Alle Informationen für den Handel

Markt & Marketing

O’zapft is!

Die Idee ist noch recht jung, doch ihr Auftakt verspricht bereit viel: Sie könnte sich schnell zu einer größeren Erfolgsgeschichte entwickeln. „Crowdfunding“ hat sich vor allem in den USA in wenigen Jahren als gangbare Methode verbreitet, um vor allem Kultur-, Film- und soziale Projekte zu finanzieren. Dabei stellen die Geldsuchenden ihre Pläne öffentlich und in aller Regel über das Internet vor und versuchen, potenzielle Investoren für sich zu gewinnen. Das Besondere daran: Anders als bei Bankkrediten oder Mitteln von professionellen Großanlegern steigen meist mehrere private Kapitalgeber überwiegend mit eher kleinen Summen in die Vorhaben ein. Deswegen ist dieses Finanzmodell in Deutschland auch als Schwarmfinanzierung bekannt — und setzt sich seit kurzem in hohem Tempo durch.

So ging Anfang August 2011 die Plattform „Seedmatch“ als erstes deutsches Crowdfunding-Portal für innovative Startup-Unternehmen an den Start. „Das Beispiel Kickstarter aus Amerika hat uns gezeigt, dass sich größere Beträge zur Verwirklichung einer Geschäftsidee oder zur Gründung eines Unternehmens gewinnen lassen“, sagt Jens-Uwe Sauer, Initiator und Geschäftsführer von Seedmatch. „Gerade technologische Startups brauchen hier Kapital. Doch die Banken halten sich vor allem in den frühen Phasen neuer Firmen eher zurück. Gleichzeitig sind auf der anderen Seite viele Privatanleger daran interessiert zu investieren. Aus dieser Logik haben wir unser Angebot entwickelt, das beide Seiten zusammenbringt.“

Konkret läuft das Verfahren dann so ab: Das betreffende Startup bewirbt sich per E-Mail mit einer Kurzversion des Businessplans oder einer Zusammenfassung des Geschäftsmodells bei Seedmatch. Wenn dort das Konzept interessant erscheint, nimmt die Crowdfunding-Plattform Kontakt mit den Jungunternehmern auf. „Dann lassen wir uns den kompletten Businessplan vorstellen und laden die Gründer anschließend in unser Dresdener Büro ein. Auch sehen wir uns das Zusammenspiel des Teams an und prüfen dessen Kompetenz“, sagt Sauer. Ein weiteres Kriterium ist, dass das neue Produkt einen klaren Kundennutzen haben muss, beispielsweise den Alltag einfacher macht und für potenzielle Investoren greifbar, verständlich und nachvollziehbar ist. Ferner soll der Kapitalbedarf zwischen fünfzig- und hunderttausend Euro liegen und für ein Produkt gedacht sein, das kurz vor dem Markteintritt steht oder gerade frisch in den Handel gekommen ist.

Momentan liegt wegen der hohen Messlatte die Erfolgschance für eine Teilnahme am Crowdfunding über Seedmatch bei etwa dreißig zu eins. Klingt am Ende des Auswahlprozesses alles Erfolg-versprechend, liefert das Unternehmen Material und Texte für das Profil bei Seedmatch, werden Verträge geschlossen — und die Schwarmfinanzierung kann losgehen. Online können sich dann Investitionswillige das Projekt ansehen und sich selbst ein Bild machen, ob sie hier ihr Geld anlegen wollen. „Die Einstiegssumme liegt bei 250 Euro. Im Schnitt sind die Geldgeber aber mit etwa 600 Euro dabei.“ Kommt innerhalb von sechzig Tagen die festgesetzte Summe zusammen, bekommt das neue Unternehmen das Kapital. „Bislang hatten wir eine Erfolgsquote von hundert Prozent“, sagt Sauer. „Wir haben 17 Projekte finanzieren können und insgesamt dafür 1,6 Mio. Euro eingesammelt“, sagt Sauer. Entwickelt sich das so finanzierte Projekt erfolgreich, kann sich das eingesetzte Kapital mit dem Wertzuwachs des Startups in wenigen Jahren vervielfachen — geht das Projekt in die Insolvenz, verlieren die Kleinanleger nur die eingesetzte Summe. Ein Risiko, das also überschaubar bleibt.

{tab=Bildquellen}
Luudoo, Cosmopolshop, Fine Cotton Company, Innovestment (Oliver Schulze, Köln)
{/tabs}


Das erste Startup, das sich in Deutschland bei Seedmatch über Online-Crowdfunding finanzierte, war die Firma Cosmopol. Sie bietet eigens entwickelte Geschenkeboxen, die mit Spezialitäten verschiedener Länder bestückt sind, die nicht im normalen Handel oder in Flughäfen als Souvenir zu haben sind — mittlerweile etwa 600 Produkte. „Wir haben Cosmopol im Dezember 2009 zunächst aus eigenen Mitteln finanziert und aufgebaut“, sagt Michael Kraus, einer der beiden Gründer. „Anfang 2011 kamen wir dann an einen Punkt, an dem wir frisches Wachstumskapital brauchten, um unser Geschäftsmodell weiterzuentwickeln.“ Die Idee, hier auf Crowdfunding zu setzen, war reiner Zufall. „Im Sommer 2011 lernten wir auf einer Messe in Mannheim die Seedmatch-Initiatoren kennen, die damals selbst noch ein Startup waren“, sagt Kraus. „So kamen wir zusammen. Und da unsere Präsentation überzeugte, waren wir die ersten, die in Deutschland online Crowd-Mittel für ihre Firma einwarben“, freut sich Kraus.

