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Draußen zu Hause

Nach zweistelligen Zuwachsraten ist die Outdoorbranche in der Normalität angekommen. Mit Nischentrends will sie künftig punkten.

Eine Globetrotter-Filiale ist nicht lediglich eine Verkaufsfläche für Outdoorprodukte. Ob in Kältekammern mit Schneesturmanlage, Regenkammern mit Windmaschine, Kanubecken mit Gegenstromanlage oder Klettertunneln: Der Fachhändler für Outdoorprodukte präsentiert sich als Freizeitdestination, als Erlebniswelt sowie Spielwiese für Freizeit-, Extrem- und Profisportler. Die Branche lebt von Naturgeschichten, von Emotionen und von Erlebnissen in der Wildnis — und nicht erst, seit sich Harpe Kerkeling auf den Weg zur inneren Einkehr gemacht hat, haben viele Deutsche für sich die Lust an Bewegung in der Natur entdeckt. Entsprechend sind die Outdoorumsätze von 2006 bis 2011 laut Marktforschungsinitiative Marketmedia24 um insgesamt 44 Prozent gestiegen. Mit einem Anteil von 20 Prozent hat sich die Branche zum größten Segment im deutschen Sporthandel entwickelt.

Doch dieser Hype neigt sich langsam dem Ende. 2011 legte das Marktvolumen der Outdoorbranche laut den Experten von Marktmedia24 nur noch um 1,7 Prozent zu. Denn ob Wanderer oder Nicht-Wanderer wie z. B. Hundebesitzer, Fußballstadion-Besucher oder sogar SUV-Geländewagen-Fahrer: Alle sind mittlerweile mit Outdoorware ausgestattet. Laut BBE Handelsberatung besitzen fast 75 Prozent aller Nicht-Wanderer heutzutage wetterfeste Jacken. Die Hälfte von ihnen ist in Besitz eines Tagesrucksacks. „Mittlerweile haben sich fast alle Freizeitsportler mit Wanderschuhen oder Zelten eingedeckt und erneuern ihre Ausrüstung nur zögerlich“, sagt Andreas Steinle, Deutschland-Geschäftsführer des Zukunftsinstituts in Kelkheim. Auch neue Trends lassen auf sich warten. „Auf Nordic Walking folgten bisher keine wesentlichen Impulse“, legt er den Finger in die Wunde. Außerdem sind die momentanen Wetterkapriolen mit nassen Sommern und warmen Winter, aber auch die Eurokrise nicht gerade förderlich für eine Gegenbewegung.

Herausforderungen, der sich die Branche stellen muss, um am Markt zu bestehen. Doch mit Fantasie und Engagement gibt es immer Möglichkeiten, Geld zu verdienen. Vor allem gesellschaftliche Veränderungen haben enormes Potenzial für neue Markttrends — auch in der Outdoorbranche. So beobachtet Zukunftsforscher Steinle eine Abkehr von Tempo und Leistungsdruck. In ihrer Freizeit suchen die im Arbeitsleben oft von Terminen und einem hohen Arbeitspensum gebeutelten Menschen eher Entschleunigung, Erholung in der Natur und Bequemlichkeit. Auch der demografische Wandel spielt der Branche in die Hände. Die sogenannten Silver Ager suchen vermehrt die Symbiose aus Natur und Luxus. All diese Tendenzen finden sich peu á peu in neuen Outdoortrends wieder. Glamping — Glamour Camping — ist ein solcher Trend. Als Vorreiter gilt hier Allen Dominique Perrin. Der ehemalige Geschäftsführer von Cartier hat auf der französischen Atlantikinsel Noirmoutier einen Luxuscampingplatz eröffnet. Als edle Behausungen entstanden ebenso gemütliche wie innovative Häuschen aus Holz und Zeltplanen. Moderne Außenschwimmbecken, Planschbecken und überdachte Becken mit Massagetisch oder Sportanlagen für Tennis, Fitness und Wassersport sowie Zimmerservice u. a. runden das Angebot ab.

