwitzen Gesicht streichen. Sie schaut auf und flucht: „Es ist ein Desaster. Der Pilz hat fast alles zerstört.“ Schuld sei der „Cambio Climatico“, der Klimawandel. Dann nimmt sie das große Messer und schlägt wieder zu.

Magda Reza ist Kaffeeproduzentin im peruanischen Dschungel in der Provinz Chanchamayo, am Fuße der Anden. Ganz alleine betreibt das Mitglied der Fairtrade-Kooperative Sonomoro eine 8 ha große Farm inmitten grellgrüner Wildnis. Der Kaffee, der immer Kapital und Lebensversicherung war und den sechs Kindern das Studium ermöglichte, droht sie nun zu ruinieren. Der Pilz, auch Kaffeerost oder Roja genannt, hat bereits 6 ha befallen. Die meisten Pflanzen der nussig-fruchtigen Arabica-Sorte Caturra muss sie entfernen. Letztes Jahr hat Reza noch 120 Sack Bohnen zu je 60 kg geerntet, am Ende dieses Jahres werden es gerade noch 30 Sack sein.

Der Roja ist derzeit das drängendste Problem der Kaffee anbauenden Länder Latein- und Zentralamerikas. Der aggressive Fungus hat sich, begünstigt von der zu dieser Jahreszeit untypischen Feuchtigkeit, rasant ausgebreitet. Der Kaffeerost färbt die Blätter zunächst gelb, dann braun, frisst Löcher und lässt sie schließlich zu Boden fallen. Die Früchte verrotten an den Ästen. Seinen Ursprung hatte der Roja Anfang des Jahres in Mittelamerika. Der Befall hat sich rasch von Guatemala über Honduras, Costa Rica bis hin nach Kolumbien und Peru ausgebreitet. Von den ersten Anzeichen bis zum Absterben der Pflanzen vergehen nur wenige Wochen.

Allein in Zentralamerika hat der Roja nach Schätzungen des Deutschen Kaffeeverbands einen Ernterückgang von rund 15 Prozent und damit einen Schaden von einer halben Milliarde US-Dollar verursacht. In Peru, das den größten Teil seiner Ernte nach Deutschland exportiert, sind nach Schätzungen in manchen Regionen bis zu 70 Prozent der Pflanzen betroffen. Die Prognosen für das kommende Jahr sehen noch schlechter aus. Auf internationalen Kaffeekonferenzen ist der Roja das zentrale Thema. Experten arbeiten fieberhaft an einem Gegenmittel, bislang ohne Erfolg.

„Es gibt keinen Zweifel daran, dass der Klimawandel Schuld an dieser Entwicklung ist“, sagt Emilio Rojas Rimachi, verantwortlicher Fairtrade-Berater in Peru. Sein Land sei aufgrund der geografischen Lage eines der Hauptopfer der CO2-Emissionen, die die entwickelten Industrieländer verursachen. Die Temperaturen seien seit Jahren gestiegen, die Niederschläge heftiger geworden. „Die Situation für die Produzenten ist dramatisch.“ Der Anbau von Kaffee werde immer schwieriger. Früher hätten die Bauern noch auf 600 m anpflanzen können, inzwischen seien schon Lagen bis 1.200 m kritisch. „Wenn wir jetzt keine Maßnahmen ergreifen, wird es in fünf Jahren keine Kooperativen mehr in Peru geben“, lautet Rimachis düstere Prognose.

Die neue Hoffnung für Perus Fairtrade-Bauern liegt am Ende einer steilen Straße, die sich mitten durch den Dschungel schlängelt. Sechs Stunden dauert die beschwerliche Fahrt mit dem Geländewagen zur Farm „La Esperanza“, zu Deutsch „Die Hoffnung“. Hier, auf rund 1.800 m Höhe, hat Fairtrade International aus Bonn gemeinsam mit dem Discounter Lidl im Oktober vergangenen Jahres ein Modellprojekt ins Leben gerufen, in dem Magda Reza und die anderen Bauern der Sonomoro-Kooperative lernen sollen, mit den Folgen des Klimawandels umzugehen.