Jetzt sind 153 Investoren an Cosmopol still und je nach Anteil prozentual am Gewinn beteiligt, der Anfang eines jeden Jahres ausgeschüttet wird. Wer nach Ablauf einer Art Sperrfrist von sechs Jahren das Geld wieder abziehen möchte, bekommt dann zusätzlich zum Jahresgewinn ein Abfindungsguthaben in sechsfacher Höhe dieser Summe. Im November 2011 begann auch das Crowdfunding-Portal Innovestment mit seinen ersten Auktionen. „Wir haben bei unserer Vorarbeit eine Lücke zwischen öffentlicher Förderung von innovativen Gründerfirmen und klassischen Finanzierungswegen wie beispielsweise Bankkrediten erkannt“, sagt Norbert Töpker. „Für diese Zielgruppe wollten wir daher eine neue Finanzierungsquelle erschließen. Gleichzeitig wollten wir für private Anleger eine neue Anlageklasse schaffen.“ Zu den zentralen Fragen gehörte dabei für Innovestment, wie sich der Wert eines Startups berechnen lässt, das noch keine Geschäftszahlen vorlegen kann. „Wir lösten das mit der Idee, dass die Bewerber um die Anteile selbst das Minimalangebot überbieten können“, sagt Töpker. „So kann der Wert nach Ablauf der sechswöchigen Auktion durchaus höher liegen als ursprünglich gedacht.“

Noch vor dem Markteintritt finanzierte sich bereits Luudoo über Crowdfunding bei Innovestment. „Unsere Idee ist, Gesellschaftsspiele für besondere Anlässe wie Hochzeiten oder Geburtstage als individuelle Sonderanfertigung anzubieten“, sagt Saveen Krishnamurthy, einer der Luudoo-Gründer. „Dafür haben wir die Lizenzen von mehreren bekannten Spieleherstellern wie Schmidt-Spiele bekommen, um in Originalqualität zum Beispiel Brettspiele mit den Fotos von Freunden, Partnern oder Verwandten produzieren zu können.“ Dazu gehören neben Klassikern wie ’Mensch ärgere dich nicht’ auch Kartenspiele oder Puzzle. Um mit ihrer Idee loslegen zu können, sahen sich die jungen Spielehersteller zunächst nach verschiedenen Geldquellen um — und hatten zunächst an einen typischen Bankkredit gedacht. Doch daraus wurde nichts. Als sie dann aber bei ihren Besuchen auf zahlreichen Gründer- und Spielwarenmessen auf Innovestment stießen, war der Weg zum nötigen Kapital klar. „Wir kannten Crow dfunding vor allem aus dem Kulturbereich. Dass das nun für Startups wie uns möglich ist, hat sich für uns als ideal erwiesen“, sagt Krishnamurthy. „Denn wir benötigten zunächst Geld für den technischen Entwicklungsprozess unserer Angebote sowie der Software.“ Ihr Projekt überzeugte dann auch die Anleger und so konnte Luudoo im Juni 2012 mit seinem Sortiment online gehen: In einigen Fällen sind die Investoren heute sogar selbst Kunden bei Luudoo.

{tab=Fine Cotton Company: „maßgeschneidertes“ Beispiel}

Wie erfolgreich greifbare Geschäftsideen mit praktischem Nutzen an Geld aus der Crowd kommen können, zeigt die Fine Cotton Company aus Aachen. „Als passionierte Hemdenträger störte uns immer, dass die meisten dieser Oberteile entweder zu zugeknüpft oder zu offen wirken, weil die Knopfleisten etwas anderes nicht zulassen“, sagt Tobias Hahn, der zusammen mit Philipp Maier auf diesem Gebiet der Herrenmode diese Marktnische entdeckte. „Deshalb bringen wir einen Doppelknopf an den maßgeschneiderten Hemden an.“ Entscheidend jedoch ist, dass sie auf hohe Qualität zu einem erschwinglichen Preis setzen und ihre Hemden in der Europäischen Union zu fairen Bedingungen nähen lassen. Etwa dreißig Investoren überzeugte dieses Konzept und mit dem Geld konnte die Fine Cotton Company ihre Geschäfte entscheidend ausbauen. „Crowdfunding kann ich nur empfehlen“, sagt Hahn. „Sicher ist das Auswahlverfahren und die Präsentation aufwändig. Doch dann hat man als Unternehmer viele Freiheiten und vor allem mit den Anlegern wichtige Multiplikatoren gewonnen.“

{/tabs}
{tab=Bildquellen}
Luudoo, Cosmopolshop, Fine Cotton Company, Innovestment (Oliver Schulze, Köln)
{/tabs}

Lesen Sie weiter


Unternehmen

Warmer Chefsessel

Viele potenzielle Übernehmer bringen zu wenig Eigenkapital mit, um die häufig kapitalintensive Finanzierung der Unternehmensnachfolge zu stemmen. Doch es gibt Lösungen. mehr...

Wir freuen uns über Diskussionen und Ihre Kommentare.
Wie in jeder Gemeinschaft ist es notwendig, dass sich alle Teilnehmer an die Netiquette halten. Durch Ihre Kommentare sollen interessante, gewinnbringende Debatten entstehen, an denen sich andere Nutzer gerne beteiligen. Beleidigungen und Schmähreden sind deshalb ebenso tabu wie Diskriminierungen und die unerlaubte Veröffentlichung persönlicher Daten. Bitte verstecken Sie sich auch nicht hinter Pseudonymen, sondern benutzen Sie Klarnamen.

Kommentar absenden

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *


*

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>