Auch die digitale Revolution kann für den Outdoorsport genutzt werden. „Wer mit Hilfe von Smartphones Hintergrundinformationen z. B. über die Umgebung oder aber über den Kalorienverbrauch bei einem Waldlauf einfach abrufen kann, bei dem schwinden die Hemmschwellen, sich auf den Weg in die Natur zu machen. Dadurch steigt die Attraktivität auch für die ältere Bevölkerung, sich draußen zu bewegen“, sagt Steinle. Dieser Bewegungsdrang muss durch die Branche mit Hilfe der richtigen Artikel unterstützt werden. Das E-Bike oder ultraleichte und funktionelle Bekleidung sind solche Produkte.

Für den Fachhandel kann Spezialisierung eine weitere Möglichkeit sein, aus der Sackgasse sinkender Umsätze zu kommen. „Wer sich beispielsweise auf Climbing fokussiert, aber nicht nur Equipment zum Klettern anbietet, sondern auch Kletterreisen oder Unfallversicherungen, hat in der Nische die Chance, sich zu profilieren“, so Andreas Steinle. Eine Nische für den kommenden Winter sieht Harald Schreiber, Pressesprecher von Mammut, im steigenden Interesse an Lawinensicherheitsausrüstung wie Suchgeräten für Verschüttete oder auch Lawinenairbags, da es Sportler vermehrt weg von den überfüllten Pisten in gefährlicheres Terrain zieht. Ein neuer Sporttrend, auf den sich zurzeit die Branche stürzt, ist Trailrunning. Mammut und Jack Wolfskin bieten ab 2013 eigene Kollektionen für das schnelle Laufen auf schmalen Pfaden an. The North Face hat dafür schon jetzt spezielle Ausrüstung.

Auch das Internet bietet verschiedene Möglichkeiten, den Verkauf anzukurbeln. Ein Onlineshop, in dem andere Kollektionen als im stationären Handel angeboten werden, ist in der Outdoorbranche mittlerweile gängige Praxis. Zusätzlich wird das World Wide Web für Werbezwecke eingesetzt. Sportscheck beispielsweise erweitert für die Herbst- und Winterkollektion 2012 seine Werbekampagne. Die sportlichen Videosequenzen aus der Ich-Perspektive werden mit starken Marken angereichert und auf der Facebook-Plattform fortgeführt. Hier haben Fans die Möglichkeit, den Verlauf des Videos zu verändern, aus unterschiedlichen Sportarten auszuwählen und zu dem passenden Produkt im jeweiligen Markenshop zu gelangen. Neu im TV-Spot ist eine ungewöhnliche Integration von Marken. Verbunden mit dem erstmals integrierten Markenportfolio soll der Spot die Kaufentscheidung der Verbraucher erhöhen. „Diese interaktive Kampagne setzt neue Maßstäbe im Sportfachhandel“, ist sich Carsten Schürg, Spo rtscheck-Bereichsleiter Marketing und Public Relations, sicher. Die Multisportkompetenz von Sportscheck werde unterstrichen. Ziel der Kampagne ist es, Verbraucher auf die Seite des Onlineshops zu führen.


Doch es gibt nicht nur clevere Ansätze. Einige Aktionen der Branche sind heiß umstritten. So kritisiert der Fachhandel die Markenhersteller, die ihnen mit eigenen Ladengeschäften in besten Innenstadtlagen Konkurrenz machen. Man engagiere sich zunächst relativ stark für eine Marke und wenn es dann gut genug läuft, entwickle sich der Hersteller zum Wettbewerber, fasst Globetrotter-Chef Andreas Bartmann das Konfliktpotenzial zusammen. Beispielsweise verkauft North Face seine Produkte bereits in neun Monomarkengeschäften, möchte weitere Geschäfte hochziehen und hat vor kurzem einen Onlineshop eröffnet.