Dabei steht vor allem der Umgang mit Wasser im Mittelpunkt. Früher ließen die Produzenten die giftige Flüssigkeit, die bei der Fermentierung übrig bleibt, bedenkenlos ins Grundwasser sickern. Mit einem Naturfilter lässt sich die immer knapper werdende Ressource aufbereiten. Der Rest des sogenannten „Honigwassers“ geht gemeinsam mit dem Fruchtfleisch in den Kompost, der wiederum als Dünger wiederverwertet wird. Das Pflanzen heimischer Pinien soll dem Kaffee zudem wichtigen Schatten spenden und im Boden Feuchtigkeit konservieren. Auch die Aufforstung gerodeter Flächen will Fairtrade mit dem Projekt vorantreiben. Außerdem gibt es Theorie-Seminare, in denen der globale Kontext des Klimawandels vermittelt wird. „Das Problem mit dem Roja bekommen wir damit natürlich nicht sofort in den Griff. Aber wir können mit einfachen Mitteln ein nachhaltiges Umfeld schaffen, mit dem wir die Pflanzen im Kampf gegen Schädlinge resistenter machen“, erklärt Fairtrade- Berater Emilio Rimachi. Zudem erfülle die Modellfarm einen psychologischen Effekt. „Die Bauern sollen begreifen, dass sie ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen können und nicht nur auf die Hilfe von außen warten.“ Zwar hat sich auch die Regierung des Problems angenommen und einen Hilfsfonds von insgesamt rund 30 Mio. Euro aufgelegt. Doch vor der Auszahlung wird jeder einzelne Produzent von einem Gutachter überprüft. Bis das Geld fließt, können viele Monate vergehen.

Magda Reza gehörte zu den ersten Produzenten, die an dem Projekt teilgenommen haben. Inzwischen ist sie vom Lehrling zum Lehrer geworden. Jeder Bauer, der das Training durchlaufen hat, muss zehn andere Kooperativen-Mitglieder unterrichten. Das Wissen soll sich in einer Art Schneeballsystem verbreiten. Am Ende sollen alle 200 Mitglieder der Kooperative dasselbe Know-how haben. Für sich selbst hat Reza bereits eine Möglichkeit gefunden, die Zeiten der Krise halbwegs unbeschadet zu überstehen. Sie hat ihre Farm diversifiziert. Yucca, Bananen und Kakao sollen sie die nächsten Jahre das Auskommen sichern. Bald wird Magda Reza, die Peru noch nie verlassen hat, nach Deutschland reisen. Im Rahmen der „Fairen Woche“ wird sie im September durch die Bundesrepublik tingeln und auch in Schulen über den Roja und die Probleme mit dem Klimawandel erzählen. „Ich will den Menschen in Deutschland sagen, dass es nichts Besseres gibt als Kaffee aus Peru.“

{tab=Bildquelle}

Santiago Engelhardt

{/tabs}

Lesen Sie weiter


Agenda

Würdigung des fairen Handels

Der Auswahlprozess war nicht einfach, doch am Ende stand ein deutliches Votum: Bei der fünften Verleihung der Fairtrade Awards 2016 vermochte vor allem die Einzelhandelskette Lidl die Jury zu überzeugen. mehr...

Wir freuen uns über Diskussionen und Ihre Kommentare.
Wie in jeder Gemeinschaft ist es notwendig, dass sich alle Teilnehmer an die Netiquette halten. Durch Ihre Kommentare sollen interessante, gewinnbringende Debatten entstehen, an denen sich andere Nutzer gerne beteiligen. Beleidigungen und Schmähreden sind deshalb ebenso tabu wie Diskriminierungen und die unerlaubte Veröffentlichung persönlicher Daten. Bitte verstecken Sie sich auch nicht hinter Pseudonymen, sondern benutzen Sie Klarnamen.

Kommentar absenden

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *


*

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>