Alle Informationen für den Handel

Menschen & Management

Sonntags geöffnet

Sie laufen beinahe außer Konkurrenz und haben ihr eigenes, kunst- und kulturliebendes Publikum: Museumsshops.

Ein verregneter Sonntag. In der Flugwerft Schleißheim bei München herrscht reger Betrieb: Jugendliche und nicht mehr ganz so junge Männer sitzen gebannt vor den Flugsimulatoren, im Kino läuft ein Film über die Pioniere des Flugzeugbaus, ein knappes Dutzend Kinder wartet ungeduldig darauf, ein Modellflugzeug im Kreis fliegen zu lassen, während die übrigen Besucher zwischen den ausgestellten Flugzeugen umherschlendern. Vor dem Ausgang liegt der Shop. Dort stöbern sieben oder acht Besucher in allem, was das Flugzeugfan-Herz begehrt: Bücher über Luftfahrtpioniere, Puzzles und Postkarten mit Flugzeugmotiven, Flugzeug-Quartetts und Modellbausätzen. Die Kasse rattert. Noch vor 20 Jahren gab es diese Außenstelle des Deutschen Museums nicht, denn die Flugwerft Schleißheim wurde erst 1992 als Museum für Luft- und Raumfahrt eröffnet. Vor 20 Jahren gab es das in Deutschland überhaupt noch nicht: Museumsshops.

Der wahrscheinlich erste seiner Art öffnete 1990 in der Kunsthalle Bremen. Eine Mitarbeiterin hatte die Idee dazu aus den USA mitgebracht. Kunst und Kommerz galten damals in Deutschland noch als Albtraumpaar. „Die Kollegin damals war begeistert, hatte aber wohl große Schwierigkeiten, die Direktoren von der Idee zu überzeugen”, erzählt Sabine Heuß, die heute den Shop in der Kunsthalle Bremen leitet. Vor rund 13 Jahren fing sie als Ehrenamtliche dort an, merkte aber schnell, dass das Shopmanagement mit ein paar Stunden Ehrenamt nicht abzudecken ist. Seit zehn Jahren ist sie in Vollzeit angestellt, herrscht über stolze 150 qm Verkaufsfläche und koordiniert den Einsatz von rund 60 ehrenamtlichen Shop-Mitarbeitern. Das Sortiment hat sie liebevoll und kunstsinnig, und natürlich passend zu den Museumsschätzen zusammengestellt. Etwa die Hälfte des Sortiments besteht aus Büchern. „Wir sind inzwischen die bestsortierte Kunstbuchhandlung in Bremen”, sagt Sabine Heuß stolz. Daneben bietet sie „alles, was der Besucher gerne mitnimmt”, etwa Postkarten, Kunstdrucke und Geschenkartikel wie Magnete, Notizbücher, Kalender und Regenschirme.

Neu im Shop sind Hörbücher, die sich mit Kunst, Philosophie und Wissenschaft beschäftigen. Für die engagierte Shopmanagerin sind Kunst und Kommerz heute ein sehr harmonisches Paar: „Unser erstes Anliegen ist es, den Bildungsauftrag des Museums weiterzuführen. Die Besucher kommen aus der Ausstellung und wollen vertiefen, was sie gesehen haben oder einfach ein Erinnerungsstück mitnehmen. Für sie endet der Museumsbesuch erst mit dem Shopbesuch. Und für das Museum ist der Shop ein wichtiger Wirtschaftsfaktor geworden; aus unseren Erlösen wurden schon etliche Ankäufe finanziert.” Etwa 70 Prozent der Museumsbesucher betreten den Laden und kaufen für durchschnittlich 12 Euro ein. Da der Laden noch vor der Kassenzone liegt, kommen mitunter sogar Kunden von außerhalb, die keine Ausstellung besuchen, aber ein besonderes Geschenk kaufen wollen.


