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Umwelt & Ressourcen

Unser Dorf soll schöner werden

Dorfzentren brauchen mehr als nur Shoppingmöglichkeiten. Auf einem Bein ist nicht gut stehen. Das gilt auch für die Nahversorgung mit Lebensmitteln im ländlichen Raum.

Dorfläden mit zusätzlichen Dienstleistungsangeboten wie Gesundheits- und Pflegeservices, Post, Rezeptannahme oder Bargeldauszahlung können sich dagegen durchaus tragen. Im Idealfall übernehmen sie oder ein Partner unter demselben Dach neben der Grundversorgung auch die Funktion eines gesellschaftlichen Treffpunktes. Dann kann selbst auf kleiner Fläche ein tragfähiger Nahversorger entstehen. „Eine Kombination verschiedener Angebote ist für den Erfolg von Nachbarschaftsläden in kleinen Gemeinden eine unabdingbare Voraussetzung”, sagt Malte Obal, selbstständiger Berater von Kommunen und Einzelhändlern. Der Fachmann für zukunftsfähige Versorgungsstrukturen insbesondere im ländlichen Raum weiß: „Für den langfristigen Erfolg muss das Versorgungszentrum ein neuer Magnet in der Gemeinde werden.

” Nur wenn die Bevölkerung mitzieht und regelmäßig mehr als ein paar vergessene Kleinigkeiten kauft, sind in strukturschwachen Regionen erfolgreiche Neugründungen möglich. Den Betreibern der Standorte wird allerdings viel abverlangt: Ihre Gewinnerwartung sollte der Bereitschaft zu hohem Arbeitseinsatz diametral entgegen gesetzt sein. Außerdem ist ein gerüttelt Maß sozialer Kompetenz unerlässlich, denn „die Akzeptanz der Person hinter der Kasse in der Gemeinde entscheidet zu 70 Prozent über den Erfolg des Geschäftes”, sagt Knut John, Geschäftsführer Vertrieb bei Tegut.

„Lädchen für alles”, dieses Konzept hat John für Tegut entwickelt. Das Modell ist auf die Ansiedlung als Grundversorger auf dem Land und in Stadtquartieren zugeschnitten. Die Verkaufsfläche sollte 100 bis 300 qm betragen. Zwischen 1.500 und 3.500 Artikel aus dem regulären Sortiment des Filialisten bieten die Lädchen an. Hinzu kommen lokale Produkte wie zum Beispiel Biofleisch oder Biohonig von Erzeugern aus dem unmittelbaren Umkreis. Die Preise entsprechen denen in der Stadt. Das Warenangebot ist aber nur eine von drei Säulen, auf denen das Modell fußt. Dienstleistungen kommen hinzu, um das Konzept zu stabilisieren. Dabei orientiert sich Tegut an dem, was vor Ort möglich und gefragt ist. Das Angebot reicht von der Postfiliale über die Lottoannahme bis zum Reinigungsservice.

Das dritte Standbein berücksichtigt die Notwendigkeit, einen Grundversorger in kleinen Gemeinden fest in der Wohnbevölkerung zu verankern: Das „Lädchen für alles” ist auch immer ein gesellschaftlicher Treffpunkt, etwa mit einem Café oder einem Aufenthalts- und Versammlungsraum vergleichbar. Das Konzept ähnelt in den Grundzügen dem erfolgreichen Vorzeigemodell „MarktTreff” aus Schleswig-Holstein. In einem Punkt weicht Tegut aber von den meisten anderen Grundversorgermodellen ab: Der Fuldaer Filialist übernimmt die Kosten der Ladeneinrichtung und der Warenausstattung und bleibt ihr Eigentümer. Das Marktinhabermodell erleichtert die Gründung. Vier Märkte nach dem neuen Lädchen-Konzept hat Knut John für Tegut bisher realisiert; zwei davon werden von der Stellenwert gGmbH betrieben, einer Gesellschaft des Vereins Aufwind. Der Verein betreut psychisch kranke und seelisch oder körperlich behinderte Menschen. Betreiber der beiden anderen Lädchen sind die Raiffeisen-Organisation und die Baunataler Diakonie Kassel.

Häufig sind Dorfläden aber nur in sozialer Trägerschaft zu realisieren. Sie profitieren von öffentlichen Zuschüssen für die Beschäftigung von Menschen mit Handicap und haben eine niedrigere Gewinnerwartung. Eine schwarze Null muss am Ende des Jahres aber auch für den Verein Aufwind in den Büchern stehen. Dazu muss der Umsatz am Standort Gertenbach noch gesteigert werden, wie Aufwind-Vorstandschef Matthäus Mihm einräumt. Das Umsatzziel für den nur 95 qm kleinen Laden lautet 650.000 Euro; mit weniger sind die laufenden Kosten nicht zu decken. Doch Matthäus Mihm ist optimistisch: „Es braucht eine gewisse Zeit, bis sich die Einkaufsgewohnheiten der Bürger den neuen Möglichkeiten angepasst haben. Nach einem halben Jahr Betrieb können wir jedoch sagen, wir sind auf einem hervorragenden Weg.” Freude macht der 40 km weiter südlich gelegene Laden in Ringgau-Datterode. „Wir liegen mit dem Umsatz in Datterode schon nach knapp einem Jahr dort, wo wir laut der Wirtschaftlichkeitsanalyse erst 2013 oder 2014 sein sollten”, freut sich Mihm. Das Modell dieses integrativen Nahversorgungszentrums mit medizinisch-pflegerischen Aspekten der Daseinsvorsorge wurde vom Einzelhandelsverband Hessen-Nord entwickelt.