Mammut, der Hersteller von Allwetterjacken und Wanderstiefeln, hat nach einem Monogeschäft in Bremen auch in der Hamburger Innenstadt einen eigenen Shop eröffnet. „Wir glauben an eine Kombination aus Fachhandel auf der einen und Monobrandstores auf der anderen Seite. Beide ergänzen sich gegenseitig, weil sich die Marke im Monobrandstore in ihrer ganzen Breite präsentieren kann und somit die Marke an sich stärkt. Davon profitiert auch der Handel“, verteidigt Harald Schreiber, der für die Öffentlichkeitsarbeit von Mammut verantwortlich ist, diese Geschäftspraxis der Hersteller. Eine Rolle rückwärts ist daher auch nicht geplant. Eher im Gegenteil. Von 11 auf 13 Geschäfte soll sich die Zahl der deutschen Mammut-Stores in diesem Jahr erhöhen. Weltweit plant Geschäftsführer Rolf Schmid sogar 100 weitere Geschäfte. Schöffel und Lowa gehen noch einen Schritt weiter. Sie machen gemeinsame Sache und verkaufen in zwölf Ladengeschäften in ganz Deutschland ihre Outdoorprodukte. Auch Jack Wolfskin verfügt über ein dichtes Handelsnetz. „Die eigenen Geschäfte sind bei den Herstellern deshalb so beliebt, weil sie hier nicht auf die Auswahl im Fachhandel angewiesen“, sagt der Experte für die Zukunft, Andreas Steinle.

Die Händler machen keinen Hehl daraus, dass ihnen die steigende Zahl der Markengeschäfte zu schaffen macht. „Wenn in direkter Nachbarschaft ein Monogeschäft öffnet, dann merken wir in entsprechenden Produktgruppen eine deutliche Erosion der Umsätze“, äußert sich Andreas Bartmann. Logische Konsequenz der Handelshäuser: Sie verringern das Sortiment der entsprechenden Markenartikler und setzen verstärkt auf Eigenmarken. Sportscheck vertreibt seit 27 Jahren Outdoorprodukte unter der Marke OCK; McKinley, die Outdooreigenmarke von Intersport, gibt es seit 30 Jahren. Globetrotter dagegen hat erst vor wenigen Jahren seine Eigenmarken besser sortiert. Im niedrigen Preissegment gibt es Meru, in höheren Preislagen die Marke mit dem finnischen Namen Kaikkialla. Außerdem testen die Händler neue Standorte. Globetrotter will z. B. verstärkt mit kleineren Geschäften in neuen Lagen expandieren. Man fände es spannend, mal aus der Stadt rauszugehen. Der Händler, bisher nur in Ballungsgebieten vertreten , will im nächsten Frühjahr an einer zentralen Anlaufstelle für Wanderer, Radfahrer und Skiläufer im Harz eine kleine Filiale eröffnen.

Trotz all dieser Probleme: In der Natur sein, sich unter freiem Himmel bewegen, seelische Gesundheit, die Batterie aufladen, entstressen — oder auch sich neu beweisen — sind auch künftig kraftvolle Trends, die die Outdoorbranche stützen können. Jetzt gilt es, diese in Umsätze zu verwandeln.

{tab=Sport ist Mord?}

Nein, doch ausreichende Vorbereitung ist nötig.
Die DAV-Versicherung hat die Bergunfallstatistik veröffentlicht.

  • Die Unfallzahlen beim Klettersteiggehen steigen. Seit 2006 hat sich die Meldequote verdoppelt.

Grund: Klettersteiggeher sind den Gesamtanforderungen des angestrebten Klettersteigs zunehmend nicht gewachsen. Es sind oft wenig Erfahrene von den Unfällen und Notfällen betroffen.

Tipp: Ehrliche Selbsteinschätzung und die entsprechende Auswahl der Tourenziele.

  • Die Meldequote beim Pistenlauf, Snowboarden und Freeriden hat sich seit Mitte der 90er Jahre verdreifacht.
  • Wanderunfälle machen fast ein Drittel aller Meldungen aus. Die Quote ist stabil. Mehr als die Hälfte aller verunglückten Wanderer stolpern, knicken um oder rutschen aus. 20 Prozent bekommen Herz-Kreislaufprobleme, 20 Prozent der Unfälle werden dadurch verursacht, dass der Wanderer festsitzt.
  • Gründe: Es besteht in allen Bergsportarten ein Zusammenhang zwischen der Erfahrung eines Bergsportlers und seinem Unfallrisiko. Vor allem bei den technischen Disziplinen Klettern, Skitourengehen und Bergsteigen/Hochtouren zeigt sich diese Korrelation deutlich. An der Ausrüstung mangelt es nicht. Doch der Fachhandel erweist sich als kompetenter Berater, wenn er auf die Risiken in den einzelnen Sportarten hinweist und sich durch ein Angebot von Praxisübungen und Tipps differenziert.

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