Erinnerungsstücke und Geschenke mit Bezug zum Museum bieten auch die insgesamt vier Shops des Deutschen Museums in München (einen fünften gibt es in Bonn), zu denen der in der Flugwerft Schleißheim gehört. Anders als im Reich von Sabine Heuß ist dort zwar kein einziges Kunstbuch zu finden, dafür gibt es rund 8.000 Artikel mit naturwissenschaftlichem Bezug, von der Postkarte über Mondgestein bis hin zum Roboterbausatz. Die inhaltliche Klammer ist hier das Motto „Wissen macht Spaß”, sagt Yehoshua Chmiel, geschäftsführender Gesellschafter der Museum 4 You GmbH. „Wir führen alles, was spielerisch mit Naturwissenschaft zu tun hat. Das muss nichts besonders Ausgefallenes sein. Auch ein Flummiball ist schließlich ein chemisch und physikalisch interessantes Objekt.” Seit 1999 betreibt der Unternehmer als Pächter die Shops für das Deutsche Museum.

Heute hat praktisch jedes Museum einen Shop. In den letzten zehn bis 15 Jahren haben die Museen ihre Vorbehalte gegen den Kommerz im Kulturbetrieb deutlich abgebaut, wenn auch nicht ganz freiwillig: Schrumpfende Etats und steigende Kosten zwingen sie schlicht dazu, neue Finanzierungsquellen zu erschließen. Im August 2010 stellte das Beratungsunternehmen A. T. Kearney in einer Studie zur Zukunft von Kultureinrichtungen lapidar fest: „Ein weiterer wesentlicher Hebel zur Finanzierung von Kultureinrichtungen ist eine verstärkte Ausrichtung auf den kulturinteressierten Besucher, der auch als Konsument begriffen werden sollte. Aber auch eine stärkere Einbindung von Einzelhändlern und Gastronomen (…) bietet enormes Potenzial und Möglichkeiten zur Eigenfinanzierung.” Die Autoren der Studie empfehlen den Kultureinrichtungen, sich finanziell auf drei Standbeine zu stellen, deren schwächstes die öffentlichen Mittel sind.

20 bis 30 Prozent der Mittel sollten sie über Sponsoren aus der Wirtschaft eintreiben und 50 bis 60 Prozent von den Besuchern über Eintrittsgelder, Shops, Gastronomie, Veranstaltungen usw. International bekannte Museen machen vor, wie das geht: In den Shops des Metropolitan Museum of Arts in New York gibt jeder „Kulturkonsument” durchschnittlich 11,80 Euro aus, in der Londoner Tate Gallery sind es 6,60 Euro und im Pariser Louvre immer noch 2,40 Euro. Bei 8,5 Mio. Besuchern jährlich allein für den Louvre ergibt sich da eine stattliche Summe. Je attraktiver das Museum, desto besser läuft der Laden. „Für uns lohnt sich ein Shop ab 180.000 bis 200.000 Besuchern im Jahr, ideal ist eine Lage in der Eingangshalle, wo unser Angebot gut sichtbar ist”, sagt Alexander Fietz, geschäftsführender Gesellschafter der Cedon Museum Shops GmbH, die elf Läden in zehn Museen betreibt und damit einer der größten Spieler der Branche in Deutschland ist.


Cedon Shops finden sich beispielsweise in den drei Pinakotheken in München, im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg, im Jüdischen Museum und im Deutschen Historischen Museum in Berlin sowie im Liechtenstein Museum Wien. Trotz dieser Größe betrachtet Cedon sich nicht als typischen Handelsfilialisten. „Wir sind natürlich Händler, aber für die Museen sind wir Dienstleister. Wir entwickeln für jedes Museum ein maßgeschneidertes Sortiment, das zu seinen Inhalten passt und lassen auch Produkte entwickeln, die es so sonst nirgends gibt. Nach außen haben wir kein eigenes Corporate Design, denn wir wollen als Bestandteil des Museums wahrgenommen werden, nicht als Fremdkörper.” Der Erfolg gibt ihm recht. Durchschnittlich gehen nach Erfahrungen von Alexander Fietz etwa die Hälfte der Museumsbesucher in den Shop und verweilen dort bis zu einer Dreiviertelstunde; das ist sehr lang für jemanden, der ursprünglich nicht mit einer festen Kaufabsicht gekommen ist.