In Datterode kaufte der Verein Aufwind ein leer stehendes Autohaus am Ortsrand. Die großzügige Fläche bietet Platz für den Rewe-Nahkauf-Markt und ein Café, einen Bürger- und Gesundheitstreffpunkt, ein Seniorenbüro, medizinische Betreuung sowie einen Blumenladen und zwei Bankfilialen. Der Verein Aufwind hat den Lebensmittelhandel durch seine Erfahrungen in Datterode als gute Möglichkeit kennengelernt, Menschen mit Behinderung in ländlichen Regionen eine integrative Beschäftigung zu vermitteln. Innerhalb von nur einem Jahr eröffnete die gemeinnützige Gesellschaft Stellenwert vier Märkte. Die Standorte in Datterode, Netra, Gertenbach und Abterode liegen alle im ehemaligen nordhessischen Zonenrandgebiet, einer strukturschwachen Region mit schnell schrumpfender Bevölkerung.

Zwei der Märkte wurden in Zusammenarbeit mit Tegut und zwei unter der Rewe-Vertriebslinie Nahkauf aufgebaut. Das jüngste Mitglied der Familie ist der 115 qm kleine Supermarkt in der ehemaligen Synagoge von Abterode. In dem Ort sind zuvor mehrere Versuche zur Wiederbelebung des lokalen Einzelhandels gescheitert. Um Synergie- statt Kannibalismuseffekte zu erzielen, stimmten Tegut und Aufwind das 3.000 Artikel starke Sortiment auf das Umfeld ab. Der Markt verzichtet auf Zeitungen und Zeitschriften, weil diese bereits von einem anderen Zeitungs- und Lottogeschäft angeboten werden. Die Fleischtheke ist so bestückt, dass sie den örtlichen Metzger nicht in seinen Entwicklungsmöglichkeiten begrenzt.

Aus der Initiative eines Einzelnen ist in Nordrhein-Westfalen ein weiteres Nahversorgerkonzept entstanden, und zwar das Modell „DORV”. DORV steht für „Dienstleistung und ortsnahe Rundumversorgung”. Lehrer und Stadtrat Heinz Frey legte den Grundstein für das Modell, als er 2004 in seiner Heimat Jülich-Barmen den Anstoß zum Aufbau eines Dorfladens mit zusätzlichem Dienstleistungsangebot gab. Mit Unterstützung des Landes Nordrhein-Westfalen wurde DORV zur Marke weiterentwickelt. In Jülich-Barmen ging das Konzept auf. Weitere DORV-Zentren in Stadtteilen von Aachen und Düren sowie im brandenburgischen Seddin befinden sich in unterschiedlichen Phasen der Planung und Realisierung. Die Finanzierung erfolgt über Genossenschaftsanteile der Bevölkerung oder soziale Träger sowie durch öffentliche Zuschüsse.

Gerade genossenschaftliche Träger schränken die Machbarkeit von Projekten jedoch ein. Darum können bei den erfolgreichen MarktTreffs in Schleswig-Holstein bis zu 55 Prozent der baulichen Kosten durch eine Investitionsförderung an die Kommune bezuschusst werden. Wie Projektleiterin Christina Pfeiffer im Kieler Landwirtschaftsministerium erläutert, würden vor allem Geld aus der Bund-Länder-Gemeinschaftsaufgabe „Agrarstruktur und Küstenschutz” sowie EU-Mittel eingesetzt. Die Kommune stellt Mittel für den Eigenanteil der Förderung bereit. „Es gab schon einige Betreiberwechsel, aber wir haben noch keinen Standort verloren”, erläutert Christina Pfeiffer. Seit Beginn der Initiative 1999 wurden 28 MarktTreffs aufgebaut, drei davon ohne Fördermittel. Aus dieser Erfahrung weiß sie, „entscheidend für den Erfolg ist, dass die Gemeinde und ihre Bürger voll hinter ihrem MarktTreff stehen”.

{tab=Für die Alltagsdinge}

  • Der Handel unternimmt erhebliche Anstrengungen, um Konzepte zur Sicherung der Grundversorgung mit Lebensmitteln und anderen Gütern des täglichen Bedarfs zu entwickeln und umzusetzen. In vielen Flächenländern gibt es dazu bereits Initiativen und Tests.
  • In Hessen entwickeln die Einzelhandelsverbände und das Landesministerium für Umwelt, ländlichen Raum und Verbraucherschutz die Marke H-Treff für Dorfzentren. Einzelhändler und Kommunen können Markennutzung beantragen.
  • Der Einzelhandelsverband Ostwestfalen-Lippe analysierte mit der BBE Handelsberatung Münster, Edeka und den Städten Bielefeld, Paderborn und Porta Westfalica wirtschaftlich tragfähige Konzepte unterhalb der Großfläche; das Modellprojekt wurde vom Land gefördert.
  • In Baden-Württemberg erarbeiteten der Handelsverband und das Wirtschaftsministerium den Leitfaden „Der Nahversorgung eine Chance!”. Dokumentiert sind darin 14 Konzepte mit 40 Betrieben, die sich in der Praxis bewährt haben. In einer Veranstaltungsreihe informiert der HV mit der Landesregierung, dem Gemeindetag und der Akademie ländlicher Raum über Perspektiven der Nahversorgung. Letzter Termin der Reihe: 8. Juni 2011 (Wiesloch).

{tab=Zitat}
„Keinen Standort verloren.”
Christina Pfeiffer, MLUR Kiel
{/tabs}

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