Etwa ein Drittel aller Besucher kauft zur Abrundung des Museumsbesuches etwas, wobei Postkarten und Bücher zum Ausstellungsthema die Renner sind. Der Durchschnittsbon liegt, je nach Museum und Besucherstruktur, bei 10 bis 20 Euro. Fietz’ Fazit: „Wir schaffen etwas für einen speziellen Standort, das es sonst so nicht gibt. Dazu bringen wir unser Know-how ein. Für die Museen ist es sinnvoll, mit einem externen Partner zusammenzuarbeiten, weil sie sich entlasten. Schließlich ist Einzelhandel ein komplexes Geschäft, das nicht jeder Kunsthistoriker nebenher beherrschen kann.” Yehoshua Chmiel sieht das ähnlich: „Wir haben das Know-how und die Größe, die Shops betriebswirtschaftlich so rentabel zu machen, wie es die einzelnen Museen das gar nicht schaffen könnten. Dabei sind die Shops als Profit-Center für die Museen sehr wichtig.”

Mit ihren individuellen Konzepten und Spezialsortimenten tragen die Museumsshops nicht nur zu einer kulturellen Bereicherung in Form der Museumsfinanzierung, sondern auch zu einer Belebung der Handelslandschaft bei, findet Thomas Grothkopp, Geschäftsführer des Bundesverbandes für den Gedeckten Tisch, Hausrat und Wohnkultur: „Filialisten wie Cedon leisten bereichern das Angebot durch Nischenprodukte, die der Uniformierung des Angebots durch andere Filialisten entgegenwirken.”
Betreiber von Museumsshops sind im Einzelhandelsverband daher herzlich willkommen, schließlich drängen sie zunehmen in die Vertikalisierung. Weniger begeistert zeigt Grothkopp sich allerdings davon, dass die Kommerzinseln im Kunstbetrieb von den Zwängen der Ladenschlussgesetze befreit sind: „Kritisch sehe ich den Wettbewerbsvorteil, den Museumsshops gegenüber anderen Händlern genießen, die sonntags nicht öffnen dürfen.”

Die Shops in den verschiedenen Zweigstellen des Deutschen Museums in München beispielsweise haben an sieben Tagen pro Woche von 9 bis 18 Uhr geöffnet und insgesamt gerade einmal neun Schließtage im Jahr. Davon könnte ein „normaler” Geschenkartikelhändler in Bayern mit seinem vergleichsweise rigiden Ladenschlussgesetz nur träumen. Dennoch: Für die Museumsshop-Spezialisten sind nur wirklich große Häuser wie das Deutsche Museum und die Schleißheimer Flugwerft mit sehr hohen Besucherzahlen wirtschaftlich interessant. Für einen lokalen Geschenke-, Schreibwaren- oder Buchhändler könnte sich aber auch ein Shop mit Gastronomie-Angebot in einem kleineren Museum lohnen. Auch hier gilt es, ganz individuelle Konzepte für kaufkräftige Kulturkonsumenten zu entwickeln.

{tab=Zitat}

„Etliche Ankäufe finanziert.”
Sabine Heuß, Kunsthalle Bremen

„Die Konzepte sind individuell entwickelt.”
Alexander Fietz, Cedon

{/tabs}

Lesen Sie weiter


Unternehmen

BTE-Workshop Kreativtechniken

Werbung und Marketing im Mode- und Schuhhandel verändern sich rasant. Gefragt sind gute Geschichten in neuen Medien. Ein BTE-Workshop am 9. Mai 2017 in Köln vermittelt Techniken der kreativen Ideenfindung. mehr...

Wir freuen uns über Diskussionen und Ihre Kommentare.
Wie in jeder Gemeinschaft ist es notwendig, dass sich alle Teilnehmer an die Netiquette halten. Durch Ihre Kommentare sollen interessante, gewinnbringende Debatten entstehen, an denen sich andere Nutzer gerne beteiligen. Beleidigungen und Schmähreden sind deshalb ebenso tabu wie Diskriminierungen und die unerlaubte Veröffentlichung persönlicher Daten. Bitte verstecken Sie sich auch nicht hinter Pseudonymen, sondern benutzen Sie Klarnamen.

Kommentar absenden

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *


*

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>